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Unterricht in Russland: Warmherzigkeit bei bitterer Kälte

Von: Stephan Johnen
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Hausaufgaben: Umringt von Gastgeschenken sitzt Christian Runkel an einem Kirchenmodell, das ihm Schüler überreicht hatten. Foto: Johnen
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In drei Klassen hat Christian Runkel in Mytischtschi Deutschunterricht gegeben. Auf diesem Bild ist er mit Schülern der Klasse 9a zu sehen.

Kreis Düren/Mytischtschi. Den russischen Winter kannte Christian Runkel bislang nur aus Erzählungen. Erlebt hatte er ihn noch nicht. Als er morgens bei minus 25 Grad die Türe öffnete und auf eine Wand aus Kälte stieß, wusste er, dass das „Schneegestöber“ in Merzenich im direkten Vergleich kaum als Winter bezeichnet werden kann.

„Für mich war das eine Premiere“, sagt Runkel, der viele Jahre am Dürener Wirteltorgymnasium unterrichtete und nun drei Wochen den Deutschunterricht seiner russischen Kollegin Elena Nigyan in Mytischtschi unterstützte. Der Kontakt kam bei einem Austausch des Gymnasiums am Wirteltor mit dem Gymnasium Nummer 17 unter Schirmherrschaft des Kreises Düren und des Bezirks Mytischtschi zustande (wir berichteten). Die klirrende Kälte sei aber nur ein Randaspekt, sagt Runkel. Viel lieber berichtet der 60-Jährige nach seiner Rückkehr im Gespräch mit unserer Zeitung über die Warmherzigkeit und Offenheit, mit der er empfangen wurde.

„Vor der Abreise habe ich mir viele Gedanken gemacht. Ich bin ja schließlich kein Deutschlehrer“, sagt Runkel, der Biologie und Sport unterrichtete, aber auch Russisch studiert hatte. „Aber es lief so gut, wie ich es mir gar nicht hätte vorstellen können“, bilanziert er. In einer 5., 6., 8., 9. und 11. Klasse stand Runkel regelmäßig an der Tafel. Besonderen Wert legte er dabei auf das freie Gespräch. „Früher wurden in Russland Fremdsprachen gelernt, indem man Vokabeln paukte und Texte auswendig lernte.

Ob die Texte dabei verstanden wurden, war zweitrangig“, erklärt Runkel. Umso erfreuter war er, dass die Unterstufenschüler schon neue Bücher hatten, die von dieser Praxis Abstand nehmen. Runkel kam mit Schülern ins Gespräch über Hobbys, beantwortete Fragen zu Deutschland, und da er in gewisser Weise ja auch als Botschafter unterwegs war, machte er Werbung für das duale Ausbildungssystem. Deutsche Grammatik kam dabei nicht zu kurz, und auch die zwölf Kilo Unterrichtsmaterialien, die er in einem Koffer mitgebracht hatte, waren ein gerngesehenes Geschenk. „Ich habe es als meine Aufgabe angesehen, die Schüler noch mehr zu motivieren, die deutsche Sprache zu lernen“, sagt er.

Bei einem offiziellen Empfang des Schulamtsleiters („Es war ein nettes und relativ lockeres Gespräch“) sei er erneut eingeladen worden, berichtet Christian Runkel erfreut. „Gerne wieder“, antwortet er auf die Frage unserer Zeitung, ob er die Reise noch einmal antreten würde. Er könne sich sogar vorstellen, jedes Jahr nach Mytischtschi zu reisen. Auch habe er seine Mitarbeit bei der Gestaltung eines „Deutschen Hauses“ in Mytischtschi angeboten, in dem „eine Ecke für den Kreis Düren reserviert ist“.

Einziger Wermutstropfen: „Ich habe leider nicht so viel Russisch gesprochen, wie ich wollte. Das wird sich beim nächsten Mal ändern“, sagt er. Oft habe sich der Lehrer wie ein Schüler gefühlt, der sich kaum traute, nachzufragen, wenn er etwas nicht verstanden hatte.

Auf Anhieb gut verstanden sich Christian Runkel und viele seiner Kollegen. Er war Skilaufen, Wochenendgast auf einer Datscha und bekam in der Schulmensa immer die größte Portion. Eine echte Überraschung war die Fahrt mit dem Schulleiter und einer Kollegin zum etwa 220 Kilometer entfernten Landsitz Jasnaja Poljana, auf dem Leo Tolstoi die meiste Zeit seines Lebens gewohnt und gearbeitet hatte. Es war ein mehrstündiger Höllenritt auf Schotterpisten – und zugleich ein unvergesslicher Tag: „Ich wäre dort alleine nie hingekommen. Es war ein tolles Erlebnis“, sagt Runkel rückblickend. Generell habe er sich an den Wochenenden viele Museen und Sehenswürdigkeiten angeschaut – und auch manchen Geheimtipp erhalten.

Doch was ist eigentlich aus der Pelzmütze geworden, die Christian Runkel als Student in Jalta – damals war Sommer – erworben hatte und die er mitnehmen wollte? Sie blieb drei Wochen lang im Koffer. „So etwas trägt kein Russe mehr. Höchstens Touristen“, sagt Runkel augenzwinkernd.

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