Eifeler Brauchtumspflege in einer wirren Zeit

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Wallfahrten und „kirchliche U
Wallfahrten und „kirchliche Umzüge” waren in der Nazizeit „genehmigungspflichtig”, mit dem Ergebnis, dass sie ausfallen mussten. Diese „Regelung” wurde von der Militärbehörde sofort außer Kraft gesetzt. Nun konnten auch die Kommunionkinder wieder durch die Straßen der Ortschaften zur Kirche geleitet werden und das in einer Zahl, die Jahrzehnte später für Monschau unglaublich hoch erscheint. Bild/Repro: Viktoria Evers

Nordeifel. „Noch einmal richtig einen draufmachen!” Das war in den ersten Nachkriegsjahren die Parole, insbesondere für diejenigen, die den Krieg einigermaßen heil überstanden hatten. Es sollte einmal wieder „einer” wie „in alten Zeiten draufgemacht” werden, weniger in den Dörfern, weil inmitten der Trümmer die passenden Räume fehlten, darum um so munterer in Monschau.

Das Städtchen war - vergleichsweise - unzerstört davongekommen, und die Turnhalle im Rosenthal bot sich geradezu dazu an, „etwas aufzuziehn”.

Weder Els noch Felsquell

Da ging es schon bald munter zu. Das „Felsquell” floss zwar noch nicht, und „Els” war auch nur gegen viel Geld zu erwerben, aber es gab dennoch Quellen, die jenen Stoff sprudeln ließen, der zum „Stadium erhöhten Wohlbefindens” führen konnte. Dieser „Stoff” hat nie auf einer Getränkekarte gestanden.

Es hätte ihn auch gar nicht geben dürfen, denn er war als „Knolly Brandy” schwarz gebrannt worden. Der Stoff, aus dem dieses Getränk gewonnen wurde, waren Zuckerrüben, um die 200 Reichsmark die Flasche, wenn man nicht selbst destillierte und den Ober mit einem „Korkengeld” beschied.

Schon hatten die „Nachrichten” die Anordnung der Militärbehörde auf dem Redaktionstisch, nachdrücklich vor diesem „Gesöff” zu warnen. So stand alsbald zu lesen, der Genuss von „Knolly” führe zu Übelkeit und Kopfschmerzen, sei sogar lebensgefährlich. Die Zeitung berichtete sogar über einen „Todesfall nach Knollyverzehr”, Schwarzbrenner hatten das Gebräu bei einem Tanz in der Turnhalle verkauft. Ergebnis: ein Toter. Vergiftet durch Methyl-Alkohol. Die Schnapsverkäufer konnten zwar ermittelt werden, aber das bewog sie nur dazu, neuen Kunden zu raten, diesen Schnaps nur schluckweise zu trinken und ihn nicht herunterzustürzen. Die Schwarzbrenner wurden ermittelt und vom Militärgericht zu hohen Freiheitsstrafen verurteilt.

Aus den Dörfern waren solche Hiobsbotschaften nicht zu vermelden. Dort ging es nicht so munter zu wie in Monschaus Turnhalle. Wo der „Stimmungsmacher Knolly” fehlte, konnte auch das Stimmungsbarometer kaum Höhe gewinnen. So berichtete die Zeitung aus Kalterherberg, es sei im Dorf zu einem Vergnügungsabend eingeladen worden, vielen seien auch gekommen, aber außer „dünnem” Bier habe es nichts zu verzehren gegeben, weshalb die Stimmung enttäuschend gewesen sei.

Es wurde über das Ziel geschossen. Mitunter auch in der Brauchtumspflege; zum Beispiel beim „Tierjagen”, das eigentlich als „mittelalterlich” galt. Das „Tier” wurde an der Wohnung von Frauen gejagt, die in den Verdacht geraten waren, „unmoralisch” gewesen zu sein.

So wurde in einem Dorf des Monschauer Landes, in Rollesbroich das „Tier” gejagt, deren unsittliches Verhalten darin bestand, dass sie von ihrem Lebensgefährten verlassen worden war. Über diesen unglaublichen Fall berichtete die Zeitung:

„Vandalische Zerstörungswut”

An einem Sonntag kam die Dorfjugend zusammen „nach dem Hochamt”, zu einer Besprechung. Hier wurde die Schuld der Frau festgestellt. Man einigte sich darauf, sich zu einem bestimmten Termin im Jugendheim zu einem Jugendabend zu treffen. So geschah es. Die Beschuldigte hatte im Dorf für sich und ihren sechsjährigen Sohn eine Notunterkunft gefunden, ein Bauernhäuschen, in dem wenige Tag vor der „Jagd” sogar Fenster eingesetzt worden waren. Die „Jagd” begann um 21 Uhr.

Über „vandalische Zerstörungswut” berichtete die Zeitung. Unrat, Steine, sogar Baumstämme seien gegen das Häuschen geschleudert worden. „Teer und Kalk” wurden ins Haus „gekippt”, die Möbel beschmiert, Nahrungsmittel „ungenießbar” gemacht. Gegen diese Form von „Dorfjustiz” schritt schließlich jemand ein, der die Autorität dazu besaß: der Pfarrer. Laut Zeitungsbericht habe sich die Polizei erst „mit Verspätung” am Tatort eingefunden. Ermittelt wurde wegen Land- und Hausfriedensbruchs. Von hohen Strafen und Schadenersatz wurde geschrieben, aber Einzelheiten zur Strafhöhe nicht mehr berichtet.

Ein milderer Brauch hat sich über viele Nachkriegsjahre gehalten: das Hahnenköppen, bei dem ein toter Hahn mit dem Kopf nach unten an einer Saaldecke befestigt wurde. „Hahnenkönig” war, wem es gelang, diesem Hahn mit einer säbelähnlichen Waffe den Kopf abzuschlagen.

Die viele Jahre unterdrückte Brauchtumspflege hatte zum Glück auch andere Seiten. So teilte die Zeitung im August 1947 mit, die Festspiele würden wieder aufleben. Als Höhepunkt werden Goethes „Iphigenie auf Tauris” aufgeführt, und Geschichts- und Eifelverein konnten dank hochherziger Papierspenden ihre Traditionsschriften herausgaben.

Mit britischer Genehmigung durfte auch wieder nach Heimbach zur Gottesmutter gepilgert werden. Zur Nazizeit waren „Umzüge geschlossener Gemeinschaften” zwar nicht verboten, aber „genehmigungspflichtig” - mit dem Ergebnis, dass Hitlerjugend und SA marschieren durften, kirchliche Prozessionen aber unter noch so fadenscheinigen Gründen untersagt wurden.

Solche Verbote waren nach Ende der Nazizeit nicht mehr möglich. Dafür gab es, auch im kirchlichen Bereich, neue Vorkommnisse, die zeittypisch waren. So geschah im September 1947, was die „Nachrichten” aus dem Dorf Tondorf im Nachkreis Schleiden berichteten. Der Pfarrer von Tondorf hatte zu einer Pilgerfahrt nach Kevelaer, zur Gottesmutter, aufgerufen. Dazu der damalige Zeitungsbericht: Ein Transporteur aus dem Ort wollte die Pilger nach Kevelaer fahren. Als der Bus abfahren sollte, erklärte der Busbesitzer, der Fahrpreis betrage je Teilnehmer ein halbes Pfund Butter, keine künstliche, sondern gute Butter. Geld wollte er nicht. Bei 40 Teilnehmern 20 Pfund Butter. Diesen Preis wollten die Pilger nicht zahlen. Die Pilgerfahrt musste abgesagt werden.

Unsittliches vor vollem Saal

Es stehen in Zeitungsausgaben der ersten Nachkriegsjahre Dinge zu lesen, die nach Christian Morgenstern „Palmströms” Worten heutzutage nur ein „Schütteln des Kopfes” hervorbringen können. Da hatte die Theatergruppe eines Eifeldorfes ein Lustspiel eingeübt, das der Geistliche des Dorfes für zu anstößig hielt. Es sprach sich im Dorf rund, dass da etwas über die Bühne gehen sollte, das mit Sitte und Seitensprüngen zu tun habe. Die Folge: Die Laienspieler setzten sich durch und spielten vor einem überfüllten Saal.

Die Zeitung vermeldete, die Theatergruppe habe sich über den Erfolg so gefreut, dass man übereingekommen sei, in Zukunft Stücke auszuwählen, von denen die Dorfbevölkerung erfahre, dass sie vom Pastor abgelehnt würden.

Sühneandacht nach dem Theater

Mit gleichsam kirchlichen Mitteln ging der Seelsorger der Pfarrgemeinde Gemünd vor, nachdem er nicht hatte verhindern können, dass im Städtchen ein „anstößiges Lustspiel” aufgeführt wurde. Er rief die Gläubigen auf, gegen solch sündhaftes Geschehen an einer Sühneandacht teilzunehmen. Das Gotteshaus erlebte starke Teilnahme, so schrieb die Zeitung. Sie veröffentlichte indes auch einen Leserbrief, in dem der Verfasser darlegte, wie er das Problem „Theaterbesuch oder Sühnegottesdienst” gelöst hatte: „Da beide Veranstaltungen zu unterschiedlichen Zeitpunkten stattfanden, habe ich an beiden teilgenommen,” gestand er.
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