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Ein Regelwerk für Roetgener Bauherren

Von: hes
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Anlass für die Erarbeitung eines Gestaltgutachtens für Roetgen bietet der nach wie vor hohe Siedlungsdruck, der seit den 1970er-Jahren die bis dahin dörflich geprägte, lockere Baustruktur mit Einzelhäusern zunehmend städtisch überprägt. Foto: Heiner Schepp
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Vertreter von Rat und Verwaltung der Gemeinde Roetgen und die Städtebau-Experten der RWTH Aachen gaben nun gleichsam den Startschuss für das Gestaltgutachten in Roetgen. Foto: Heiner Schepp

Roetgen. „Wir liegen falsch, wenn wir mit unserem Gutachten das Bauen in Roetgen einschränken oder gar verhindern“, sagte Professor Rolf Westerheide am Dienstag bei der Vorstellung des sogenannten Gestaltgutachtens für die Gemeinde Roetgen.

Anlass für die Erarbeitung eines Gestaltgutachtens ist der nach wie vor hohe Siedlungsdruck, der seit den 1970er-Jahren die bis dahin dörflich geprägte, lockere Baustruktur mit Einzelhäusern zunehmend städtisch überprägt. Während die Ortslagen bis Mitte der 1990er-Jahre zunächst deutlich in die Fläche wuchsen, wurden in den letzten 20 Jahren verstärkt bisher unbebaute Innenbereiche für Nachverdichtungen genutzt.

Für das gesamte Spektrum baulicher Tätigkeit – von Abbruch, Umbau und Erweiterung bis zur Neuerrichtung von Gebäuden – ebenso wie für die Gestaltung öffentlicher Räume sollen Gestaltungsspielräume definiert werden, um einerseits eine bauliche Entwicklung im Bestand weiter zu ermöglichen und andererseits ortsbildprägende Alleinstellungsmerkmale in den einzelnen Ortsteilen zu sichern.

Das Gestaltgutachten für die Gemeinde Roetgen, das im Frühjahr 2016 vorgelegt werden soll, beschreibt und bewertet ortsbildprägende Gestaltparameter für die Ortsteile Roetgen, Rott und Mulartshütte. Auf dieser Grundlage wird der gestalterische Steuerungsbedarf konkretisiert. Im Ergebnis werden die rechtlichen Vorgaben für die Sicherung von Gestaltungsvorgaben thematisiert.

„Die Teilnahme und das Engagement aller Bürgerinnen und Bürger sind Voraussetzung dafür, gemeinsam ein nachhaltiges und identitätsstiftendes Ortsbild für alle Ortsteile zu entwickeln“, heißt es in einer Pressemitteilung der Gemeinde, die beim Ortstermin im Roetgener Haus vorgelegt wurde. Diesem Termin wohnten neben Vertretern von Rat und Verwaltung der Gemeinde Roetgen auch die Experten der Fakultät für Architektur am Lehrstuhl für Städtebau und Landesplanung der RWTH Aachen bei, die das Gutachten derzeit erarbeiten.

„Wir haben ein historisches Erbe“, sagte Professor Rolf Westerheide zur Ausgangslage des Gutachtens, dessen Ergebnis sich an Verwaltung, Architekten und Bauherren richten werde, um in Zukunft eine stimmigere Entwicklung Roetgens zu erwirken. „Dabei geht es nicht um das ‚ob‘, sondern um das ‚wie‘ bei den Fragen der Bebauung“, sagte Westerheide, der es für besonders wichtig hält, „die Bürgerschaft für die Ziele des Gutachtens zu gewinnen“.

Roetgens Bürgermeister Jorma Klauss sagte, die Politik werde „mit dem Gestaltgutachten umgehen“ und diskutieren müssen, „ob am Ende eine Empfehlung oder eine Vorschrift für Bauherren steht“. Silvia Bourceau (UWG) freute sich auf die Ergebnisse der Studie: „Es gab in der Vergangenheit zu diesem Thema sehr breit gestreute Meinungen. Deshalb brauchten wir jemand Externen, der unbefangen auf die Sache schaut. Wir brauchen ein kleines, feines Regelwerk, das nicht als Gängelung empfunden wird, sondern die Entwicklung und Gestaltung unserer Orte in die richtige Richtung lenkt“, sagte Bourceau.

Den Vorbericht des Gutachtens haben Professor Westerheide, Diplom-Ingenieur Stefan Krapp und die Mitarbeiter der Fakultät in drei Bereiche unterteilt, die im folgenden auszugsweise zitiert werden.

Befunde für ein Gestaltgutachten in Roetgen: Alle Ortsteile der Gemeinde Roetgen erlebten seit den 1970er-Jahren einen kontinuierlichen Bevölkerungsanstieg von insgesamt ca. 100 Einwohnern pro Jahr, der erst in den letzten Jahren etwas abflacht. Die hohe Bevölkerungsdynamik ist positiv für die Gemeindeentwicklung. Sie führt zusammen mit einer, hohen baulichen Dynamik aber zunehmend dazu, dass die dörfliche Identität in den Hintergrund tritt. Im Zusammenhang mit größeren, aber auch bei kleinen, scheinbar unbedeutenden Bauprojekten stellt sich verstärkt die Frage, ob die Bautätigkeit mehr gesteuert werden soll, um die Wohn- und Lebensqualität in Roetgen zu erhalten. Eine ortstypische bzw. regionaltpyische Bauweise und Bauform ist nur bis Anfang/Mitte des 20. Jahrhunderts ablesbar.

Seit den 1950er-Jahren dominieren der sogenannte „Zeitgeist“ und ein zunehmendes Bedürfnis nach Individualisierung das Bauen mit einer großen Vielfalt, aber gleichzeitig auch Beliebigkeit in der Architektur. Historische Bausubstanz bzw. ein orts- bzw. regionaltypisches Bauen bleibt als Typik erkennbar und wird auch positiv wahrgenommen („Grundrauschen“), ist in vielen Bereichen aber bereits überprägt. Seit Jahren ist ein stetiger Qualitätsverlust in der gebauten Umwelt festzustellen. Dörfer mit ausufernden Neubaugebieten, Gebäude mit beliebiger Material- und Formenvielfalt, einer oftmals durch Solartechnik verunstalteten Dachlandschaft, energetische Modernisierungen ohne gestalterische Einfügung und Anspruch bestimmen das derzeitige Bild.

Hohe Bauqualität drückt das Selbstverständnis von Stadt, Dorf oder Region und ihrer Bürger aus. Überall dort, wo das Bild und der Charakter einer Stadt oder einer Region unverwechselbar geprägt werden, ist hohe Bau- und Planungsqualität unverzichtbar. Konkretes Bauen und Gestalten bedeutet, Verantwortung zu zeigen für seine eigene, aber auch die Umwelt seiner Mitmenschen. Somit ist die Kultur des Planens, Bauens und Gestalten ein Thema, das jeden Ort mit seiner Bürgerschaft betrifft.

Ziel des Gestaltungsgutachtens: Worum geht es bei der breit angelegten Untersuchung zur städtebaulichen und ortsbildprägenden Gestalt in der Gemeinde Roetgen als Teil der traditionsreichen Eifel in NRW? Die Gemeinde Roetgen verfolgt das Ziel, die künftige städtebauliche Entwicklung stärker an ortstypischen Siedlungsstrukturen und Bauweisen zu orientieren und das baukulturelle Erbe nachhaltig zu sichern. Das Gutachten soll auf die Bedeutung und die Wirkung von Architektur, Städtebau, Freiraum und regionaler Baukultur hinweisen: für die Wohn- und Lebensqualität am Ort, für die regionale Identität der Eifel und der Gemeinde Roetgen, für die wirtschaftliche Entwicklung, insbesondere für Fremdenverkehr und Tourismus, für die Profilierung des besonderen Charakters der verschiedenen Ortslagen.

Das Baugeschehen in der Gemeinde Roetgen ist ausgesprochen dynamisch. Dies verlangt in Zukunft eine besonders gut fundamentierte Gestaltsteuerung, um nicht die ortsbildprägenden und identitätsstiftenden Baustrukturen zu überformen und somit den über Jahrhunderte entstandenen Charakter der drei Ortsteile Mulartshütte, Roetgen und Rott zu zerstören.

Gebäude-, Haus- und Hofformen mit den dazugehörenden Außen- und Wirtschaftsflächen, Orientierungen zu Wegen, Straßen und öffentlichen Räumen und Orten, die Anlage prägender Freiraumstrukturen mit Hecken, Bäumen, Durchblicken und Begrenzungen, die Integration der zum Teil bewegten Topographie bis zur Materialität der Häuser, Scheunen und Ställe erfolgte nicht zufällig, sondern passte sich den örtlichen Gegebenheiten an und bildete somit über lange Jahrzehnte ein hoch angepasstes und gut funktionierendes Zusammenspiel von Baustruktur, Nutzung, Freiraum und Landschaft.

Das Gestaltgutachten soll kein Instrument der Verhinderung von Entwicklungen und der Einschränkung privater Handlungsspielräume sein. Vielmehr soll es für die weiteren Bau- und Gestaltungsmaßnahmen einen Rahmen setzen, der die Kontinuität der bisherigen historischen Entwicklung auch unter den zeitgemäßen städtebaulichen Anforderungen gewährleistet. Wesentliches Ziel ist daher, das historisch bedeutsame und städtebaulich charakteristische Gesamtbild zu erhalten, zu entwickeln und wieder stärker zur Wirkung zu bringen. Über dieses Ziel muss zwischen den Akteuren – Bürgern, Verwaltung, Planern – Konsens bestehen.

Zeitgemäßes Bauen: Es geht nicht um das Kopieren und Nachbauen traditioneller Haustypen oder die Übernahme von ästhetischen Konzepten vergangener Zeiten. Der Ort, die regionale Bautradition und die besonderen Prägungen der jeweiligen Orte sollen vielmehr als Stimulanz für eine kreative moderne Auseinandersetzung mit dem Planen, Bauen und Gestalten begriffen werden.

Angesprochen sind hierbei sowohl die städtischen Konzepte zur Bauleitplanung, das konkrete Gestalten einzelner Bauprojekte und die Intensivierung der Baukultur, die sich neben den Aspekten des privaten Bauens ebenso in vielfältigen eher „kleinen“ Maßnahmen im öffentlichen Raum und auf den privaten Flächen entfalten kann.

Neubauten, Um- oder Anbauten sollten durch ihre Gestaltung nicht nur ein heutigen Ansprüchen entsprechendes Lebensgefühl vermitteln, sondern sie müssen insbesondere heutigen Wohnbedürfnissen und technischen wie energetischen Anforderungen genügen, sowie eine nachhaltige und wertbeständige Investition darstellen. Verantwortungs- und qualitätsvoll neu planen und bauen bedeutet, den Ort, die Umgebung und die regionale Bautraditionen zu berücksichtigen. Neu und Alt müssen keine Widersprüche darstellen. Dies belegen gute gebaute Beispiele aus der Region.

Neben den Empfehlungen zum Bauen und Gestalten in Roetgen werden sich die Politik und die Gemeindeverwaltung mit der Bürgerschaft überlegen müssen, welche Empfehlungen sie zur zukünftigen gestalterischen Entwicklung festschreiben wollen und wie das zukünftige Baugeschehen gesteuert werden soll.

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