Alte Dame mit Ausblick: 100 Jahre Dreilägerbach-Talsperre

Von: rpa
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Von der neuen Aussichtsplattfo
Von der neuen Aussichtsplattform an der (für Autos gesperrten) Straße öffnet sich dem Wanderer ein schöner Blick auf die wuchtige Staumauer und auf sein Stück See der Dreilägerbachtalsperre. Foto: Raimund Palm

Roetgen. 100 Jahre ist sie nun alt geworden, doch niemand hat dem „Geburtstagskind” gratuliert. Dabei hat die Jubilarin noch immer einen großen Charme, sie ist anziehend, auch wenn sie nicht so richtig zugänglich und nur aus der „Ferne” zu bestaunen ist.

Die Dreilägerbachtalsperre zwischen Rott und Roetgen am Fuße des Struffelt ist 100 Jahre alt geworden, sie wurde genau am 18. Juni 1912 feierlich eingeweiht. Damals waren zahlreiche prominente Gäste zur Feierstunde gekommen, auch um ein „Hoch” auf Seine Majestät, den Kaiser, auszurufen, denn der Kaiser „widme sich den großen technischen Fortschritten der Neuzeit”, wie damals das Montjoier Volksblatt berichtete.

Die Dreilägerbach-Talsperre heute: Ein stabiler Zaun aus Maschen- und Stacheldraht schließt den 40 Hektar großen See ein und sperrt die Wanderer aus. Die Dreilägerbach-Talsperre von Roetgen, mitten in einer herrlichen Wald-Landschaft gelegen, ist nur aus der Distanz ein wenig zu sehen. Hilfereich dabei ist die neue Aussichtsplattform an der früheren Straße zwischen der L 238 (nach Rott) und der Hahnerstraße, die einen Blick auf die wuchtige Staumauer und auf ein Stück See eröffnet.

Die Lage ist „besonders reizvoll” und die „landschaftliche Schönheit” ist kaum zu übertreffen. So überschwänglich lobte noch vor Jahren der „Eifelführer” des Eifelvereins die Talsperre. Doch die Talsperre ist eine Verbotszone, rundherum eingezäunt, denn der Schutz des Wassers hat höchste Priorität. Das Wasser wird für die Menschen in der Region Aachen zum Trinkwasser aufbereitet, wird besonders gut vor negativen Einflüssen geschützt.

Alle Bemühungen, den See rundherum für Wanderer zu öffnen, blieben ohne Erfolg. Selbst der Versuch der Roetgener Kommunalpolitik zumindest die Staumauer für Besichtigungen freizugeben, waren vergebens. Auch die Argumente des Entwicklungsplanes für Roetgen (in den 90er Jahren), das Umfeld der Talsperre „fußläufig” besser zu erschließen, brachten keine Änderung.

Allerdings können Staumauer und Filterwerk nach Voranmeldung besichtigt werden, wie beim Verkehrsamt Roetgen zu erfahren ist. Führungen auf Anfrage bei der Enwor GmbH, Edith Rombach, edith.rombach@enwor-vorort.de oder Telefon 02407/579-6116.

Die Dreilägerbachtalsperre zwischen Rott und Roetgen ist seit nunmehr 100 Jahren ein stabiler „Eckpfeiler” in der Trinkwasserversorgung Aachener Region. Hinter der 38 Meter hohen und 240 Meter langen Sperrmauer staut sich der See, der 4,2 Millionen Kubikmeter Wasser speichern kann. Gebaut wurde die Talsperre in den Jahren 1909 bis 1911. Feierlich eingeweiht wurden Talsperre und Filterwerk am 18. Juni 1912, also vor nunmehr 100 Jahren.

Der Bau des Sees machte das Dreilägerbachtal damals zur größten Baustelle in der ganzen Region Aachen. Wie Elmar Klubert und Friedhelm Schartmann in ihrem Buch „Roetgen wie es war”, berichten, waren zeitweise bis zu 500 Arbeiter auf der Baustelle beschäftigt, darunter allein 250 italienische und einige polnische und wallonische Gastarbeiter. Die Grund- und Vorarbeiter erhielten damals einen Stundenlohn von 36 bis 42 Reichspfennig, ein Maurer wurde mit 52 Pfennig entlohnt. Die Talsperre zog „alle freien Kräfte der umliegenden Gemeinden an”, berichten die Chronisten, viele Arbeiter mussten einen stundenlangen Fußweg zur Arbeitsstelle in Kauf nehmen.

In der Sperrmauer wurden rund 85.000 Kubikmeter Stampfbeton verarbeitet. Die riesigen Mengen Baumaterial wurden mit einer eigens eingerichteten Schmalspurbahn vom Bahnhof Roetgen durch das Grölisbachtal bis zur Struffeltbrücke gebracht. Talsperre und Filterhaus wurden dann am 18. Juli 1912, also vor nunmehr 100 Jahren eingeweiht. An diesem Tag wurde über der Eingangstür des Schieberhauses, also in der Mittelachse der Mauer, eine Votivtafel angebracht (1,39 m hoch und 2,36 m breit).

Im ersten Betriebsjahr 1913/14 hatte das Rohrnetz eine Länge von 277 km, versorgt wurden 7705 Hausanschlüssen; die Filteranlage konnte täglich bis zu 30.000 Kubikmeter Trinkwasser aufbereiten. Ein paar Daten aus dem Jahr 2009: 14,3 Millionen Kubikmeter Wasserabgabe, 68108 Zähler und eine Netzlänge von 1268 Kilometern.

Im zweiten Weltkrieg, so erinnern Elmar Klubert und Friedhelm Schartmann in „Roetgen wie es war”, war die Talsperre wiederholt das Ziel von Angriffen. Die Alliierten hatten am 12. September 1944 versucht, die Sperrmauer mit Spreng- und Brandbomben zu zerstören. Dabei wurden das Dach der Filteranlage, die Schreinerei des Werkes und das Wärterhaus an der Sperrmauer getroffen. Die Mauer selbst blieb verschont. Mit einem künstlicher Wald auf dem See, etwa 100 Meter von der Sperrmauer, wurde der See getarnt, Luftseitig wurde die Mauer mit grüner Farbe bespritzt. Durch diese Maßnahmen, so berichten die beiden Autoren, wurden tatsächlich zwei Angriffe auf die Mauer vereitelt.

Die Roetgener Talsperre (Seelänge 1,5 km, größte Seebreite 300 Meter) ist über einen 6,2 Kilometer langen Stollen mit dem Kallsee bei Lammersdorf verbunden. Anfang der 1990er Jahre wurde die Staumauer der Dreilägerbachtalsperre aufwendig saniert, dazu ein paar Zahlen: 17.000 Kubikmeter Beton und 1800 Tonnen Stahl wurden eingebaut, dazu 3000 Anker, die Bohrungen in den Untergrund reichten 10 Meter tief. Die Kosten beliefen sich auf mehr als 40 Millionen Mark.

Die Roetgener Talsperre am Dreilägerbach schmückte einst auch einen Geldschein, und zwar den Notgeldschein über 1 Billion Mark des Stadt- und Landkreises Aachen vom 12. Oktober 1923 (Gesamtauflage 20.7500 Stück).

Nahezu der gesamte Grund und Boden gehörte einst der Gemeinde Roetgen, der Verkauf brachte der Gemeinde damals 35.000 Goldmark ein. Der Gewinn hielt jedoch nicht lange: Das Geld verlor durch die Inflation von 1923 seinen ganzen Wert.

Am 2. Juni 1909 wurde das „Wasserwerk des Landeskreises Aachen” gegründet, seit 2004 firmiert das rein kommunale Unternehmen als „enwor - energie & wasser vor ort GmbH”. Zum Jubiläum „100 Jahre Trinkwasser vor Ort” 2009 hat das Unternehmen eine „Jubiläumszeitung” veröffentlicht, die heute noch im Internet (http://www.enwor-vorort.de) zu finden ist. Hier befinden sich auch zahlreiche historische Fotos über den Bau und die Geschichte der Dreilägerbachtalsperre.

Dass der See für Wanderer völlig abgeriegelt ist, daran hat man sich in Roetgen wohl längst gewöhnt. Allerdings gilt eine ungestörte Wanderung” um die Talsperre herum als „sehr reizvoll” und ist beliebt. Beginnen kann man die Wanderung (rund 11 Kilometer) am Filterwerk (auch ein Einstiegspunkt in den Eifelsteig).

Die Wanderung (die Wege könnten teilweise besser ausgeschildert sein) führt neben der Hauptmauer auch über die Struffelter Heide und zur Staumauer des Vorbeckens.
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