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Den Blick auf die entlegene Unterkunft im Wald lenken

Von: Raimund Palm
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Mit seinem Besuch in der Flüchtlingsunterkunft Langschoss bei Lammersdorf wollte der Liedermacher und Radikalpoet Heinz Ratz (5. von rechts) auf die Lage der Flüchtlinge dort aufmerksam machen. Rechts daneben: Pfarrer i.R. Dr. Herbert Kaefer, der sich schon seit vielen Jahren im Bistum Aachen in der Flüchtlingsarbeit engagiert. Foto: R. Palm

Lammersdorf. Langschoss - das ist ein einsamer Ort im Wald, fast am Rand der Welt, weit weg von den Menschen, obwohl auf Langschoss Menschen wohnen. Langschoss ist ein Wohnplatz für Flüchtlinge aus aller Herren Länder.

Das Wohnheim dient dem Übergang, doch manche müssen es hier Jahre aushalten. Ein Flüchtling aus Sri Lanka „versucht seit neun Jahren in Langschoss zu überleben”, formuliert es Winfried Kranz vom Katholikenrat Aachen-Stadt, der jetzt der der Unterkunft im Lammersdorfer Wald einen Besuch abstattete.

Ein Mann aus dem Irak, der mit seiner Frau und kleinen Kindern drei Jahre auf Langschoss lebte, hat die Unterkunft einmal als „Friedhof” bezeichnet. „Die Abgeschiedenheit der Unterkunft und Eintönigkeit der Umgebung machen den Bewohnern, die meist aus Städten kommen, das Leben und eine Eingliederung in die deutsche Gesellschaft schwer”, beklagt Winfried Kranz. Und Dr. Herbert Kaefer, Pfarrer i. R., der sich seit 1978 im Bistum Aachen in der Flüchtlingsarbeit engagiert, mahnt eindringlich: „Familien mit Kindern sollten auf Langschoss nicht wohnen müssen.”

Das vom Katholikenrat Aachen moderierte Netzwerk Asyl hatte zum Ortstermin nach Langschoss eingeladen, der Anlass dazu: Heinz Ratz, Sänger und Frontmann der Gruppe „Strom und Wasser”, hat im Aachener Musikbunker ein Konzert gegeben. Mehr noch: Der Liedermacher und Radikalpoet Heinz Ratz (Jahrgang 1968) radelt mit Unterstützung und in enger Zusammenarbeit mit „Pro Asyl” einen „moralischen Triathlon” durch Deutschland, er besucht tagsüber Flüchtlingsunterkünfte und macht abends „Konzerte gegen die Unmenschlichkeit”, er sammelt Spenden und thematisiert Wahrheiten über Obdachlosigkeiten, Artenschutz und über die Lebenswirklichkeit von Flüchtlingen in Deutschland.

Auf der „Tour der 1000 Brücken” machte er nun auch Station auf Langschoss. Organisiert wurde der Besuch dort in Absprache mit den dort lebenden Flüchtlingen vom Netzwerk Asyl, das Katholikenrat Aachen moderiert wird. Zum Netzwerk Asyl gehören 15 Verbände und Initiativen, unter anderem Amnesty International, das Büro der Regionaldekane Aachen, das Café Zuflucht, der Caritasverband, der NRW-Flüchtlingsrat, das KAB-Zentrum Aachen.

Für das Netzwerk Asyl, so Winfried Kranz, ist der Besuch des Barden Heinz Ratz ein „dankbarer Anlass, um den Blick auf die entlegene Unterkunft und auf die Lebensbedingungen der dortigen Bewohner zu lenken.”

In der ehemaligen Radarstation des englischen Militärs an der B399 zwischen Lammersdorf und Jägerhaus, etwa 3,5 km von Lammersdorf entfernt, hat die Gemeinde Simmerath ein Wohnheim für Flüchtlinge eingerichtet. In einem anderen Gebäude auf dem Gelände ist auch die Unterkunft für Obdachlose. Derzeit sind auf Langschoss 12 Erwachsene und fünf Kinder untergebracht, die aus mindestens sieben Nationen kommen.

Unter den Bewohnern ein 77-jähriger kranker Mann aus Albanien, der kein Wort Deutsch und auch ein Englisch versteht. Die Kommunikation ist also ein großes Problem. Pro Asyl listet weitere Probleme auf: „Es ist richtig schwer, hier zu leben,” sagt Kaefer. Bis zum nächsten Supermarkt und bis zur nächsten Apotheke sind es etwa 10 Kilometer. Ein Bus (die Haltestelle ist ganz in der Nähe) fährt nur einmal oder zweimal am Tag nach Simmerath, am Wochenende und an den Feiertagen fährt der Bus überhaupt nicht. Anschlussprobleme gibt es regelmäßig bei Terminen in Aachen.

Bei Einkäufen und Arztterminen sind die Menschen auf Langschoss vom Hausmeister, der von der Gemeinde gestellt wird, abhängig. Pro Asyl: „Viele leiden und litten an Depressionen, die auch durch die Umgebung bedingt sind, weil es keinerlei Abwechslung gibt. Es gab in der Vergangenheit mehrere Selbstmordversuche.”

Die einzige Abwechslung: Montags werden die Bewohner nach Imgenbroich zum Café International gebracht, wo sie Rat und Hilfe von ehrenamtlichen Betreuerinnen finden. „Immerhin verpflichtet dankenswerter Weise das Sozialamt den Hausmeister, die Bewohner nach Imgenbroich zu fahren und später wieder zurückzubringen,” sagt Pro Asyl.

Liedermacher Heinz Ratz hörte sich genau an, was Pro Asyl und einige Bewohner zu berichten hatten, um dann sein Urteil zu fällen: „Ein schlimmes Lager, in dem wenig in Ordnung ist”. Heinz Ratz, der mit seinem Besuch die „Aufmerksamkeit auf Langschoss” lenken wollte, regte an, etwa mit Konzerten und Festen „Öffentlichkeit zu schaffen und die Bevölkerung auf das Leben der Menschen hier aufmerksam zu machen.”

Pfarrer Dr. Herbert Kaefer fragte einen der Bewohner nach drei Wünschen für die Menschen auf Langschoss. Seine Antwort lautete: Mehr Busverbindungen, auch am Wochenende, Internetanschluss und mehr Möglichkeiten, Schulen zu besuchen und mehr zu lernen.
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