Zentimeterarbeit im täuschend echten Cockpit

Von: Andreas Bongartz
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Realistischer als im echten Leben: Im ASTA trainieren die Piloten den Einsatz im Eurofighter. Foto: Jagdbombergeschwader 31 „Boelcke”

Nörvenich. 14.900 Fuß, gut 5000 Meter über dem Boden, befindet sich Tom Verwold zwar noch nicht über den Wolken, doch Reinhard Meys grenzenlose Freiheit ist hier oben bereits zu erahnen. Wenn denn da der Airbus vor ihm nicht wäre.

Just dieser mag vielleicht auch der Grund sein, dass sich Verwold die grenzenlose Freiheit gerade ein wenig überschaubarer wünscht. Im Cockpit seines Eurofighters sieht er sich nämlich vor eine knifflige Aufgabe gestellt: Verwold braucht Treibstoff, der Airbus soll Abhilfe schaffen. Dazu ist seine Maschine mit einer Sonde ausgestattet, einer Art nach vorne gerichtetem Rohr. Dieses muss in einen Fangtrichter manövriert werden, den der Airbus an einem Schlauch hinter sich her schleppt - Zentimeterarbeit. Hoch über Nörvenich ist da eine ruhige Hand am Steuerknüppel gefragt.

Ein Glück, dass die Wetterlage gut ist und Schlauch mit Fangtrichter nicht durch starken Wind ständig verweht werden. Und ein Glück, dass das Manöver in einem hoch-technisierten Simulator geübt werden kann. Für seinen Flug hat Tom Verwold den Boden nämlich nicht verlassen. Er sitzt in einer 1:1-Nachbildung eines Eurofighter-Cockpits in einer kleinen Kuppel. Diese ist Bestandteil des ASTA („Aircrew Synthetic Training Aids”) Systems, einer der modernsten Anlagen der Welt, mit der beim Nörvenicher Jagdbombergeschwader 31 „Boelcke” seit Februar die Eurofighter-Ausbildung stattfindet.

Europaweit gibt es nur 24 dieser Flugsimulatoren, die mit herkömmlichen Computersimulatoren natürlich nicht zu vergleichen sind. Alleine die Dimensionen verdeutlichen es: Der Flugsimulator befindet sich in einem dreistöckigem Gebäude mit einer Grundfläche von fast 4000 Quadratmetern. Um genau zu sein, beherbergt das Gebäude zwei Simulatoren: einen „Cockpit Trainer” mit einer etwas abgespeckten Ausstattung und einen „Full Mission Simulator”.

In dem sitzt der Pilot in einer acht Meter durchmessenden Kuppel, auf deren Innenseite mit Hilfe von Lasergeneratoren ein Bild der Umwelt projiziert wird. Hier bietet sich den Piloten ein 360-Grad-Rundumblick. Die hochmoderne Technik in gleich zweifacher Ausfertigung schlägt preislich ordentlich zu Buche: Rund 50 Millionen Euro hat der ASTA insgesamt gekostet. Warum der hohe Aufwand? Volker Horsch, Leiter der Simulatoranlage und zusammen mit Tom Verwold einer von sechs ehemaligen Piloten, die für die Ausbildung der Kampfpiloten zuständig sind, erklärt es am Beispiel der Luftbetankung: „Die ist bereits bei gutem Wetter eine komplizierte Angelegenheit, aber die Taktiken, die wir hier üben, sind wesentlich komplizierter.”

Da sei es einfacher und vor allem auch kostengünstiger mit dem Simulator in die Luft zu gehen, als mit realen Eurofightern abzuheben. „Im Betrieb ist der Simulator wesentlich billiger als ein Flugzeug”, so Horsch. Nicht zuletzt sollen die Piloten mit den Maschinen vertraut sein, bevor sie in den 100-Millionen Euro teuren Einsitzern auf sich selbst gestellt sind.

Die Basisausbildung bekommen die Piloten hierfür in Rostock-Laage. Sechs Wochen wird acht bis zehn Stunden täglich die Theorie gepaukt, bevor es nach dreieinhalb Wochen das erste Mal in den Simulator geht. Erst nach fünf Simulatorflügen dürfen die Piloten überhaupt im Eurofighter Platz nehmen. Danach haben sie ständig parallel Unterricht im Simulator und im Flugzeug. „20 Prozent der Ausbildung findet im Simulator statt”, sagt Kristof Conrath, Oberstleutnant und stellvertretender Kommodore in Nörvenich. „Das ist natürlich eine Entlastung für die Kosten und auch für die Lärmbelastung”, so Conrath weiter. Gleichwohl, an den zu leistenden Flugstunden werde sich nichts ändern.

Dennoch sei der Flug im Simulator realistischer als im echten Leben, meint Volker Horsch. Der Flug in Formation, sämtliche Luftnotlagen und vor allem Kampfeinsätze könnten hier trainiert werden. Den Abschuss von Raketen könne man im echten Eurofighter eben nur simulieren, im Simulator seien diese auch zu sehen. Mit dem ASTA kann eine Vielzahl von Waffensystemen simuliert werden, eine Tatsache, die den Flugsimulator gleichzeitig zur Sperrzone werden lässt. Nur die Piloten und das Personal des Flugsimulators haben Zutritt zu diesem. Um sich gegen Hacker zu schützen, verfügt der Simulator über ein eigenes Stromnetz.
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