Aachen - Bürgerpreis für Zivilcourage: „Würde wieder so handeln”

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Bürgerpreis für Zivilcourage: „Würde wieder so handeln”

Von: Udo Kals und Jan Mönch
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Sie wurden gestern mit dem Bü
Sie wurden gestern mit dem Bürgerpreis für Zivilcourage ausgezeichnet: Jörg Coonen (v.l.), Bilal C. und Sven Burkert. Lucian Caraza war aus beruflichen gründen verhindert. Foto: Andreas Steindl

Aachen. Bilal C. rettet einen Mann vor einer Horde Neonazis, Sven Burkert löscht eine brennende Frau, Jörg Coonen und Lucian Caraza vereiteln einen Überfall - für ihren Mut und ihre Besonnenheit, wie es Städteregionsrat Helmut Etschenberg formulierte, sind die vier Männer am Dienstag mit dem zum zweiten Mal verliehenen Bürgerpreis für Zivilcourage von Stadt und Städteregion Aachen ausgezeichnet worden.

Dabei betonte Etschenberg: „Wir müssen uns ins Bewusstsein rufen, dass unser Zusammenleben nur funktionieren kann, wenn es uns nicht gleichgültig ist, was mit unseren Mitmenschen passiert.” Aachens Bürgermeisterin Dr. Margrethe Schmeer lobte zum Abschluss der von Olaf Theissen moderierten Feierstunde die „Helden des Alltags”: „Sie alle verbindet, dass sie das Schicksal der anderen Menschen nicht unberührt ließ.”

Bilal C.: Irgendwann ließ das Reizgas in den Augen nach. Und Bilal C. konnte sich überzeugen, dass sich das, was er gerade erlebt hatte, am helllichten Tag abgespielt hatte. Und ja: Die Mittagssonne schien ihm in die tränenden Augen, es war einer der wenigen schönen Tage dieses Sommers. Bilal saß in seinem Auto, auf dem Beifahrersitz ein Fremder, den er soeben vor Neonazis gerettet hatte.

Wenige Minuten zuvor war Bilal in der Aachener Theaterstraße in sein Auto gestiegen. Da sah er den Mittdreißiger, der vor einer Meute jüngerer Männer floh. „Ich dachte, die machen Blödsinn”, erinnert sich Bilal. Dann stürzte der Flüchtende und wurde mit Fausthieben traktiert, raffte sich auf, rannte weiter - und saß plötzlich neben Bilal auf dem Beifahrersitz. „Unaufgefordert”, gibt dieser zu. Dann aber verriegelte Bilal den Wagen von innen - und rettete dem Mann wohl mindestens die Gesundheit.

Der Verfolgte, das stellte sich später heraus, engagiert sich gegen Neonazis und war diesen zufällig über den Weg gelaufen. „Ich hätte genauso reagiert, wenn ein Rechter von Linken verfolgt worden wäre oder von Ausländern”, beteuert Bilal, 24 Jahre alt, Verwaltungsfachangestellter. Was er nicht akzeptieren wollte, war, dass 13 Mann feige auf einen Einzelnen losgingen.

Nun gingen sie auf zwei los. Bilals Wagen stand noch immer in der Parklücke, binnen Sekunden war er umzingelt, Schläge prasselten aufs Dach. „Wir wollen nur den anderen. Mach auf, sonst hast du auch ein Problem”, habe einer gedroht. „ Ein anderer filmte derweil provokativ Bilal und das Kfz-Kennzeichen. Schließlich wurde Reizgas durch einen Fensterspalt gesprüht. Bilal ließ den Motor an, konnte irgendwie fliehen, mit tränenden Augen, nahezu blind. „Es wurde gehupt, gebremst, aber es hat nicht mal jemand die Polizei gerufen. Das hat mich am meisten schockiert.”

Neulich prangte ein Hakenkreuz auf der Motorhaube seines Wagens.

Sven Burkert: Nichts Außergewöhnliches hatte Sven Burkert an diesem Tag geplant. Unterricht im Fachseminar in Düren-Birkesdorf stand für den Altenpflege-Azubi auf dem Programm, viel mehr nicht. Doch sieben Monate später weiß der 20-Jährige, dass an diesem Februartag „eine Seite in meinem Leben umgeschlagen, ein neues Kapitel aufgeschlagen” wurde.

Denn die Bilder der brennenden Frau, die er an diesem noch dunklen Morgen hat sehen müssen, haben „sich auf meiner Netzhaut festgesetzt, diese Minuten werden mich ein Leben lang begleiten”. Er sagt, dass es ihm besser gehe, wenn er von den Ereignissen erzählt. Das Reden helfe, dieses Szenario zu verarbeiten. Vor allem in den ersten Wochen nach dem Unglück sei es wichtig gewesen. Denn, so sagt er: „Es war kein schöner Anblick. Es war hart.”

Wie so oft zuvor war er auch an diesem Februarmorgen vom Eschweiler Stadtteil Hehlrath nach Baesweiler gefahren, um seine Kollegin abzuholen. Und wartet im Auto auf sie. Von der Gasexplosion, die sich fast vor seiner Nase in einem Reihenhaus ereignete, wird er erst später erfahren. „Ich habe den Knall nicht gehört. Ich habe nur plötzlich in meinem Augenwinkel etwas Helles gesehen. Und als ich noch mal schaute, sah ich: Da brennt ein Mensch.”

Burkert springt aus dem Auto. Er sieht, dass die Frau am ganzen Körper lodert, er hört, dass sie nach Hilfe ruft, schreit. Geistesgegenwärtig nimmt er seine Jacke, erstickt die Flammen, versorgt die 58-Jährige mit herbeigeeilten Nachbarn. „Sie wäre sonst qualvoll verbrannt”, sagt er. Dass die Frau dennoch wenige Tage später ihren Verletzungen erliegt, erfährt der Helfer erst einige Wochen später.

Für seinen Einsatz hat er viel Lob und Respekt erhalten. Das stärkt ihn. Doch er betont: „Nicht nur ich kann das. Jeder Mensch kann in einer Notsituation helfen.”

Jörg Coonen und Lucian Caraza: Manche Fragen beantwortet Jörg Coonen, ohne dass man sie ihm stellt. „Nein, ich bin kein trainierter Kämpfer”, sagt er zum Beispiel. Seit Ende letzten Jahres musste Jörg Coonen oft erzählen, wie er mit seinem Kollegen Lucian Caraza einen Raubüberfall vereitelte. Er ahnt stets, was sein Gegenüber als nächstes fragen wird.

Jener Arbeitstag sollte mit einem Kaffee bei der Bäckerei Moss in der Bismarckstraße enden. Coonen parkte gerade ein, als er durch das Schaufenster sah, wie die Verkäuferin zu Boden gerissen wurde. Er stürzte ins Geschäft und über die Theke. Per „Beinhebel” schickte er den Räuber auf die Bretter. „Dann haben wir ihn festgehalten und ein nettes Paketchen geschnürt.”

Drei junge Männer, die eintraten, als Coonen und Caraza noch ihren Gegner bändigten, suchten das Weite. Der Täter hatte eine Woche zuvor bereits eine Bäckerei ausgeraubt, ebenfalls mit einem Messer bewaffnet. Gegen die Entschlossenheit der Retter half ihm die Waffe nicht. „Das ging so schnell, der hat gar nicht reagiert.”

Die Aufmerksamkeit, die Presse, nun der Preis, all dies ist ihm eher unangenehm. „Ich hatte nie das Gefühl, über mich hinausgewachsen zu sein. Wenn ein alter Mensch oder eine Hausfrau geholfen hätten, dann wäre ein Auszeichnung angebracht.” Und irgendwo sei es ja eine Schande, dass man fürs Helfen einen Preis ausloben müsse.

Die Bäckerei habe sich mit einem Schreiben plus 20-Euro-Gutschein erkenntlich gezeigt. „Das Beste”, sagt Coonen, „ist aber sowieso das Gefühl, das man danach hat. Ich würde wieder so handeln.”
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