Das Ende der Sprachlosigkeit: Logopädin geht neue Wege

Von: Nadine Preller
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Kleine Künstlergemeindel: Log
Kleine Künstlergemeindel: Logopädin Mareike Mir und Hans-Werner Berretz lassen ihrer kreativen Ader mit Michaela (m.) und Helena (r.) freien Lauf. Foto: Nadine Preller

Imgenbroich. Blau, viel Blau, Azur und Cyan, und mittendrin ein wenig Pink. Und ganz viel Wasser. Die 33-jährige Michaela ist die Ruhe selbst, während sie Kreise um Kreise auf ihren Malblock zeichnet. Manchmal kneift sie ein wenig die Augen zusammen, wenn die warmen Sonnenstrahlen durch die großen Fenster fallen und ihr Gesicht kitzeln.

Dann lächelt sie, taucht den weichen Pinsel wieder tief in das Wasserglas und beginnt mit einem neuen Kreis.

„Vor zehn Jahren hat Michaela noch kein Wort gesprochen. Irgendwann kamen Töne und Laute dazu, und vor kurzem dann die ersten Wörter”, verkündet Mareike Mir auch ein wenig stolz. Seit vielen Jahren besucht Michaela die Logopädin im Steinrötsch, die jetzt neben ihr sitzt und sich auf einem anderen Malblock ihrem eigenen Kunstwerk widmet - ein Meer aus Blumen, Blättern und Blüten. Daneben die sechsjährige Helena Mir, die es Mutter und Michaela gleichtut. Eine kleine Künstlergemeinde, mitten in Imgenbroich.

Im Hintergrund ertönen leise Klänge traditioneller chinesischer Entspannungsmusik. Und diese ganze harmonische Szene, so hofft Mareike Mir, ist nur der Anfang einer Idee, die hoffentlich bald Früchte tragen wird: die Verbindung von Kunst, Musik und Sprachtherapie.

Bekannter Gegenwartskünstler

Partner bei diesem Vorhaben ist der freischaffende Künstler Hans-Werner Berretz, in Künstlerkreisen unter dem Markenzeichen „HaWeBe” bekannt. Und „HaWeBe” ist kein unbeschreibenes Blatt. Viel gerühmt in zahlreichen nationalen und internationalen Ausstellungen, in einschlägigen Enzyklopädien verzeichnet, hat sich Berretz in der Szene der Gegenwartskunst längst einen Namen gemacht.

Aber all die großen Aufzählungen scheinen ihm weniger wichtig, in der Öffentlichkeit stehen ist nicht seine Sache. Lieber beschäftige er sich mit den Menschen selbst. Nach langjährige Erfahrungen im Bereich der Kunsttherapie, führten ihn seine verschlungenen Wege schließlich in das Seniorenstift „Seliger Gerhard” in Simmerath.

Dort arbeitet der Künstler seit langer Zeit nicht nur mit dementen Menschen, sondern versucht seit neuestem auf kreativem Weg eine Brücke zu schlagen zwischen den Generationen. Berretz bringt zu seinen Therapiestunden Kinder mit, die gemeinsam mit den Älteren malen. „Die Zusammenarbeit ist gesund für beide Seiten”, sagt er. „Hier werden Barrieren aufgebrochen, das hätte ich nie für möglich gehalten. Die alten Menschen kommen richtig aus sich heraus, animiert durch die Unbefangenheit der Kinder.”

Regelmäßige Treffen

Es scheint also, als hätten sie sich gesucht und gefunden: die Logopädin Mareike Mir, die unter anderem mit Menschen arbeitet, die von Demenz, Autismus, kindlichen Entwicklungsstörungen oder Mustismus betroffen sind, und der Künstler Hans-Werner Berretz.

Regelmäßig soll es fortan Treffen geben, die Menschen mit Handicap und Kinder zusammenbringen. Hier, in der logopädischen Praxis im Steinrötsch, können sie sich künstlerisch austoben, während die beiden fachlich wie menschlich zur Seite stehen. „Ohne Wertung wollen wir am Ende jeder Sizung die Werke betrachten und diskutieren, wie sie auf andere Mitglieder wirken”, sagt Mir. Zu den Kursen gehöre aber auch die verbale Wertschätzung eines Bildes während des Malens sowie das Animieren zum Kreativsein.

Die erste Probestunde mit Michaela und Helena scheint zumindest ganz wunderbar zu funktioren. Tief entspannt sind beide in ihre Arbeiten versunken, zwischendurch spricht man leise miteinander. Und im Hintergrund ertönen immer weiter und weiter die beruhigenden chinesischen Klänge. „Musik beschwingt den Menschen, er ruht in sich und öffnet sich zugleich”, bemerkt Berretz, dessen Malerei schon der Germanist Theo Buck „als gemalte Musik und Poesie” ehrte. Die Verbindung von Malerei und Musik ist ohnehin ein großes Thema in Berretz Schaffen. Mit dem rennomierten Dirigenten Kurt Masur zeigte er 1991 eine gemeinsame Ausstellung in Leipzig. Und zuweilen verarbeitet Berretz auch Original-Partituren in seinen Werken, lässt sich von Textstellen zeitgenössischer Lyrik inspirieren, insbesondere von Ingeborg Bachmann und Paul Celan.

Kunst - Musik - Sprache: In der Zusammenarbeit von Mir und Berretz scheint sich dieser Kreis endgültig zu schließen. Und es wirkt so, als ob Michaela das schon die ganze Zeit gewusst hätte. Zumindest lächelt sie in sich hinein, während sie weiter einen Kreis nach dem anderen aufs Blatt pinselt.

Der gemeinsame Kurs von Mareike Mir und Hans-Werner Berretz startet am Mittwoch, 8. Februar, in den Räumen der Logopädischen Praxis Mareike Mir, Steinrötsch 28a in Simmerath, und soll fortan im Paket von je zehn Terminen immer von 16 bis 17.30 Uhr fortgesetzt werden.

Neue Teilnehmer sind willkommen. Um vorherige Anmeldung wird gebeten unter Tel. 02472/803777 (täglich von 18 bis 22 Uhr).

Zu den Terminen werden die Teilnehmer gebeten Malkasten, Pinsel und Malblock mitzubringen.

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