Ein gigantischer Feuerschlag im Morgengrauen

Von: H. Jürgen Siebertz
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Von der „Höckerlinie“ sind heute in der Eifel noch große Teile auf vielen Kilometern Länge an Ort und Stelle zu sehen. Es wird versucht, die verbliebenen Reste des Westwalls unter Denkmalsschutz zu stellen. Foto: P. Stollenwerk
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Am Dienstag, 6. Juni 1944, um 3.30 Uhr beginnt die „Operation Overlord“: 1200 Kampfschiffe, 4120 Landungsschiffe, 740 Unterstützungsschiffe und 864 Handelsschiffe machen sich auf den Weg, um den Ärmelkanal zu überqueren.

Nordeifel. Es ist Montag, 5. Juni 1944. Die deutschen Militärs in den Funkmessstationen im Raum Cherbourg/Le Havre sind ratlos. Seit 21.15 Uhr jagen die wildesten Nachrichten durch den Äther. Es ist die Rede von starken Schiffsbewegungen im Ärmelkanal in Höhe Fecamp und Calais.

Wie es scheint, haben sich die Alliierten aufgemacht, an der schmalsten Stelle des Ärmelkanals ihre Invasion durchzuführen. Dies jedenfalls besagt das Signal, das von London aus immer wieder an die französische Widerstandsbewegung (Résistance) gesendet wird.

Alarmbereitschaft in Calais

Die Résistance reagiert mit Sabotageaktionen an Telefonmasten und Eisenbahnschienen. Auf deutscher Seite lässt Generaloberst Hans von Salmuth die am Pas de Calais stehende 15. Armee in Alarmbereitschaft versetzen, die 7. Armee in der Normandie wurde nicht informiert.

Das grandiose Täuschungsmanöver der Alliierten, bei dem tagelang Lastwagen mit Panzerattrappen und Flugzeuge aus Holz und Segeltuch an der englischen Südküste hin und her bewegt, ganze Zeltstädte aufgebaut und falsche Funksprüche abgesetzt wurden, gelingt.

Die Deutschen ahnen nicht, dass die Engländer ihren Geheimcode „Enigma“ entschlüsselt haben und es ihnen nun ermöglicht wurde, Funksprüche von Polizei, Geheimdienst, diplomatischem Dienst, SD, SS, Reichspost und teilweise Reichsbahn zu lesen und nach Belieben zu verändern.

Natürlich ist dem deutschen OKW (Oberkommando der Wehrmacht) klar, dass die Alliierten in Kürze angreifen werden, aber hinsichtlich des genauen Datums und des Landeortes besteht keine Übereinkunft. So ist es auch nicht verwunderlich, dass viele Generäle am 5./6. Juni nicht vor Ort anwesend sind.

Der Oberbefehlshaber der Heeresgruppe B, Generalfeldmarschall Erwin Rommel, hält sich z. B. in Deutschland auf, um den 50. Geburtstag seiner Frau zu feiern. Niemand auf deutscher Seite denkt im Ernst daran, dass die Alliierten bei so schlechtem Wetter eine Landung riskieren werden.

Wenn nicht jetzt – wann dann?

Im Süden Englands sieht man das völlig anders. Nach dem Spruch „wenn nicht jetzt – wann dann?“ stehen tausende Amerikaner, Kanadier, Engländer, Franzosen, Polen und Angehörige weiterer Staaten abmarschbereit in den Häfen entlang der Küste. „Wir kommen nicht als Befreier, sondern als Sieger“ – diese Worte hatte der Oberbefehlshaber der alliierten Streitkräfte in Nordwest-Europa, Dwight David Eisenhower, noch am Abend des 5. Juni 1944, seinen „Jungs“ eingeschärft.

Wenige Stunden nach dieser Ansprache beginnt am Dienstag, dem 6. Juni 1944 um 3.30 Uhr die „Operation Overlord“. 1200 Kampfschiffe, 4120 Landungsschiffe, 740 Unterstützungsschiffe und 864 Handelsschiffe machen sich auf den Weg, um den Ärmelkanal zu überqueren.

Aber nicht, wie gesagt, an der schmalsten Stelle bei Calais, sondern weiter südlich in der Normandie. Mehrere hunderttausend Mann sind fest entschlossen, die deutschen Bastionen am Atlantikwall zu überrollen und die verhassten Nazi-Deutschen dann in breit gefächerter Form in Richtung „Reich“ zu treiben.

Fast gleichzeitig überfliegen drei alliierte Fallschirmjäger-Divisionen, bestehend aus den Elitetruppen der 82. und 101. US-Luftlandedivision (82nd Airborne Division/101st Airborne Division) sowie der 6. britischen Luftlandedivision (British 6th Airborne Division), die Küste der Halbinsel Cotentin.

Obwohl viele Flugzeuge wegen der schlechten Sicht die vorgesehenen Absprungziele verpassen, gelingt es den Fallschirmspringern einige Landeköpfe nahe der Stadt Carentan und weiter östlich am Orne-fluss herzustellen. All dies geschieht, ohne dass es groß von den Deutschen zur Kenntnis genommen wird. Dabei ist es der D-Day – der Tag der Entscheidung!

Gegen 4 Uhr heben auf den Flughäfen Südenglands 2000 Jagdflugzeuge und 1000 Bomber ab. Sie haben den Befehl, mit ihrer explosiven Last von 3000 Tonnen Sprengstoff den Weg für die alliierten Landungskorps freizubomben.

Über die in ihren Bunkern und Stellungen verharrenden Deutschen bricht wenig später ein Inferno herein. Der gigantische Feuerschlag wühlt die deutschen Stellungen auf, deckt die Batterien der Küstenverteidigung mit Tausenden von Geschossen ein und lässt die angelegten Minenfelder hochgehen.

Als sich der Rauch der Bombenschläge verzogen hat, trauen die Deutschen ihren Augen nicht: Tausende Schiffe und Boote aller Größenordnungen steuern auf die französische Küste zu. Unter dem Decknamen „Operation Neptune“ kommen die Alliierten mit geballter Kraft.

Unter dem Feuerschutz der Schiffskanonen verlassen gegen 6.30 Uhr die schwer bewaffneten US-Soldaten ihre Schiffe und Boote, staksen durch das hüfthohe Wasser und versuchen, den Strand und die Dünen zu erreichen. Hunderte Soldaten, Matrosen und Küstenschutzleute sterben in den Fluten und werden später von Tauchern geborgen.

Im Abschnitt Utah-Beach aber verläuft alles nach Plan. Das VII. US-Corps der 1. US-Armee kann relativ ungehindert mit Schwimmpanzern und Planierraupen über die flache Dünenlandschaft rund zehn Kilometer ins Hinterland vordringen.

Im Sektor Omaha-Beach dagegen ist die Hölle los: Unter großen Verlusten erreicht das V. US-Corps der 1. US-Armee zwar den Strand, kann aber aufgrund des deutschen Widerstands die bis zu 50 Meter hohe, steil aufragende Dünenwand nicht erklettern. Unzählige Angreifer bleiben im Gegenfeuer der deutschen Küstenverteidigung liegen. Am Nachmittag ist der Strand mit brennenden Panzern, Booten und Waffen aller Art bedeckt. Dazwischen liegen tote und verletzte Soldaten, die noch nicht geborgen werden können.

Gegenangriff abgewehrt

Erst am Abend und unter weiteren Verlusten gelingt es den Amerikanern, die Situation zu klären und sich bis zur Küstenstraße vorzukämpfen. Weiter östlich geht die 2. Britische Armee in den Abschnitten Gold, Juno und Sword an Land. Hier gelingt die Invasion wesentlich rascher. Ein Gegenangriff der 21. deutschen Panzerdivision kann erfolgreich abgewehrt werden.

Wo bleibt die deutsche Luftabwehr? Ganze zwei Flugzeuge bietet die Luftwaffe über dem Landungsraum auf, um die Feinde abzuwehren. Der französische Widerstand hat die meisten Telefon- und Telegrafenleitungen im Landegebiet gekappt, was eine Verständigung der deutschen Truppen untereinander sehr erschwert.

Die dringend benötigten und vom „Oberbefehlshaber West“, Generalfeldmarschall Gerd von Rundstedt, angeforderten Verstärkungen werden vom Chef des Wehrmachtsführungsstabes, Generaloberst Alfred Jodl, mit der Bemerkung, dass der Führer auf keinen Fall in seinem Vormittagsschlaf gestört werden dürfe, abgelehnt.

Der Führer glaubt immer noch, dass die eigentliche Invasion im Raum Calais stattfinden wird. So müssen die im Raum Caen und unterhalb von Paris stehenden deutschen Panzerdivisionen (12. SS-Panzerdivision „Hitlerjugend“ und 130. Panzer-Lehrdivision) in der Reserve bleiben.

175.000 Mann, 20.000 Fahrzeuge

Als endlich der Einsatzbefehl kommt, ist es für eine wirksame Gegenoffensive zu spät. Es ist den Alliierten bereits gelungen, in den fünf Landungsabschnitten ca. 175.000 Soldaten aus den USA, England, Schottland, Frankreich, Polen, Kanada, Australien, Neuseeland, Niederlande, Belgien und anderen Ländern sowie mehr als 20.000 Fahrzeuge an Land zu bringen.

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