Düren - Tedrive-Betriebsratsvorsitzender: Ein undankbarer Job

Tedrive-Betriebsratsvorsitzender: Ein undankbarer Job

Von: Burkhard Giesen
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Tedrive-Betriebsratsvorsitzender Peter Nießen hat einen Job, der einem den Schlaf rauben kann: Der angeschlagene Autozulieferer muss Stellen streichen, um langfristig bestehen zu können. Foto: Burkhard Giesen

Düren. Einer muss es machen. Peter Nießen, Betriebsratsvorsitzender des insolventen Autozulieferers Tedrive, ist dieser „einer”. „Ja”, sagt er, „wir stehen zur Sanierung. Ja, wir gehen den Weg des Arbeitsplatzabbaus mit. Ja, wir müssen zusätzlich auf Geld verzichten.”

All das, um die Zukunft von Tedrive am Standort Düren langfristig zu sichern. Und all das, was seit der Insolvenz zwischen Geschäftsführung, Betriebsrat und Insolvenzverwalter ausgehandelt wurde, muss auch den Mitarbeitern erklärt werden.

„Einer muss es machen”, sagt Peter Nießen, und man merkt, dass er sich schönere Aufgaben vorstellen kann, als der Belegschaft zu erklären, warum bis zu 240 Beschäftigte das Werk in den nächsten Wochen oder Monaten verlassen müssen. Zumal viele Abläufe nur schwer zu erklären sind. Tedrive ist insolvent. Tedrive fährt Sonderschichten. Wie passt das zusammen?

Nießen: „Wir bauen in Düren die Antriebswellen für den neuen Fiesta. Hier hat mit der Abwrackprämie die Nachfrage sehr stark angezogen. Wir müssen vom Betriebsrat jede Woche die Wochenendschichten genehmigen.” Geht es dem Hauptkunden Ford gut, geht es auch Tedrive gut. Und umgekehrt. Und im Moment ist es eher umgekehrt. Nießen: „Bei den anderen Modellen ist der Absatz eingebrochen.”

Rund 85 Prozent der Tedrive-Produktion landen immer noch bei Ford. Fast wie in alten Zeiten. Zwar hat man inzwischen mit BMW, Mercedes und VW weitere Verträge abschließen können und versucht selbst in der Phase der Insolvenz, mit anderen Autobauern Geschäfte zu machen, aber „es ist schwer, da Fuß zu fassen”, sagt Nießen. Ohne die Wirtschaftskrise hätte Tedrive im Jahr 2008 erstmals wieder profitabel arbeiten können. Gemeinsam mit der Geschäftsführung hat man Arbeitsabläufe verschlankt.

Mit der Krise war plötzlich alles anders. In der Krise hat der Betriebsrat einen ungewöhnlichen Vorschlag gemacht: Einführung von Kurzarbeit, Umsetzung einer 30-Stunden-Woche. Ohne Lohnausgleich, versteht sich. Nießen: „Wir hatten gehofft, so mehr Entlassungen verhindern zu können.” Das Konzept fand bei der Geschäftsführung keine Mehrheit, die meldete stattdessen Insolvenz an. Mit den bekannten Folgen - bis zu 240 Kollegen müssen mit ihrer Entlassung rechnen.

„Als ich das auf der Betriebsversammlung verkünden musste, fühlte ich mich nicht besonders wohl in meiner Haut”, sagt Nießen, der nicht unbedingt dazu neigt, sein Seelenleben auf der Zunge spazieren zu tragen. „Man wird nachts wach und fragt sich natürlich, ob man das richtige tut.” Einer muss es machen. Also er. Und seine Kollegen vom Betriebsrat.

Alle eint derzeit ein Wunsch: Endlich wissen, wo man dran ist. Was wird. Wie sich das Unternehmen weiter entwickeln wird. „Diese Hängepartie ist unmenschlich”, sagt Nießen, und versucht die Auswirkungen mit einem simplen Bild zu erklären: „Im Betrieb verstecken sich die Kollegen teilweise hinter ihren Maschinen - aus Angst, sie könnten mitgenommen werden, um ihre Kündigung abzuholen.”

Der Zustand der Angst, des Bangens wird den Beschäftigten vermutlich noch länger erhalten bleiben. Es gibt keine Zeitschiene, anhand derer man ablesen könnte, wann sich das Unternehmen wie entwickeln wird. Es gibt nur viele „Wenn”. Wenn der Eigner Orlando sich bei den Patenten und Lizenzen bewegt, dann könnte es weitergehen. Wenn Ford möglichst weitere Produkte bei Tedrive in Auftrage gibt, dann könnte es weitergehen. Wenn ein neuer Investor kommt, dann...

Zwei Investoren, die in Frage kommen, waren vor Ort. Ein Unternehmen aus den USA und eines aus Kanada. „Die Gespräche sind positiv verlaufen”, sagt Nießen. Mehr darf und kann er nicht sagen. Nur noch eines: „Es darf kein Finanzinvestor mehr kommen. Auf keinen Fall. Wir brauchen einen, der sein Geschäft versteht.” Und das möglichst schnell.
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