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Ein Haus, das auf dem Weg zum Selbst entsteht

Von: Marlon Gego
Letzte Aktualisierung:
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Lage auf Lage: Ende März soll der aus dann 300.000 Bierdeckeln bestehende Bungalow von Sven Goebel fertig sein. Die Deckel hat eine Kölner Brauerei gesponsert. Foto: gego

Schleiden. Sven Goebel kann durch die Fenster hinunter in den Nationalpark sehen, während er nach oben neue Weltrekorde baut. Vor ihm liegt der Urtfsee, noch unentschieden, ob er zufrieren soll oder nicht, inmitten von matten Bäumen ohne Laub und von weich geschwungenen Hügeln umgeben, die der Schnee bedeckt hält.

Er schaut auf gemauerte Baracken, in denen Adolf Hiltler im Dritten Reich den Führungsnachwuchs der NSDAP ausbilden ließ. Die Geschichte geht vor, die Zeit dahin. In einer Burg sitzt Sven Goebel dazwischen und schaut auf Bierdeckel nieder, stapelt einen auf den anderen, bis sein Haus fertig ist.

Fließend und aus einer Hand

Goebel, 21, Abiturient aus Kall im Kreis Euskirchen, ist der Weltrekordhalter im Bierdeckelstapeln. Am 23. Januar hat er im Forum der Burg Vogelsang im Nationalpark Eifel den 70001. Bierdeckel verbaut und damit seinen eigenen Weltrekord von 2004 gebrochen. Doch er hat erst angefangen. Wenn er Ende März mit allem fertig ist, wird er in knapp drei Monaten 300.000 Bierdeckel zu einem 66 Quadratmeter großen Bungalow verbaut haben, in dem zwei Menschen wohnen könnten. 300000 Bierdeckel wiegen etwa 1500 Kilogramm, soviel wie ein junger Elefantenbulle. Goebels Leistung wird dann im Guinness Buch der Rekorde festgehalten, dafür ist alles vorbereitet.

An diesem schneeverhangenen Tag im Februar macht sich Goebel an die Vorderseite seines Bungalows. Wie aus der eines Maurers erwächst aus seiner Hand Lage für Lage eine Häuserfront, nur dass er keine Ziegel übereinanderstapelt, sondern eben Bierdeckel. Er stellt sie zu kleinen Dreiecken gegeneinander, dann legt er einen Deckel wie ein Dach über jeweils zwei dieser Dreiecke. Das geht solange, bis eine Lage fertig ist, dann kommt die nächste und immer so fort.

Die Art seines Stapelns hat nichts mit der Bierdeckelhäuserbauerei zu tun, wie sie gelangweilte Kinder in Restaurants betreiben, wenn die Erwachsenen sich nach dem Essen noch unterhalten wollen. Goebel baut in fließenden Bewegungen und aus einer Hand heraus, nur hin und wieder setzt er ab, wenn er an einer Stelle nachjustieren muss, um die Stabilität einer Mauer nicht zu gefährden. Die Grundmauern werden 2,20 Meter hoch sein und müssen noch ein Dach tragen, wenn sie fertig sind.

Wenn man Menschen begegnet, die ungewöhnliche Dinge tun, dann tastet man ihr Leben nach Bruchstellen ab, anhand derer sich die Ungewöhnlichkeit ihrer Hobbys erklären lässt. Manchmal sind sie sich dieser Bruchstellen gar nicht selbst bewusst, aber bei Sven Goebel dauert es nicht lange, da erzählt er selbst, wie alles kam.

Die Suche nach Balance

Als er sechs war, sagt Goebel, da war er „so breit wie hoch”, ein dickes Kind. Seine Eltern wollten, dass er Sport macht, und da der Vater Kampfsportler ist, haben sie ihr Kind einfach mal im Karate-Verein angemeldet. Karate ist zwar auch ein Kampfsport, aber eigentlich ist es mehr eine Weltanschauung, eine Geisteshaltung. Ein Weg, durch Meditation und Bewegung zum Selbst zu finden. Die fünfte Regel im Karate heißt: „Die Kunst des Geistes kommt vor der Kunst der Technik”, deswegen wird jede Technik tausende, zehntausende Male wiederholt. Perfektion gibt es nicht, ein Ziel auch nicht, Karate ist darauf ausgelegt, dass man es auch theoretisch nicht zur Gänze beherrschen kann, dazu ist selbst ein langes Leben zu kurz.

Goebel hat sich bis zum Schwarzen Gürtel hochgekämpft und -meditiert, er kämpft bei Deutschen Meisterschaften und betreibt noch Judo und Kenjodo, eine Art Stockkampf. Er hat das Wesen des Kampfsports verinnerlicht, das Suchen nach sich selbst und nach Balance ist sein Leben, das im Bierdeckelbau gewissermaßen seine Fortsetzung findet. Hier kann er mit sich sein, darum geht es, die Bauerei hat eine meditative Komponente.

Bierdeckestapeln ist ein Weg; ein Ziel gibt es nicht.

Wenn das Haus fertig ist, wird es wieder eingerissen, weil der Raum gebraucht wird, in dem es entsteht. Goebel sagt, das sei okay.

Aus seiner Jeans kommen zwei nackte Füße heraus, Goebel ist barfuß unterwegs, es ist ja sein Haus. Er zeigt, wie es mal im Wohnzimmer aussehen soll: Tisch, Sitzecke, Ofen, diese Dinge. Ins Bad baut er eine Dusche, eine Toilette, ein Waschbecken, alles aus Bierdeckeln. Jeden Tag baut er von 8 bis 17 Uhr, seit dem 4. Januar schon, freie Tage gibt es nur sehr wenige. Einige Burgbesucher gehen an Goebels Baustelle vorbei und hören kurz zu, wie er erklärt, dann gehen sie weiter. Es erschließt sich wahrscheinlich nicht jedem, warum Goebel dieses Haus aus Bierdeckeln baut.

Die Leidenschaft für Bierdeckel hat in einem Restaurant begonnen, da war Goebel vier oder fünf. Er hatte einfach Spaß am Stapeln, und seine Leidenschaft hat sich parallel zu der für den Kampfsport entwickelt. 2003, mit 14, verbaute er 7000 Bierdeckel zu einem Turm, das war der erste Weltrekord. Ein Jahr später verbaute er 70.000 zu einer Miniaturburg, das war der zweite. Und die 300.000 Bierdeckel, die Goebel dabei ist zu verbauen, könnten ein Rekord für die Ewigkeit sein. Zum einen, weil er im Sommer beginnt, Sportökonomie in Köln zu studieren und dann keine Zeit mehr hat, mehrere Monate lang Bierdeckel zu stapeln; zum anderen gibt es aber auch keine Konkurrenz auf der Welt, Goebel ist der einzige, der sich in dieser Weise mit Bierdeckeln beschäftigt. Er ist auch Sammler, von denen gibt es viele, 100.000 Deckel hat er, aber Bierdeckelstapler, -architekten, -künstler? Da ist er der einzige. Der Bierdeckelstapel-Schwarzgurt, gewissermaßen.

Ein Leben aus Untersetzern

Ein paar seiner Bierdeckel hat er um den Bungalow herum ausgestellt, man kann sie sich anschauen, zu den meisten hat er eine kleine Geschichte, wenn man sie hören will. Welches Bier er denn eigentlich trinkt, will man wissen von einem, dessen Leben im Moment so sehr bestimmt wird von den Untersetzern, auf denen es serviert wird.

Goebel schaut erstaunt auf, lacht unsicher und sagt: „Ich habe in meinem ganzen Leben noch kein Bier getrunken.”
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