Aachen - Brutale Gewalt vor Haftentlassung?

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Brutale Gewalt vor Haftentlassung?

Von: Stephan Mohne
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„Pure Gewalteskalation”: In
„Pure Gewalteskalation”: In diesem Haus an der Gartenstraße sollen drei Männer einen 42-Jährigen brutal zu Tode getreten haben. Einer von ihnen hatte Hafturlaub und stand kurz vor der Foto: Ralf Roeger

Aachen. In dieser Woche hätten sich die Tore der Aachener Justizvollzugsanstalt geöffnet, und ein 28 Jahre alter Mann wäre nach mehr als vier Jahren hinter Gittern in die Freiheit marschiert. Wäre. Denn es ist etwas dazwischen gekommen.

Ein brutales Gewaltverbrechen, an dem der Mann gemeinsam mit zwei Komplizen beteiligt gewesen sein soll. Es war in der Nacht zum 16. Juli, als diese Drei, die anderen beiden sind 22 und 26 Jahre alt, einen 42-Jährigen regelrecht totgetreten haben sollen. Das Opfer lag laut den Ermittlungen schon bewusstlos auf dem Boden, als die Täter immer wieder auf dessen Kopf eingetreten hätten. Schädelbruch, Blutungen im Kopf, Hirntod - der 42-Jährige starb wenige Tage später im Krankenhaus.

Ein zweites Opfer wurde am Tatort - einem Haus in der Gartenstraße gegenüber dem Westpark - die Treppe hinuntergestoßen, doch der 39-Jährige hatte noch Glück und wurde nur leicht verletzt. Die drei dringend Verdächtigen wurden festgenommen. Wie aber kam in dieser Nacht ein JVA-Gefangener an diesen Ort? Die Antwort: Er hatte Hafturlaub.

Die Staatsanwaltschaft und die JVA-Leitung haben diese Information, die unserer Zeitung anonym zugetragen wurde, auf Nachfrage bestätigt. „Ich betone, dass wir nichts vertuschen wollten”, sagt Karl Schwers, stellvertretender JVA-Leiter. Man habe diesen Fakt wegen klarer Richtlinien nicht öffentlich gemacht, die besagen, dass Presseinformationen zu derlei Dingen erst bei Anklageerhebung möglich seien.

Schwers sagt auch, „dass sowohl bei mir als auch bei denen, die jahrelang mit dem Häftling gearbeitet haben, große Betroffenheit herrscht”. Im Knast saß der 28-Jährige laut Schwers ebenfalls wegen Gewalttaten. In seiner Haftzeit habe er an sich gearbeitet. So habe er am Anti-Gewalt-Training teilgenommen. Sein Alkoholproblem habe er in einer entsprechenden Hilfsgruppe in der JVA bekämpft. Das alles habe ihm „gut getan”, wie er in einem persönlichen Gespräch jüngst noch erklärt habe. Disziplinarisch sei er nie in Erscheinung getreten.

Aber da gibt es noch eine andere Seite: Es gibt ein Gutachten, das dem Mann weiterhin ein Gefahrenpotenzial zuschreibt. Auch diese AZ-Information bestätigte Schwers. In der Expertise sei die Rede davon, der Häftling habe „leichte Fortschritte” gemacht. Dennoch seien sich die Gutachterin und die JVA-Leitung einig gewesen, dass man den Mann auf seine Entlassung habe vorbereiten müssen - mittels der entsprechenden Haftlockerungen.

„Diese sind wir aber sehr vorsichtig und nach intensiven Vorgesprächen angegangen”, betont Schwers. Unter anderem habe es bewachte Ausgänge gegeben. Die Lockerungen seien dann in Hafturlaube gemündet. Die Nacht, in der die grausame Tat geschah, war der dritte Urlaub dieser Art. Geplant waren auch schon Maßnahmen der Führungsaufsicht für die Zeit nach der Entlassung.

Nur ein halbes Geständnis

Und doch ist, so sich der Verdacht bestätigt, der Super-GAU geschehen. Gab es ein Motiv? „Für uns ist keines erkennbar geworden”, sagt Oberstaatsanwalt Robert Deller. Und fügt hinzu: „Man muss davon ausgehen, dass es sich um eine pure Gewalteskalation gehandelt hat.” Also in der Art, wie man sie durch Überwachungskameras in der U-Bahn gesehen hat. In Aachen war keine Kamera da. Mit einem Geständnis der Verdächtigen ist das laut Deller indes so eine Sache. Die Gewalt hätten sie schon eingeräumt, aber an einem bestimmten Punkt sei Schluss. Es fehle offenbar die Einsicht, dass derlei Brutalität zum Tode geführt haben könnte.

Über das, was zu dem Gewaltausbruch geführt hat, kann Karl Schwers natürlich nur spekulieren. Alkohol sei strikt verboten gewesen. Was aber nicht heißt, dass das Verbot eingehalten wurde. Möglicherweise habe es eine Gewaltspirale, eine Gruppendynamik gegeben. Der stellvertretende JVA-Chef bekundet, man habe sich natürlich Gedanken gemacht, ob Fehler begangen wurden, ob man etwas hätte besser machen können.

Letztlich kam man zu dem Schluss, dass das Übergangsmanagement, wie es heute heißt, lückenlos gewesen sei. „Wir wollen schließlich nicht das Leben anderer Menschen gefährden”, unterstreicht Schwers. Aber da spielt dann auch wieder die Ressourcen- und Personalknappheit im Justizvollzug hinein: „Angesichts von 760 Gefangenen sind wir mit dem, was wir alles gemacht haben, dann auch an einer Grenze angelangt.”
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