Nordeifel - Bei vielen Rentnern reicht das Geld hinten und vorne nicht

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Bei vielen Rentnern reicht das Geld hinten und vorne nicht

Von: Andreas Gabbert
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Die Rente reicht oft nicht : V
Die Rente reicht oft nicht : Vielen Senioren bleiben nicht mehr als 100 Euro zum leben. Foto: imago/bonn-sequenz

Nordeifel. Da, wo einmal die Küche war, steht heute ein Wohnzimmerschrank, daneben ein Sideboard mit alten Fotoalben drauf. „Vielleicht lässt sich davon noch etwas auf dem Flohmarkt verkaufen”, sagt Lothar Meyer (Name Geändert) und zuckt mit den Schultern.

Die Spüle und den Kühlschrank hat er schon längst für ein paar Euro abgegeben. Strom oder warmes Wasser gibt es in der Wohnung ohnehin nicht mehr, der Versorger hat die Lieferung eingestellt. „Abends, wenn man alleine in der dunklen Wohnung sitzt, dann ist es besonders schlimm, dann kommt plötzlich alles hoch”, sagt der 67-Jährige und fährt sich mit der Hand durch das Gesicht, um die Tränen von den Wangen zu wischen.

Mehr als 30 Jahre lang war der 67-Jährige aus dem Stadtgebiet Monschau selbstständig im Gartenbau tätig. Die kräftigen, gegerbten Hände erzählen von einem bewegten Arbeitsleben. „Jetzt bin ich in Rente, und es kamen Dinge auf mich zu, die ich nicht für möglich gehalten hätte”, sagt Meyer. Er muss mit einer Rente von 292 Euro auskommen, 300 Euro steuert das Sozialamt zur Miete bei. Das Geld reicht hinten und vorne nicht.

Meyer ist einer von vielen. „Die Altersarmut steigt auch in der Eifel immer weiter an. Viele trauen sich aber nicht, darüber zu reden, oder haben sich irgendwie mit der Situation arrangiert”, sagt Norbert Telöken, Schuldnerberater bei der Caritas in Simmerath.

Meyer würde gerne noch arbeiten, doch nachdem er vor zwei Jahren eine Treppe herunter gestürzt ist, kann er nicht mehr richtig laufen. Mehrfach wurde er schon am Rücken operiert. Von den letzten beiden Jahren verbrachte er eines im Krankenhaus. Währenddessen liefen zu Hause die Rechnungen auf. Irgendwann türmten sie sich zu einem Berg.

Die Schwierigkeiten hatten aber schon vorher begonnen. Aufträge wurden nicht bezahlt, und Meyer blieb auf den Materialkosten sitzen, von den unbezahlten Arbeitsstunden ganz zu schweigen. Irgendwann waren die Reserven aufgebraucht und Meyer löste seine Lebensversicherung, die einmal seine Altersvorsorge sein sollte, auf. „Eins kam zum anderen, und plötzlich stand ich auf dem Schlauch”, erzählt der 67-Jährige. Er macht sich Vorwürfe. „Ich hätte das Geld nicht unter dem Kopfkissen aufbewahren sollen. Jetzt ist alles vorbei. Ich weiß nicht mehr ein noch aus.” Von der Sozialhilfe landet kaum etwas/nichts in seiner Tasche. Die Schulden müssen abbezahlt werden.

Als die Pfändung drohte und er Privatinsolvenz anmelden musste, empfahl ihm das Sozialamt, eine Schuldenberatung aufzusuchen und sich an Norbert Telöken von der Caritas zu wenden.

Viel ist Meyer nicht mehr geblieben, das meiste seines Hausrates hat er schon für den Verkauf bereit gestellt. Manchmal stellen die Nachbarn auch etwas vor seiner Türe ab, das er vielleicht noch verkaufen kann. Mit einem alten klapprigen Auto, das ihm ein ehemaliger Kollege geschenkt hat, fährt er dann zu Flohmärkten nach Belgien. Freunde hat er keine mehr, er traut sich nirgendwo mehr hinzugehen, er lebt isoliert. „Die haben alle Angst, man könnte etwas von ihnen wollen und sie anbetteln. Aber dann freckt es eher”, sagt Meyer trotzig. Nur die Katzen, die eine Nachbarin zurückgelassen hat, kommen ihn regelmäßig besuchen. In der vergangenen Woche hatte Meyer noch 1,10 Euro in der Tasche, dafür hat er Katzenfutter gekauft. Sein Herz lässt es nicht zu, die Tiere hungern zu lassen.

Bei Rita und Klaus Müller sieht es ähnlich und doch ganz anders aus. Niemand soll von ihrer Situation wissen, die Nachbarn haben keine Ahnung. Deshalb wollen sie ihren richtigen Namen auch nicht in der Zeitung lesen. Nichts deutet auf ihre prekäre Lage hin. In der Wohnung glänzt und strahlt es überall. Doch hinter der hübschen Fassade sieht es düster aus. Zusammen kommt das Ehepaar auf eine Rente von 675 Euro, er bringt 525 Euro ein, sie 150. Wie viele Frauen in ihrem Alter, hat sie sich ihre Rentenansprüche noch in den 1960er Jahren auf einmal ausbezahlen lassen.

„Wir haben uns dafür damals einen Kühlschrank gekauft. Als junger Mensch denkt man ja nicht richtig darüber nach”, erinnert sich die 69-Jährige. Heute geht sie nebenbei putzen, damit wenigstens etwas zu Essen im Kühlschrank ist.

Bald werden die beiden Rentner aus der Gemeinde Simmerath ihre Wohnung verlassen müssen. „Anders geht es nicht mehr, wir müssen uns wohl etwas Kleineres suchen”, sagt Müller. Sparen ist ihnen nicht möglich, wenn die laufenden Kosten abgebucht wurden, bleibt kaum noch etwas für den Lebensunterhalt übrig. Im Hause Müller sind das knapp 100 Euro. Statt die Heizung aufzudrehen, wird lieber ein Pullover mehr angezogen.

Außerdem sind da noch die Schulden. Müller hat als Versicherungsvertreter gearbeitet und wurde von seinen Arbeitgebern regelrecht über den Tisch gezogen, die verdienten Provisionen musste er schließlich wieder zurück zahlen.

Damit begann für das Ehepaar der Teufelskreis. Ihr Konto wurde gesperrt, jahrelang mussten sie ohne eines auskommen, bis ihr Weg sie schließlich auch zu Telöken führte. „Wer einmal in der Tinte sitzt, kommt mit normalen Mitteln nicht mehr raus. Das wird immer mehr. So geht das mit Telefon, Strom und allem anderen”, klagt Müller.

Früher sind die rüstigen Rentner gerne ausgegangen und haben Ausflüge unternommen. Das ist nicht mehr möglich. Vieles sparen sie sich vom Mund ab. „Spargel oder Erdbeeren, guckt man gerne an, gekauft werden sie aber nicht”, sagt Müller. Alles, was er will, ist „endlich wieder zufrieden und normal zu leben”.
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