Düren - Wenn du hörst, was sonst niemand hört

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Wenn du hörst, was sonst niemand hört

Von: Margret Vallot
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Stehen den Erkrankten und deren Familien mit Rat und Tat zur Seite: Jutta Kinzel-Senkbeil (l.) und Birgit Dangel. Foto: Margret Vallot

Düren. „Jeder Kranke ist anders.” Das betont Jutta Kinzel-Senkbeil im Gespräch gleich mehrfach. Und die Diplom-Sozialpädagogin weiß, warum sie das sagt. Jutta Kinzel-Senkbeil ist Mitarbeiterin vom Dürener Verein „Die Kette”, der seelisch kranken und behinderten Menschen Beratung und Hilfe anbietet.

Zum Treffen mit den „DN” in der Beratungsstelle mitten in der Innenstadt hat sie zwei Personen mitgebracht, die sich mit dem Thema „Psychose” aus eigener Erfahrung gut auskennen: Brunhilde ist seit 22 Jahren als Angehörige eines Erkrankten mit dem Thema befasst. Und Matthias ist seit etwa elf Jahren selbst mit der Krankheit konfrontiert.

Eine Psychose ist eine besonders heimtückische Krankheit, denn fast immer merken die Betroffenen selbst lange Zeit nichts davon. Wohl aber die Menschen in ihrer Umgebung. „Damit fängt das Dilemma schon an”, weiß Matthias. Die Erkrankten glauben ganz verzweifelt, dass ihre Realität die richtige, die wahre Realität ist.

Mal sieht der Erkrankte etwas, mal hört er etwas, das nur für ihn existiert und einen Sinn ergibt. Mal glaubt er, dass seine Gedanken gelesen werden, dass er beobachtet wird, oder er nimmt an, aus TV und Radio würden eigens für ihn Infos übermittelt. Da ist, wie erwähnt, jeder Kranke anders.

Von einem dramatischen „Abdriften in die Irrealität”, dem die Angehörigen meist hilflos gegenüberstehen, berichtet der junge Mann. „Angehörige reden sich den Mund fusselig”. Aber zur Psychose gehört, dass der Erkrankte seine eigene Wahrnehmung nicht in Frage stellt. Schon eher die der anderen. Erst wenn der Kranke für sich selbst oder andere zur Gefahr wird, ist eine Einweisung in eine Klinik möglich.

Den Gesundungsprozess darf man sich nicht so vorstellen, als werde jemand etwa mit einem gebrochenen Bein ins Krankenhaus gebracht und später wieder gesund entlassen. „Das Erlebte verändert den Menschen”, sagt Brunhilde. Und: Wenn jemand merkt, „dass das eigene Ich einen völlig auf die Schippe genommen hat, das ist ein traumatisches Erlebnis”. Auch sei völlig ungewiss, ob die Krankheit nur einmal im Leben auftritt oder immer wieder.

Die Belastung für die Angehörigen ist enorm. Fast immer sorgen sie sich ohne Ende. Manchmal dürfen sie den Erkrankten in der Klinik nicht besuchen. Die Angehörigen müssen sich außerdem anschauen, wie ihr Familiensystem aussieht, wie es funktioniert. Und sie müssen sich abgrenzen, einen Schutz für sich selbst aufbauen. Dabei leisten Beratungsstellen, das Dürener Psychoseseminar und Selbsthilfegruppen für Erwachsene und neuerdings auch für Kinder unschätzbar wertvolle Arbeit. Die zu kontaktieren rät Brunhilde schon allein, weil die Krankheit mit einem Stigma verbunden ist. Der Austausch mit alten Freunden über die Situation und über ein erkranktes Familienmitglied ist schwierig, „man erlebt, dass Freunde sich absetzen”.

Geht es um Medikamente, die fein abgestimmt auch nach der Entlassung aus der Klinik eingenommen werden sollten, geht es um die Umgestaltung des täglichen Lebens nach der Erkrankung oder um deren ungewissen Verlauf: Es ist immer hilfreich, sich mit anderen Betroffenen zusammenzusetzen. Und besonders schön findet es Matthias, wenn Psychose-Erfahrene oder erfahrene Angehörige später den Selbsthilfegruppen nicht einfach fernblieben, sondern wenn sie ihr Wissen an diejenigen weitergeben, die neu mit der Krankheit konfrontiert werden.

Die Kontakte zu den verschiedenen Helfern und Selbsthilfegruppen vermitteln Jutta Kinzel-Senkbeil und Birgit Dangel, 02421/14731. Die Beratungsstelle der „Kette” e. V. ist zu erreichen in der Zehnthofstraße 10. Per Mail unter spz@diekettedueren.de
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