Köln - Einblicke in die inneren Dunkelkammern

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Einblicke in die inneren Dunkelkammern

Von: Christian Rein
Letzte Aktualisierung:
Auch diese Arbeit von Jürgen
Auch diese Arbeit von Jürgen Klauke ist im Kunst- und Kulturzentrum der Städteregion in Monschau zu sehen. Sie trägt den Titel „Daseinsrenovierung” aus der Werkgruppe „Desaströses Ich” (1996/1997). Foto: Jürgen Klauke

Köln. Zig Mal Klauke. Der Kopf des Künstlers breitet sich in seinem Atelier aus. Auf dem nackten Boden liegen die quadratischen Porträts in gleich zwei großen Rechtecken angeordnet, als Tableaus.

Jedes der Gesichter ist anders, obwohl es immer das gleiche Gesicht ist: Ausdrücke, Eindrücke, Zustände, Verschwindendes. Offensichtlich sind es noch keine fertigen Abzüge. Der echte Klauke läuft achtlos daran vorbei. Er trägt zwei Tassen Kaffee hinüber zum Schreibtisch, zündet sich eine Zigarette an und sagt: „Ich bin kein Fotograf.”

Weltweite Aufmerksamkeit

Jürgen Klauke ist einer der bedeutendsten deutschen Künstler der Gegenwart. Er ist nicht so populär wie Gerhard Richter oder Neo Rauch, und doch genießt auch sein Werk weltweite Aufmerksamkeit. Es wurde unter anderen in der Hamburger Kunsthalle gezeigt oder in der Kunst- und Ausstellungshalle der Bundesrepublik in Bonn, im Guggenheim-Museum in New York oder im Museum Of Contemporary Art in Tokio. Erst kürzlich hat das Centre Pompidou in Paris einige von Klaukes Bildern erworben. Die Werke, die in diesen Häusern gezeigt werden, sind fast ausschließlich Fotoarbeiten. Mit ihnen hat sich Klauke seit den frühen 70er Jahren einen Namen gemacht. Mehr noch: Er war seinerzeit ein Pionier der Foto- und Video-Kunst. Bis heute ist sein Werk einzigartig, ist Klauke nicht einzuordnen in Richtungen oder Gruppierungen.

Ab diesem Samstag, 11. Februar, ist eine Auswahl von Klaukes Arbeiten im Kunst- und Kulturzentrum der Städteregion in Monschau zu sehen.

Fotografen, erklärt Klauke, setzen sich mit dem Realen auseinander, „der Welt da draußen”, von der sie ein Abbild schaffen. Bei seiner Kunst spreche er dagegen von konzeptioneller, inszenierter Fotografie, von der Welt als Vorstellung, von inneren Bildern. „Ich imaginiere”, sagt Klauke. „Meine Bilder entstehen aus der Vorstellung heraus, aus den inneren Dunkelkammern, Ablagerungen und Welt-Wahrnehmungen, die aber geschreddert und reflektiert werden.” Klauke spricht von einer „Ästhetisierung des Existenziellen”: „Im Zentrum steht das Mensch-Sein mit seinen Konstanten: Liebe, Sehnsucht, Begehren, Tod - letztlich: der Mensch allein im Raum.” Diese Konstanten nimmt sich Klauke immer wieder vor, beleuchtet sie unter den sich verändernden Bedingungen einer Welt im Wandel, hinterfragt sie und will für die „Wiederkehr des immer Gleichen immer neue Bilder finden”.

Das klingt sperrig, und das ist es auch. Klauke, 1943 in Kliding bei Cochem an der Mosel geboren, hat es dem Betrachter schon mit seinen frühen Arbeiten nicht leicht gemacht. Ende der 60er, Anfang der 70er Jahre war das. Das Medium Fotografie hatte in der Kunst noch keinen festen Platz. Doch es war nicht nur die Technik, sondern auch die Wahl des Themas, die provozierte: Klauke beschäftigte sich in dieser Zeit mit Geschlechter-Identitäten. Er entwarf bizarre Zwitter-Wesen, Selbstbefruchter, Mannsweiber und Weibsmänner, Umbauten und Weiterbauten der Geschlechter. Zunächst zeichnete er diese Figuren. „Ich und ich” hieß das Buch, das Klauke seine „Hexenküche” nennt, die Basis für seine frühen fotografischen Arbeiten. Er zeichnet übrigens bis heute, es ist nur ein weniger bekannter Teil seines Werks. Walther König verlegt gerade Klaukes zeichnerisches Buch „Entlang der Cioran-Linien”.

Dann lernte Klauke in Amsterdam Manfred Heiting kennen, einen heute bekannten Sammler von Foto-Kunst. Heiting war damals Jungmanager bei Polaroid und schenkte Klauke gelegentlich eine Kamera und Filme. Es war diese Ausstattung, die Klauke die Möglichkeit gab, zu experimentieren, zu spielen, und die Fotografie letztlich als selbstständiges Medium zu nutzen, das andere Aussage-Möglichkeiten bietet als Tusche oder Wasserfarben. Aus den gezeichneten Zwitterwesen wurden in den Fotografien „Transformer”, dargestellt von Klauke selbst.

Ein nüchterner Werkraum

In der Mitte des Ateliers steht ein großer Arbeitstisch aus Holz, hoch, so wie ihn ein Schneider in früheren Tagen wohl benutzt hätte. Darauf liegen Bücher und Arbeitsmaterialien. An der langen Wand dahinter ist ein weiterer Arbeitsbereich. Es gibt einen Computer, mehrere Bildschirme. An der Mauer hängen afrikanische Masken aus dunklem Holz. Vor der kurzen Wand, an der einige Großformate lehnen, steht ein ausgedienter Zahnarzt-Stuhl. Es ist ein nüchterner Werkraum, dessen aufgeräumte Unordnung eine eigene Gemütlichkeit verbreitet.

So wie Klauke dort sitzt, in seinem Atelier, sieht man ihm nicht an, dass er bald 70 Jahre alt wird. Nur wenn er seine Brille aufsetzen muss, verliert er ein wenig von seiner Jugendlichkeit. Seit 1968 lebt er fest in Köln. Er hat sich im Herzen der Stadt eingerichtet. Von 1993 bis 2008 war er Professor für künstlerische Fotografie an der Kunsthochschule für Medien.

Neben der Sexualität und den Geschlechterfragen zieht sich ein anderes großes Thema durch Klaukes Werk: die Zeit und ihr ständiges Verrinnen, die Zeit und ihr Inhalt. Seine Arbeiten haben Titel wie „Sonntagsneurosen” (1990/ 1992) oder „Daseinsrenovierung” aus der Werkgruppe „Desaströses Ich” (1996/1997). Sie konfrontieren den Betrachter mit seiner eigenen Leere, den Unzulänglichkeiten des Lebens, mit der Nicht-Erfüllung seiner Wunschvorstellungen und mit der Nicht-Erfüllung der Heilsbotschaften, die Politik oder Religionen versprechen. Klaukes Kunst ist ein Abarbeiten am menschlichen Scheitern. Sie stellt ein durchökonomisiertes Dasein infrage, das von Effizienz, schneller Verständigung und Wachstum geprägt ist.

Ja, das ist sperrig. Klauke sagt: „Gute Kunst muss den Betrachter verunsichern oder in Krisen stürzen. Auf diese Weise kommt er zu einer anderen Wahrnehmung der Welt und des Selbst. Das finde ich ganz schön. Kunst ist ja nicht etwas, das zu einem schnellem allgemeinem Einverständnis führen soll, sondern sie muss polarisieren.”

Dauernd taucht Klauke in seinem Werk auf. Er breitet sich vor dem Betrachter aus. Und doch sieht der nicht Klauke. „Ich bin Material”, erklärt der Künstler, „Mittel der Darstellung wie der Tisch, der Stuhl oder der Eimer.” Es könnte also jeder sein, der dort abgelichtet wird. Es könnte der Betrachter selbst sein, dem immer wieder der Atem stockt und das Lachen im Halse stecken bleibt, wenn er feststellen muss, dass ihm nur der Spiegel vorgehalten wird. Und doch ist es Klauke, zig Mal und zig Mal mehr. Er ist Stellvertreter für das Menschenbild. Es gehe ihm aber auch um die Glaubhaftigkeit der Aussagen in seinen Bildern, um eine zusätzliche Wahrhaftigkeit, die sie durch die Anwesenheit seiner Person erhielten, sagt er. Und er sagt auch: „So könnte es zumindest sein.”

Eines von Klaukes Lieblingsworten ist Sehnsucht. Es ist die Sehnsucht, die weiß, dass es da noch etwas anderes geben muss. Klauke sagt: „Es sehnsüchtelt nach allem und noch viel mehr. Und dieses Süchteln hält mich in Form, durch Fragen in immer neuen Bild-Entwürfen.”

Ausstellung bis zum 29. April in Monschau

Die Ausstellung „Jürgen Klauke - Fotoarbeiten” wird ab diesem Samstag, 11. Februar, bis zum 29. April im Kunst- und Kulturzentrum der Städteregion, Austraße 9 in Monschau, gezeigt. Die Vernissage beginnt am Samstag um 16 Uhr, der Künstler ist anwesend, der Eintritt ist frei. Öffnungszeiten: dienstags bis freitags 14 bis 17 Uhr, samstags und sonntags 11 bis 17 Uhr.

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