Schleiden - Der Kampf der Buchen gegen den Rest des Waldes

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Der Kampf der Buchen gegen den Rest des Waldes

Von: Marlon Gego
Letzte Aktualisierung:
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Die Sonne blinzelt durch den Urwald: Ein Waldstück in Wahlerscheid, im äußersten Süd-Westen des Nationalparks.

Schleiden. Also, sagt Ahnert ins leise Zwitschern der Vögel hinein, wir müssten eigentlich mehr Rotwild schießen. Den Satz lässt er erst mal so im Nationalpark stehen.

Um Ahnert herum wachsen alte Fichten in den Himmel, die dem Boden, auf dem sie stehen, den größten Teil des Tageslichtes nehmen. Die Luft ist feucht, trotz des Hochsommers liegt eine leichte Kühle zwischen den Bäumen, es riecht nach Nadelwald und Moos.

Mehr Rotwild schießen, sagt Ahnert noch mal, sonst könnte es schwierig werden, das eigentliche Ziel des Nationalparks zu erreichen.

Das Gebiet, in dem der Nationalpark Eifel wächst, sieht aus wie hingeknetet. Sanft gewelltes Mittelgebirge, Wiesen, Wälder, die Burg Vogelsang, hin und wieder wird das Grün von Landstraßen durchtrennt. Über die Ziele des 2004 gegründeten Nationalparks Eifel ist immer wieder mal diskutiert worden, zuletzt vor einigen Wochen, als der nordrhein-westfälische Umweltminister Eckhard Uhlenberg (CDU) am Nationalparktor Rurberg ein Loblied auf den Park anlässlich seines fünfjährigen Bestehens gesungen hat. Tourismus, Umweltschutz, Naturschutz, alles prima, alles auf dem rechten Weg.

Und dann steht Ahnert da und spricht vom Rotwildabschuss.

Fünf Jahre Nationalpark sind ein guter Zeitpunkt, um eine erste Bilanz zu ziehen, und um Bilanz zu ziehen, muss man wissen, was der Nationalpark eigentlich soll. Das eigentlich Ziel der Nationalparke auf der ganzen Welt ist, die Natur sich innerhalb der Parkgrenzen so entwickeln zu lassen, als gäbe es den Menschen gar nicht. Für den Nationalpark Eifel heißt das: Er soll wieder zum Urwald werden, zum Buchenurwald, was er mal gewesen ist, vor tausenden von Jahren. Das ist insofern nicht ganz einfach, weil die Preußen im 17. Jahrhundert alles mit Fichten bepflanzt haben, weil die Fichte ein wirtschaftlicher Baum ist, der wenig Ansprüche stellt, schnell wächst und viel Ertrag bringt. Deswegen hat die Fichte viel vom Eifeler Buchenbestand verdrängt, und die Förster im Nationalpark müssen auf dem Weg zum Buchenurwald zusehen, wie sie die Fichte wieder loswerden, ohne allzu viel Gewalt anwenden zu müssen.

Wahlerscheid an einem Tag Mitte August, dies ist der süd-westliche Zipfel des Nationalparks. Gerd Ahnert, 59, ist stellvertretender Leiter der Nationalparkverwaltung in Schleiden-Gemünd, er war von Anfang an dabei, und mit dem Wald, da hat er schon sein ganzes Leben lang zu tun. Gerd Ahnert ist ein Förster. Vormittags war er oben im Kermeter und hat gesehen, wie die Buche sich zwischen Fichten und Harzgeruch zurückkämpft, wie sie sich selbst dabei hilft, wieder zum Urwald zu werden. Ahnert nennt das Prozessschutz, er ist dazu da, diesen von der Natur gewollten Prozess zu begleiten, zu beschützen. Das ist der Zweck der Nationalparkverwaltung.

Doch die Buche holt sich das an die Fichte verlorene Territorium nicht zurück, weil die Landesregierung in Düsseldorf das eines Tages so beschlossen hat. Die Buche kommt, weil die Fichte stirbt.

Im Bast der Fichte lebt der Borkenkäfer, mitten zwischen Stamm und Rinde. Er lebt in der Fichte und von der Fichte, und wenn er sie ausgesaugt hat, wenn sie keine Nährstoffe mehr aufnehmen kann und stirbt, dann geht der Borkenkäfer eine Fichte weiter. Fichte und Borkenkäfer liegen seit tausenden von Jahren im Krieg. Mal gelingt es der Fichte, den Borkenkäfer mit Harz zu töten, dann breitet sich die Fichte aus. Mal gelingt es dem Borkenkäfer, ganze Fichtenwälder auszusaugen, dann geht der Fichtenbestand zurück und die Borkenkäfer vermehren sich. Eine sehr ruhige Wellenbewegung, die im Wandel der Jahrtausende gleichmäßig auf- und abwogt und von nichts beeinträchigt wird als vom Klima und neuerdings vom Menschen.

Wenn es im Kermeter nach Harz duftet, dann kann man den Krieg zwischen Fichte und Käfer riechen.

Die Nationalparkverwaltung lässt den Borkenkäfer hier saugen und siegen, er nimmt den Förstern die Arbeit ab. Je mehr Fichten sterben, desto mehr Buchen können wachsen. So geht Urwald im Nationalpark Eifel, und dass er sich schon jetzt beginnt zu nehmen, was früher einmal sein war, ist ein großer Erfolg nach nur fünf Jahren Nationalpark.

Am Nachmittag steht Ahnert in Wahlerscheid und zeigt einen Misserfolg, denn Ahnert weiß zum einen nicht, wie er hier die Fichten wegbekommen soll, zum anderen nicht, wie die Buchen wachsen sollen.

Wahlerscheid, das in den Monschauer Staatsforst hineinwächst, ist nur ein schlanker Streifen. Südlich, westlich und nördlich dieses Nationalparkstreifens ist Wirtschaftswald, und die Eigentümer dieses Waldes wollen keine Borkenkäfer, weil sie mit der Fichte Geld verdienen. Vom Urwald kann man in der Eifel nicht leben, er ist nur Selbstzweck, und Idealismus. Also muss Ahnert hier die Fichten rausholen, die vom Borkenkäfer befallen sind, damit der Käfer nicht auf andere Fichten übergreifet. Den Borkenkäfer interessiert nicht, ob eine Fichte zum Nationalpark gehört oder nicht.

Und dann ist da noch die Sache mit dem Rotwild.

Ahnert steht an einem mittels Holzzaun eingefriedeten Stück Wald, 100 Quadratmeter vielleicht, darin wachsen junge Buchen, kräftig, mannshoch. „Toll, wie die wachsen”, sagt Ahnert, dann zeigt er in die andere Richtung.

Er geht 150 Meter weiter, die Stelle ist licht und feucht, hier stehen auch junge Buchen, uneingezäunt, aber sie sind klein und schwach und kaum hüfthoch, dabei sind sie genau so alt wie die in der umzäunten Fläche.

„Rotwildbiss”, sagt Ahnert und zeigt die Spuren im Geäst.

230 Stück Rotwild dürfen laut Nationalparkverordnung im Jahr geschossen werden, aber Ahnert glaubt, das reiche lange nicht, um „den Bestand so zu regulieren, dass die Buchen hier wachsen können”. Er schlägt vor, die Zahl des zu schießenden Rotwildes mal auf 320 zu erhöhen, und da kommt Volker Hoffmann dann ins Spiel.

Hoffmann, 69, ist so etwas wie der Vater des Nationalparks, er hatte die Idee, er selbst hat an der Nationalparkverordnung mitgeschrieben. Aber Hoffmann ist Naturschützer, und der Naturschützer Hoffmann sagt: „Also, ich würde im Nationalpark das ganze Rotwild schießen.” Er nennt das: die Tabula-rasa-Lösung.

Den Satz lässt er erst mal so im Nationalpark stehen.

Hoffmann, der keine Gelegenheit auslässt, die Nationalparkverwaltung wegen mangelnden Respekts vor den Nationalpark-Idealen zu kritisieren, sagt, der Rotwildbiss sei tatsächlich ein Problem. Ein Problem, das allerdings nicht gottgegeben sei, sondern das die Jäger dem Nationalpark bescheren würden: durch Anfüttern, durch gezielte Rotwildaufzucht. Hoffmann sagt: „Dass der Rotwildbestand in ganz Deutschland viel zu hoch ist, liegt an den Jägern, die wollen, dass ihre Jagdgebiete immer voll sind.” Die Jagd, sagt er, sei immer ein Streitthema bei allen Diskussionen um den Nationalpark gewesen, und so werde es wohl auch bleiben. Eine abschließende Lösung des Problems ist noch nicht formuliert, von niemandem.

An der Dreiborner Höhe

Ahnert steht auf der Dreiborner Höhe unterhalb der Burg Vogelsang, im Westen sieht man die Sonne, wie sie bald in einem Stück Wald versunken sein wird. Er blickt in ein sanft abfallendes Tal aus weiten Wiesen und kleinen Waldstücken. Eines Tages, sagt er, werde sich die Natur die Fläche zurückgeholt haben, da vorne könne man gut sehen, wie aus Wiese Wald wird. Hohes Gras, Unkraut, der vom Wind herübergewehte Samen eines Baumes, dann geht es los, ganz langsam.

Ahnert kann sich den kommenden Urwald in lebendigen Bildern vorstellen, nur erleben wird er ihn nicht mehr, niemand wird ihn erleben, der heute auf der Welt ist.

„Nicht schlimm”, sagt Ahnert, „das geht allen Förster so. Es reicht zu wissen, etwas Richtiges veranlasst zu haben.”

Dann dreht er sich um und geht zum Auto. Er muss noch mal überlegen, wie man das Roltwild-Problem lösen könnte.
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