Auch in Mützenich gab es einen schwulen Schützenkönig

Von: Heiner Schepp
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Ein schönes Fest: Beim Schüt
Ein schönes Fest: Beim Schützenfest 2010 in Mützenich tanzten Schützenkönidg David Senf (li.) und sein Lebenspartner Walter im Kreise der Bruderschaft den Königswalzer. Foto: Heiner Schepp

Mützenich. „Schützen verbieten schwule Königspaare”, titelte eine große deutsche Boulevardzeitung am 12. März nach der Bundesvertreterversammlung der Historischen Deutschen Schützenbruderschaften (BDHS) in Leverkusen.

„Das stimmt so nicht”, sagt Ralf Sommer, Brudermeister der St. Bartholomäus-Schützen aus Mützenich, der als Delegierter der Bundesvertreterversammlung beigewohnt hatte. „Denn”, so Sommer, „wenn das so beschlossen worden wäre, hätte ich mich nicht meiner Stimme enthalten, sondern hätte dagegen votiert”, sagt der Brudermeister und ergänzt: „Und dann weiß ich auch nicht, wie es mit unserer Bruderschaft weitergegangen wäre und ob wir uns weiterhin dem Bund der Historischen Deutschen Schützenbruderschaften zugehörig gefühlt hätten”, ist Ralf Sommer überzeugt.

Denn seine Bruderschaft hatte bereits 2010, also lange bevor der Münsteraner Schützenkönig Dirk Winter den Stein ins Rollen brachte, einen König, der sich zu seiner Homosexualität bekannte und auch bei den Kirmesfeierlichkeiten öffentlich mit seinem Partner auftrat. „Es war eines der schönsten und stimmungsvollsten Feste der letzten Jahre”, erinnert sich der Brudermeister noch gut an die Kirmes 2010 und die Regentschaft von David Senf. „Und bei uns haben alle, aber wirklich alle, also auch die älteren Mitglieder des Vereins und Herr Pfarrer Stoffels als Präses, Davids Entscheidung akzeptiert und respektiert, seinen Ehemann Walter an seiner Seite zu haben”.

Auch bei auswärtigen Auftritten, wie beim Stadtschützenfest in Imgenbroich, waren die gesetzlich liierten Männer Seite an Seite mitmarschiert, ohne dass sich jemand von den anderen Bruderschaften darüber mokiert hatte.

Dies wird, erläutert Ralf Sommer nach der Entscheidung des Bundes der Historischen Deutschen Schützenbruderschaften, so jedoch nicht mehr ablaufen, sollte es noch einmal einen homosexuellen Schützenkönig oder auch eine homosexuelle Schützenkönigin geben: „Im Festzug bei uns im Ort oder auch bei unseren auswärtigen Festzügen muss der König dann entweder eine Frau an seiner Seite haben oder alleine gehen”, kündigt Sommer an, dass sich seine Bruderschaft an die Weisung des BDHS halten wird. Der Lebenspartner müsse dann eine Reihe dahinter marschieren, sagt der Brudermeister, der aber bekräftigt: „Den Königswalzer darf er aber zumindest bei uns auch weiterhin mit seinem Lebenspartner tanzen”.

Für Ralf Sommer, und nicht nur für ihn, wäre es ohnehin besser gewesen, wenn man die Auslegung der diesbezüglichen Statuten des Schützen-Bundes dezentral geregelt, also den Bruderschaften überlassen hätte. Das habe ja „bisher auch funktioniert”, findet Sommer und stellte fest: „Man hat schon gemerkt, dass es dem BDHS-Vorstand eher unangenehm war, dass dieses Thema so viel Staub aufgewirbelt hat. „Sie mussten aber gemäß Statuten das Thema auf die Tagesordnung nehmen, da es ein offizieller Antrag der Diözesanverbände Paderborn und Münster war”, erklärt Ralf Sommer.

Die beiden nördlichsten Verbände im Bund, der die Verbände Trier in Rheinland-Pfalz sowie Aachen, Köln, Essen, Paderborn und Münster in NRW umfasst, hatten die Verabschiedung eines Grundsatzbeschlusses mit folgendem Wortlaut beantragt: „Die Bundesvertreterversammlung beschließt, dass Schützenkönige und Schützenköniginnen im Bund der Historischen Deutschen Schützenbruderschaften nur eine Begleitung des jeweils anderen Geschlechts wählen können. Gleichgeschlechtliche Königspaare sind demnach nicht zugelassen.”

Dieser Antrag ging aber offenbar nicht nur den Schützenbrüdern und -schwestern in Mützenich zu weit. Der Bundespräses, Kölns Weihbischof Dr. Heiner Koch, deutete schon in seiner Predigt beim morgentlichen Gottesdienst, der die Bundesversammlung traditoonell eröffnete, an, dass es „bei der heutigen Entscheidung Verlierer geben” werde. Dr. Koch bekräftigte, dass „auch homosexuelle Mitglieder bei uns eine Heimat haben - mit allen Rechten und Pflichten”, und dass Heterosexuelle „keine besseren Christen” seien. Im katholischen Glauben aber sei alleine das Sakrament der Ehe zwischen Mann und Frau verankert und stehe damit über allen anderen Formen der Lebenspartnerschaft, auch wenn der Staat mittlerweile andere Formen der Ehe legitimiert habe.

„Dr. Kochs Predigt hat auch mich bewegt und ein Stück weit überzeugt”, räumt Ralf Sommer ein. Eine Wende, zumindest aber eine Abschwächung erfuhr die Angelegenheit dann offenbar auch noch vor der eigentlichen Versammlung, als sich der Vorstand mit den Vertretern aus Münster und Paderborn zusammensetzte und einen veränderten Beschlussvorschlag formulierte (s. Box).

„Damit konnte ich leben”, gehörte Ralf Sommer mit seinen beiden Stimmen für die Mützenicher Bruderschaft (eine Stimme je angefangene 100 Mitglieder) dann bei der Abstimmung zu den 18 Enthaltungen unter 450 Delegierten der 1300 Schützenbruderschaften. 28 Vertreter stimmten auch gegen den abgemilderten Grundsatzbeschluss.

Ralf Sommer rief die Mitglieder seiner Bruderschaft schon zwei Tage später zu einem Informationsgespräch zusammen, um sein Wahlverhalten zu erläutern. „Meine Entscheidung ist von allen akzeptiert, ja positiv aufgenommen worden, auch von den direkt Betroffenen”, so der Brudermeister. David Senf sei, unterstreicht Ralf Sommer, seinerzeit „aus seinem Selbstverständnis heraus davon ausgegangen, die Mützenicher Kirmes mit einer Königin an seiner Seite zu feiern”. Schließlich sei ihm beim Eintritt in die Bruderschaft klar gewesen, dass es sich dabei um einen katholischen Verband mit all seinen Regeln handele. Erst auf Anraten aus der Bruderschaft habe er dann seinen Lebenspartner an seiner Seite gehabt, „und zwar völlig unaufdringlich”, erinnert sich Ralf Sommer, „dass die beiden beispielsweise nicht händchenhaltend durchs Dorf gelaufen” seien. „Vielleicht ist das auch mal was anderes, als wenn ein Homosexueller mit aller Gewalt seine Neigung nach außen dokumentiert”, philosophiert der Brudermeister.

Die Tinte unter dem Grundsatzbeschluss ist mittlerweile trocken, die Wogen abgeebbt, auch bei der Bruderschaft in Mützenich ist der Alltag wieder eingekehrt. Die Geschichte dieser Bruderschaft muss nun nicht neu geschrieben werden, in der Chronik darf stehen bleiben: „Schützenkönig 2010: David I. mit Prinzgemahl Walter”.
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