Statt Vorurteile viel Sympathie erfahren

Von: Burkhard Giesen
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Axel Braun (li.) und Thomas Zutz aus Heimbach leben seit über 30 Jahren zusammen und haben als Trainergespann viele Verein trainiert. Foto: Burkhard Giesen

Kreis Düren. Als in den frühen 1980er Jahren Axel Braun Jugendtrainer von Düren 77 wurde, da wussten die Verantwortlichen im Verein, Braun gibt es nur als Doppelgespann mit Co-Trainer Thomas Zutz. Die beiden bauten 16 Jugendteams auf, holten Titel und Preise und trainierten später das Seniorenteam, mit dem sie vier Mal den Aufstieg schafften.

1983 war es, erinnert sich Axel Braun, als ein Spieler, dessen Name Braun wohl nie vergessen wird, auf einer Freizeit mit den Spielern seinen ganzen Mut zusammen nahm und die alles entscheidende Frage stellte: „Warum lebt ihr zusammen, ohne Frauen?“ Die Antwort von Braun und Zutz: Weil wir uns lieben. Für Braun war es damals selbstverständlich, „dann auch die Wahrheit zu sagen“.

Wohl gemerkt: Das war 1983, 30 Jahre bevor der ehemalige Bundesligaspieler Thomas Hitzelsperger sich kürzlich zu seiner Homosexualität bekannte. Ist es heute immer noch ein Problem im Fußball, sich zu seiner Homosexualität zu bekennen? „Fußballkabinen sind immer noch eine Männerdomäne. Da fällt auch der ein oder andere derbe Spruch“, weiß Axel Braun. Vor denen er und sein Lebenspartner allerdings meist geschützt waren: „Dadurch, dass wir immer offen damit umgegangen sind, waren wir weniger angreifbar“, sagt er.

Offenheit und der Erfolg haben Braun und Zutz geholfen. Bei Düren 77 schafften sie es, dem Verein ein neues Image zu verpassen und heimsten mit einem Team aus deutschen, türkischen, kurdischen und griechischen Spielern einen Integrationspreis ein. „Wenn ich für mich Toleranz einfordere, muss ich das selbst leben“, stellt Braun fest, und man spürt, dass er noch heute auf sein damaliges Multikulti-Team stolz ist.

Es sind aber nicht nur derbe Kabinensprüche, die einem Spieler zusetzen könnten. Winfried Hannes aus Düren, Trainer von Borussia Freialdenhoven und selbst früher Bundesligaspieler: „In Düren und Umgebung ist die Mundpropaganda doch um einiges größer, als zum Beispiel hier in Freialdenhoven. Wenn in Niederau etwas passiert, geht das am nächsten Tag durch ganz Düren.“

Davor könnten Spieler Angst haben. Einen Spieler, der sich ihm gegenüber als schwul geoutet hätte, hatte Trainer Hannes bisher noch nicht in seinem Kader. Wie er reagieren würde, ist für ihn aber klar: „Mein Gefühl sagt mir, er sollte den Weg nach vorne antreten und ich würde ihn unterstützen und mit der Mannschaft reden. Der Weg der Offenheit ist immer besser, als im Verborgenen ständig mit der Angst zu leben, dass es heraus kommen könnte.“

Das sieht auch Trainer Bernd Lennartz von Viktoria Arnoldsweiler nicht viel anders. „Natürlich würde ich einen Spieler in so einer Situation unterstützen. Aber ich würde mich auch darüber ärgern, dass eine Unterstützung überhaupt notwendig wäre, denn eigentlich sollte das eine Selbstverständlichkeit sein und überhaupt keine Rolle spielen.“ In der jeweils eigenen Mannschaft sieht Lennartz sowieso keine Problem auf die Spieler zukommen, eher bei gegnerischen Fans.

Axel Braun und Thomas Zutz haben solche Situationen auch erlebt. „In einem Ort sind wir mal übelst von einem Spieler angegriffen und beleidigt worden. Aber dann ist etwas passiert, womit ich niemals gerechnet hätte: die Spielerfrauen sind auf den losgegangen und haben sich vor uns gestellt“, erinnert sich Braun. Umgekehrt sind die beiden Trainer da, wo sie Vorurteile erwartet hätten, auf Sympathie gestoßen. Mitte der 90er Jahre zum Beispiel, als der Türkische SV beim Trainergespann anklopfte.

Die Mannschaft hatte damals ein schlechtes Image, galt als undiszipliniert, aber man wollte in die Bezirksliga aufsteigen. „Wir haben uns da vorgestellt und haben auch gesagt, dass wir ein Paar sind“, beschreibt Braun die damalige Situation. Die Antwort: Das wissen wir, das ist uns egal. Das Ergebnis war beeindruckend: Nach einem Jahr war der Aufstieg perfekt und das zuvor undisziplinierte Team mit den meisten roten Karten holte den Fairnesspokal.

Trotzdem sucht man Spieler, die sich zu ihrer Homosexualität bekennen, vergebens. Ingo Müller vom FC Niederau ist seit mehr als 30 Jahren Jugendleiter: „Ich habe in der Zeit bestimmt mehr als 2000 Spieler betreut und wüsste nicht, dass auch nur ein schwuler Spieler dabei war. Dabei kann das ja gar nicht sein.“ Die Gründe? „Vielleicht ist es bei Jugendlichen so, dass sie sich in dem Alter selbst noch nicht so sicher in ihrer Orientierung sind. Aber was hätten sie zu befürchten? Ich sehe da keine Probleme.“

Auch Müller weiß, dass es in Kabinen eher schon mal derbe Sprüche gibt, „aber wir bemühen uns immer um die Jugendlichen. Wir kümmern uns um sie, veranstalten gemeinsame Freizeitaktivitäten, setzen uns mit Themen wie Integration und Kinderarmut auseinander“ – soll heißen: ein schwuler Spieler im Team wäre keine große Sache. Müller: „Wenn das so ist, dann ist da so. Na und?“

Zurück zu Axel Braun und Thomas Zutz. „Durch unsere Offenheit waren wir vielleicht auch Vorreiter. Wir haben in der ganzen Zeit immer ein positives Feedback erhalten“, sagt Braun – und hätte sich gewünscht, dass Thomas Hitzelsperger sich schon zu seiner aktiven Zeit geoutet hätte: „Das wäre mutig gewesen. Ein Profi hat immer eine Vorbildfunktion. Er hätte da Vorreiter sein können.“ Denn, auch das wissen Braun und Zutz: „Leute, die das in ihrem Alltag leben, beweisen oft sehr viel mehr Mut.“

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