Radarfallen Blitzen Freisteller

Zwei Jahre in Jerusalem auf Spurensuche

Von: Burkhard Giesen
Letzte Aktualisierung:
5415893.jpg
Der Dürener Moritz Povel hat zwei Jahre lang als Freiwilliger für die Katholische Kirche in der Nationalen Holocaust-Gedenkstätte Yad Vashem in Jerusalem gearbeitet. Foto: Burkhard Giesen
5431357.jpg
Moritz Povel aus Düren in der Gedenkstätte Yad Vashem.

Düren. Emotional ist Moritz Povel vielleicht an seine Grenzen gegangen. Zum Beispiel, als er diese ältere Frau getroffen hat, mit der er sich einige Zeit unterhalten hat. Als sie ihn fragte, wo er denn herkomme und er antwortete „Aus Deutschland“, wurde die Frau stumm, zeigte ihm die auf ihrem Arm eintätowierte Nummer aus dem Lager Auschwitz und ließ ihn einfach stehen.

Der 25-jährige Dürener, der inzwischen in Berlin lebt, hat zwei Jahre lang für die Katholische Kirche als Freiwilliger in der Holocaust-Gedenkstätte Yad Vashem in Jerusalem gearbeitet. Seit einer Woche ist er zurück.

Die Holocaust-Überlebende, die ihn hat stehen lassen weil er Deutscher ist, kam nach einer halben Stunde wieder auf ihn zu und hat sich entschuldigt und zu sich nach Hause eingeladen. „Sie hat mir von ihrem Leben erzählt, vom Krakauer Ghetto, von Auschwitz, vom Todesmarsch“, erinnert sich Povel. „Zuvor hatte ich einen deutschen Holocaust-Überlebenden getroffen, der mir sagte: ‚Sie haben sich nicht schuldig gemacht, aber auf ihren Schultern lastet eine Schuld.‘ Diesen Satz habe ich erst viel später verstanden.“ Nämlich bei der älteren Frau, die von ihren Erlebnissen noch immer so traumatisiert war, dass sie sich vor ihm erschrocken hat, nur weil er Deutscher ist.

Verändert das einen Menschen? „Ich habe in diesen zwei Jahren sehr viel über mich, über meine Vergangenheit als Deutscher gelernt“, gesteht Povel. Eine grundlegende Erkenntnis: „In Israel ist die Geschichte des Holocaust stets präsent und wird aus Sicht der Opfer erzählt“, erklärt Povel. In Deutschland sei das anders: „Hier fragt man immer, wie das passieren konnte, versucht den Zivilisationsbruch mit sozialen und ökonomischen Erscheinungen zu erklären.“ Deutsche Gründlichkeit eben. Die Suche nach den Gründen hält Povel schon für den falschen Ansatz, wenn sie denn als Entschuldigung herangezogen werden.

Povel hat in der Gedenkstätte mit vielen Besuchergruppen gesprochen und dabei immer wieder die Erfahrung gemacht, dass insbesondere jüngere Deutsche sich mit der israelischen Sichtweise schwer tun. „Da kam nach dem Besuch der Gedenkstätte ganz oft der Hinweis, dass ihnen zum Schluss der Ausstellung das versöhnende Element fehlen würde. Dabei ist das Trauma auf der Opferseite viel, viel tiefer, als wenn wir uns zum Beispiel schämen, als Deutscher in Israel zu sein.“

Wie tief dieses Trauma die israelische Gesellschaft bis heute beeinflusst, kann Povel mit einem anderen Erlebnis veranschaulichen. Er hat eine israelische Psychologie-Studentin im gleichen Alter kennengelernt, die in zehn Stichworten aufschreiben sollte, was sie als Person ausmacht. Povel: „Auf dem Zettel stand: 1. Frau. 2. Dritte Generation Holocaust-Überlebender.“ So wie in Deutschland die Kinder oder Enkel sich lange nicht mit ihren Eltern/Großeltern über die Zeit im Nationalsozialismus auseinandergesetzt haben, war es umgekehrt offenbar auch bei den Opfern. „Viele Kinder oder Enkel fangen teilweise erst jetzt an, sich mit dem Thema auseinander zu setzen. Viele Ältere machen sich Vorwürfe, mit ihren Eltern nicht über das Thema gesprochen zu haben“, sagt Povel.

Die Geschichte der Psychologie-Studentin hat aber auch noch etwas anderes gezeigt. Er, der in Yad Vashem in der Abteilung der Gerechten unter den Völkern recherchiert hat, erlebte die Zeremonien mit, in denen Menschen geehrt wurden, die während der Nazizeit unter Einsatz ihres eigenen Lebens Juden gerettet haben. Geehrt werden sie mit einer Urkunde, die den aus dem Talmud stammenden Spruch „Wer ein einziges Leben rettet, rettet eine ganze Welt“ zitieren. Die Großmutter dieser Studentin hatte den Holocaust überlebt, ihr Mann und ihre zwei Kinder nicht. Später gründete sie eine neue Familie. „Die Menschen würden heute alle nicht Leben, wenn es vielleicht diesen einen Retter nicht gegeben hätte. Das führt uns sehr plastisch vor Augen, was uns verloren gegangen ist.“

Im Museum von Yad Vashem gibt es eine neue Abteilung, in der man individuelle Geschichten von Opfern in den Vordergrund stellt. „Man kann so viel mehr verstehen, als nur mit Zahlen oder schockierenden Fotos zu arbeiten“, erklärt Povel. Das auch, weil man die Erfahrung gemacht hat, dass man emotional auch überfordert sein kann. Gerade als Deutscher. Povel ist ein gutes Beispiel dafür, dass es aber Sinn machen kann, an seine emotionalen Grenzen zu gehen.

Leserkommentare

Leserkommentare (0)

Sie schreiben unter dem Namen:



Diskutieren Sie mit!

Damit Sie Artikel kommentieren können, müssen Sie sich einmalig registrieren — bereits registrierte Leser müssen zum Schreiben eines Kommentars eingeloggt sein. Beachten Sie unsere Diskussionsregeln, die Netiquette.


Homepage aktualisiert

Finden Sie jetzt neue aktuelle Informationen auf unserer Startseite

Wieder zur Homepage

Die Homepage wurde aktualisiert