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Auch im Naturschutzgebiet wird Holz eingeschlagen

Von: ag
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Gelingt der Spagat zwischen Naturschutz und Ökonomie?: Das Naturschutzgebiet Hoscheiter Venn nahe der Schleebach-Quellen bei Fringshaus soll auch forstwirtschaftlich genutzt werden. Foto: G. Pagnia

Roetgen. In ihrem Wahlprogramm hatten die Roetgener Grünen angekündigt, dass das Naturschutzgebiet Hoscheiter Venn nahe der Schleebach-Quellen bei Fringshaus nicht mehr forstwirtschaftlich genutzt und sich selbst überlassen werden soll.

Der aktuelle Forstwirtschaftsplan für das Jahr 2015 sieht aber vor, in diesem Bereich auch Laubholz einzuschlagen. Deshalb hatte der Umwelt-, Forst- und Touristikausschuss der Gemeinde Roetgen in seiner jüngsten Sitzung zunächst über einen entsprechenden Antrag der Grünen zu beraten, bevor er dem Forstwirtschaftsplan seinen Segen erteilte.

„Wenn wir jetzt zulassen, dass dort alte Eichen und Birken entnommen werden, zerstören wir den Charakter dieses Waldes unwiederbringlich. Auch wenn es vielleicht auf den ersten Blick nicht so aussieht, ist ein solcher Wald einmalig“, hieß es im Antrag der Grünen. Christa Heners (Grüne) sprach von einem „Sahnestück für den Naturschutz“ und verwies auf urzeitliche Palsen, die es dort noch geben soll. Derzeit seien die Palsen geöffnet und das Gebiet mit Entwässerungsgräben durchzogen. Dadurch sei die Funktion des Waldes als Wasserspeicher stark eingeschränkt. Ein Verschließen der Palsen und der künstlichen Entwässerungsgräben könne diese Funktion wiederherstellen. Vor dem Hintergrund der Diskussion um den Hochwasserschutz an der Vicht seien auch solche Maßnahmen nicht zu unterschätzen.

Ein Mitarbeiter der Biologischen Station der Städteregion Aachen untermauerte die Position der Grünen mit einem Vortrag, in dem er die Bedeutung des Gebietes für den Naturschutz darstellte. Er empfahl die Ausweisung als Wildnisfläche, die Entfernung von Fichten und den Verschluss der Entwässerungsgräben. Außerdem warnte er vor Schäden und Gefahren durch den geplanten Einschlag. Dann ginge die Charakteristik und Einmaligkeit des Waldes verloren, nachhaltige Bodenschäden und damit auch eine langfristige Änderung der Vegetation seien unvermeidlich, zudem würden die Fichten mehr Licht bekommen und entsprechend wachsen.

Gemeindeförster Wolfgang Klubert sah das völlig anders. Entscheidend für die Gemeinde seien zunächst die finanziellen Auswirkungen. Bei einem Verzicht auf forstwirtschaftliche Maßnahmen müsse in den kommenden Jahren auf Einnahmen von rund 70 000 bis 75 000 Euro verzichtet werden. Dabei hatte er auch den Fichteneinschlag mit einkalkuliert. Maximal würden jährlich zehn Prozent des Bestandes entnommen. Außerdem würde eine Durchforstung grundsätzlich nicht dem Naturschutz widersprechen. „Es ist nicht so, als wären dort in den vergangenen Jahrzehnten keine Maßnahmen erfolgt – moderat und nicht mit der Brechstange“, sagte Klubert. Entwässerungsmaßnahmen habe es keine gegeben, man habe lediglich für die Unterhaltung der bestehenden Gräben gesorgt, auch Palsen seien nicht geöffnet worden, sensible Bereiche würden bei dem Einsatz von Maschinen gemieden. Die Durchforstung sei auch nötig, damit sich die Bestände verjüngen könnten. Die einzige Baumart, die sich unter dem Laubholz verjünge sei die Fichte. „Das ökologische Potenzial wird durch eine vernünftige Bewirtschaftung nicht zerstört“, betonte Klubert. „Wir bewirtschaften den Wald so wie es sein muss: planmäßig, ordnungsgemäß und nachhaltig.“

Gudrun Meßing (Grüne) sprach von einem „merkwürdigen Zufall“, dass ausgerechnet in dem Bereich eingeschlagen werden soll, den die Grünen in ihren Wahlprogramm erwähnt hatten. Es dürften nicht nur wirtschaftliche Überlegungen im Vordergrund stehen. Frische Luft, Wasser und Natur zählten auch. Außerdem sei ein Alleinstellungsmerkmal für das Tor zur Eifel wünschenswert, „damit wir in Roetgen auch mal was Schönes haben“.

Stephan Speitkamp (CDU) erklärte, dass die CDU den Antrag der Grünen ablehnen werde und begrüßte das Ergebnis des Forstwirtschaftsplans (siehe Box). „Es gibt keinen Grund, an der Kompetenz des Försters zu zweifeln“, sagte Speitkamp. Außerdem sei die wirtschaftliche Seite nicht zu vernachlässigen. Die Ökopunkte, die die Gemeinde bei einem Erfolg des Grünen-Antrags erhalten könnte, würden die Verluste nicht ausgleichen. Er bezweifelte, dass es sich um urzeitliche Palsen handelt, vielmehr handele es sich dabei um ehemalige Regenrückhaltebecken. „Ich glaube nicht, dass dort alles so aus der Natur gewachsen ist. Wir sind hier nicht im Nationalpark, und ich glaube auch nicht, dass wir hier ein Birkhuhn sehen werden“, sagte Speitkamp.

Helmut Mulorz (SPD) erklärte, dass er zunächst die Befürchtungen der Grünen geteilt hätte. Bei einer Waldbegehung der Politiker gemeinsam mit dem Förster hätten sich diese aber relativiert. Er sehe keinen Widerspruch zwischen Naturschutz und forstwirtschaftlicher Bewirtschaftung in diesem Gebiet. „Niemand will dieses Waldgebiet platt machen – im Gegenteil“, sagte Mulorz. Er sei oft im Venn unterwegs, einen Palsen oder Pingo habe er in dem diskutierten Gebiet aber nicht erkennen können. Dies könne man aber ja untersuchen lassen.

Rainer Welzel (UWG) dankte den Grünen für die Sensibilisierung für das Thema. Er sah nach den Vorträgen der Biologischen Station und des Försters aber noch Beratungsbedarf. Es müsse geklärt sein, was ein Ökopunkt für die Gemeinde wert ist, welche Qualität an Hochwasserschutz das Gebiet habe und ob eine Durchforstung das ökologisch Wertvolle unwiederbringlich zerstören würde.

Antrag abgelehnt

Zum Schluss hatte Bürgermeister Manfred Eis das Wort. Vor 14 Jahren hätten viele der Politiker die Entstehung des Naturschutzgebietes nicht mitbekommen, „Wenn Sie damals gesehen hätten, was wir an Fichtenholz rausgeholt haben, dann müssten sie erkennen, dass die Maßnahmen dem Gebiet dienen“, sagte Eis und bat um die Abstimmung.

Ein Antrag der UWG, das Thema bis zur nächsten Ratssitzung zu verschieben, wurde bei Stimmengleichheit abgelehnt.

Der Antrag der Grünen, das Gebiet sich selbst zu überlassen, wurde mit elf Nein- und fünf Ja-Stimmen abgelehnt. Der Forstwirtschaftsplan wurde mit acht Ja-Stimmen genehmigt, fünf Politiker stimmten mit nein, drei enthielten sich ihrer Stimme.

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