Düren - Vortrag im Kreishaus: Eine Gebrauchsanweisung für die Familie

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Vortrag im Kreishaus: Eine Gebrauchsanweisung für die Familie

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Eine Familie zu haben, ist nicht immer einfach, auch wenn es bei Bekannten, Freunden oder auch im Fernsehen vermeintlich oft so harmonisch aussieht. Foto: Slivia Marks
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Pädagoge Reinhard Winter spricht im Kreishaus über besser gelingendes Familienleben. Foto: Gudrun de Maddalena

Düren. Eine Familie zu haben, ist nicht immer einfach, auch wenn es bei Bekannten, Freunden oder auch im Fernsehen vermeintlich oft so harmonisch aussieht. Diplompädagoge und Familienberater Dr. Reinhard Winter wird am kommenden Donnerstag, 18. Januar, im Rahmen der Inforeihe des Kreises Düren.

„Wir. Gemeinsam. Familie im Gespräch“ einen Vortrag halten. Er gibt eine Gebrauchsanweisung für Familien und erzählt, was Eltern und Kinder im Innersten zusammenhält. Im Interview mit unserer Mitarbeiterin Anne Schröder erklärt er, warum es nur so scheint, als funktionierten andere Familien besser.

Herr Winter, warum kann für viele Menschen die Familie oft so schwierig sein? Wo liegen die Probleme?

Reinhard Winter: Was ich immer wieder merke ist, dass Eltern oder auch die Kinder bestimmte Vorstellungen haben, wie Familie sein muss – zum Beispiel wie in der Werbung. Wenn man dann die Erfahrung macht, bei mir ist es anders, dann kommt so etwas wie eine Grundablehnung oder Verunsicherung auf. Wir sind so stark mit kommerziellen Bildern versorgt, dass es verunsichern kann, wenn die eigene Familie davon abweicht. Das hat auch damit zu tun, dass Familie meist hinter geschlossener Tür stattfindet. Dass man nach außen hin eher so tut, als sei alles in Ordnung, weil da ein gewisser Druck ist.

Sie haben ein Buch geschrieben „Familie. Eine Gebrauchsanweisung“, das auch die Grundlage des Vortrages bildet. Was sind die Inhalte, die sie am Donnerstag in den Fokus rücken?

Winter: Erst einmal geht es darum, warum wir überhaupt die Frage nach einer Gebrauchsanweisung stellen müssen. Was hat sich verändert, warum leben vielen Familien schwierig zusammen. Was sind Angriffe, die von außen kommen oder die Unsicherheiten, die mitschwingen. Der Schwerpunkt wird aber sein, was Familien tun können, um gut zu funktionieren und den Zusammenhalt zu pflegen. Da gibt es ganz konkrete Dinge.

Zum Beispiel?

Winter: Wenn man das Gefühl hat, es knirscht immer, ist der erste Schritt zu sagen: „Ja, so ist es gerade. Das ist die Situation, so fühlt es sich an.“ Einfach die Wirklichkeit als Wirklichkeit annehmen und nicht permanent vergleichen mit Idealisierungen. Das erleichtert das Ziel. Das ist für mich ein wichtiger Schritt, sich einfach einzulassen auf die eigene, individuelle Wirklichkeit der eigenen Familie. Eine perfekte Familie gibt es nicht, das ist ganz wichtig. Im Gegenteil, ich hab immer den Eindruck, die, die versuchen, es perfekt zu machen, können mit Sicherheit davon ausgehen, dass es viele Probleme gibt. Kein Mensch will perfekt sein und schon gar nicht die Kinder. Wir müssen Fehler machen, die Frage ist dann nur, wie man damit umgeht.

Sie beschreiben, dass das, was Eltern und Kinder zusammenhält, die Liebe ist. Warum wird es trotzdem problematisch in Familien, obwohl diese da ist.

Winter: Das, was die Familie von anderen Gruppen unterscheidet, ist, dass diese Bindung über die Liebe passiert. Also Familienliebe ist das Zentrale, was sie auch zusammenhält. Unabhängig übrigens davon, welche Familienformen das sind, also beispielsweise sind auch alleinerziehende Eltern, Teilzeiteltern, Patchworkfamilien Familie. Dieses Kernthema wird in der Regel gar nicht thematisiert: Man redet am Spielplatz meist nicht darüber, wie es bei den anderen in der Familie mit der Liebe ist und wie sie das machen. Man redet über alles Mögliche, aber der Kern, die Liebe, wird kaum besprochen oder in gewisser Weise analysiert.

Liebe alleine reicht aber nicht aus, um als Familie zu funktionieren, oder?

Winter: Eigentlich sind es drei Facetten: Die Emotionen gehören dazu, aber auch die Sinne, die sinnlichen Erfahrungen und letztlich aber auch so etwas wie eine Haltung, die innere Einstellung. Alle drei Komponenten sind wichtig, wenn wir sagen, wir wollen die Familie zusammenhalten.

Wenn es sich eben gut anfühlt, dann muss man nicht mehr viel tun. Je größer die Kinder werden, umso mehr ist da auch die Aktivität von den Eltern gefordert, dass gerade bei den sinnlichen Erfahrungen nichts verloren geht. Auch ist wichtig, sich zu entscheiden und zu sagen: „Ja, ich bleib da dran, auch wenn es schwierig wird – wir stehen das gemeinsam durch.“ Das ist eine Haltungsfrage.

Darf eine gute Familie auch streiten?

Winter: Sie muss es sogar. Die Familie als Friedensort ist für viele ein ganz heikles Thema, weil oft natürlich Streit zur Familie mit dazugehört, aber man trotzdem diese Bilder hat, dass Familie immer harmonisch, eng und nah sein muss. Diese Krisen in der Familie, die werden überhaupt nicht unter liebevollem Umgang miteinander verbucht. Wie wir streiten und dass wir es aushalten, dass es manchmal schwierig ist – das alles gehört mit hinein in den Topf der Familienliebe.

Ab wann ist der Moment, an dem es zu spät ist, die eigene Familie zu retten?

Winter: Wenn es zu einer Belastung für die Kinder führt, dann ist es manchmal wirklich besser – wenn nichts mehr geht – sich zu trennen. Allerdings würde ich nicht sagen, es ist dann alles zu spät, denn auch wenn man sich trennt, bleiben die Eltern Eltern. Man kann auch gut Eltern sein, ohne dass man eine Liebesbeziehung hat.

Das zu entwickeln, während oder nach der Trennung ist etwas wie eine neue Herausforderung. Es kann eine gute Situation sein und die Familie als Kern bestehen bleiben, quasi als neue Form. Gerade Müttern fällt es schwer, wenn Probleme und Trennungen in der Familie vorkommen. Sie fühlen sich schuldig. Es wird Frauen immer noch mehr ansozialisiert, sich für Beziehungsthemen verantwortlich zu fühlen.

Früher blieben Ehepaare zusammen, Scheidung war kaum ein Thema. Haben Partner heute weniger Familienbewusstsein?

Winter: Man kann nie sagen, der oder die sind schuld, dass die Familie auseinanderbricht. Es gibt aber Bedingungen, die eher fördern, dass Eltern sich in letzter Konsequenz trennen. Zum Beispiel, wenn sie nicht miteinander kommunizieren oder ihren Konflikten ausweichen und versuchen, einen Deckel drauf zu machen. Sowas erlebe ich recht häufig. Aber insgesamt würde ich sagen, ist es mehr eine gesellschaftliche Situation.

Früher wurde die Familie stark von außen zusammengehalten, es war moralisch und juristisch nicht möglich, sich zu trennen. Und wenn die Eltern nicht einen Beitrag dazu leisten, dann wirkt sich das natürlich auch auf die Beziehungen zu den Kindern aus. Die Eltern, denen es gelingt, daran zu arbeiten und zu sagen, da muss man jetzt mal richtig ran, die haben bessere Chancen, zusammenzubleiben, als denjenigen, die versuchen, einen Deckel drauf zu machen.

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