Düren - Sozialpädagoge aus Niederzier betreut Sinti-Jugendliche

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Sozialpädagoge aus Niederzier betreut Sinti-Jugendliche

Von: Burkhard Giesen
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Seit 14 Monaten arbeitet Sozialpädagoge Nils Wenzler von der Evangelischen Gemeinde gezielt mit jugendlichen Sinti. Links Pfarrerin Karin Heucher. Foto: B. Giesen

Düren. Rückblickend, sagt Sozialpädagoge Nils Wenzler, hat er gelernt, sein Leben zu entschleunigen, gelassener zu werden. Pathetisch könnte man Nils Wenzler als Mittler zwischen zwei sehr unterschiedlichen Welten bezeichnen. Seit zehn Jahren ist der 36-Jährige für die Evangelische Gemeinde in der aufsuchenden Jugendarbeit tätig, und zwar in Niederzier.

Und hat da Kontakte geknüpft, die im April 2012 in einem neuen Projekt mündeten: Wenzler kümmert sich gezielt um die vor allem in Huchem-Stammeln lebenden jugendlichen Sinti und Roma. Mit verblüffenden Erfolgen. Warum kümmert sich die Evangelische Gemeinde um Sinti-Jugendliche? „Das ist unser Selbstverständnis. Wir bekennen uns zur Verantwortung für die Gesellschaft, auch für die, die vergessen, verkannt oder benachteiligt sind“, sagt Pfarrerin Karin Heucher. Wenzler sagt es unverblümter: „Wer sonst sollte sich um sie kümmern?“

Über den Kreis Düren vom Bundesfamilienministerium finanziert, hat Wenzler insbesondere versucht, die Bildungschancen der Jugendlichen zu verbessern. „Die grundsätzliche Herausforderung ist, dass das traditionelle Leben der Sinti, zu reisen und Dienstleistungen in Nischen anzubieten, heute so nicht mehr funktioniert“, erklärt er. Und: „Sie erkennen für sich selbst, dass sie hier langfristig leben. Genau diese Erkenntnis ermöglicht Integration erst.“

Und sie ermöglicht die Projekte, die Wenzler in Angriff genommen hat. So hat er in Huchem-Stammeln mit der Musikschule ein Schlagzeugprojekt gestartet. „Es gibt wenige Orte für Sinti-Jugendliche, wo sie etwas bewirken können. Karneval, Musikorchester oder Sportvereine bleiben ihnen eher verschlossen“, sagt der Sozialpädagoge. Bei den beiden ersteren auch, „weil sie sich strikt auf unsere Kultur stützen. Da müsste man sich für andere Kulturen öffnen“, fordert Pfarrerin Heucher.

Das kann schwer fallen. Wenzler: „Natürlich gibt es eine ganze Palette von Vorurteilen gegen Sinti und Roma, auch romantisierende. Sie werden fast immer als Kollektiv behandelt. Es sind ‚die Sinti‘. Das findet man auch auf allen Ebenen der Kommunalpolitik.“ Wenzler versucht zwischen Politik, Institutionen und den Sinti-Familien gegenseitig für Akzeptanz zu werben.

Sein wichtigstes Projekt: Die Kooperation mit der Bürgewaldschule. Weil viele der Jugendlichen aus Huchem-Stammeln die Förderschule besuchen, tritt er als Mittler zwischen den Familien und der Schule auf. „Ich habe den Zugang zu den Familien, ich kenne ihre Kultur“, erklärt Wenzler. Das hilft der Schule, die versucht, mit ihren Inhalten in Huchem-Stammeln präsent zu sein. „Wir veranstalten gemeinsam eine Breakdance-AG, haben eine Zirkuswoche geplant, ich war bei Schulausflügen dabei, wir führen gemeinsam Elterngespräche“ berichtet der Sozialpädagoge.

Wenzler gelingt es in vielen Fällen, die Alltagsprobleme zu lösen. So wie bei einem Jugendlichen, der ständig im Unterricht fehlte und kein Halbjahreszeugnis bekommen hatte. Ein Lehrer hatte Wenzler gebeten, die Eltern anzusprechen. Das Ergebnis: Der Junge geht jetzt regelmäßig zur Schule und zählt nun eher zu den Pfiffigen. Wenzler: „Die Eltern waren mit mir zusammen das erste Mal in der Schule und von dem Gebäude und dem Lehrer total begeistert.“ Die Fehlzeiten der Sinti-Jugendlichen konnten halbiert werden, auch, weil es zunehmend die Eltern selbst sind, die Wert darauf legen, dass ihre Kinder in den Schulen besser zurecht kommen. Wenzler würde das Projekt gerne ausdehnen, schon in Grundschulen und Kindergärten mit der Arbeit anfangen. „Die Kinder müssen spüren: Schule ist ein Ort, der mir was bringt. Inzwischen gibt es auch Schüler, die die Schule als Ort der Freiheit empfinden.“ Je früher sie diese Erfahrung machen, um so leichter könnte es fallen, ihnen berufliche Perspektiven aufzuzeigen.

Ende des Monats wechselt Nils Wenzler zur Fachhochschule Düsseldorf, um dort zu promovieren. Seine Stelle, die noch bis Ende des Jahres finanziert ist, soll zügig neu besetzt werden, verspricht Pfarrerin Karin Heucher. Wie es dann weiter geht, ist noch offen. Was er mitnimmt? Die Entschleunigung. „Zu Beginn meiner Arbeit habe ich mich – typisch deutsch – geärgert, wenn jemand nicht pünktlich zum Beratungsgespräch kam. Heute warte ich einfach.“ Den Einblick in das Leben von Menschen nimmt er mit, „die so ganz anders leben, als ich das für mich will“. Ohne dies zu bewerten. Die anfänglichen Fragen, „Was ist das Gute daran, was das Schlechte?“, stellt Wenzler nach einem Jahr Projektarbeit nicht mehr. Er sieht die unterschiedlichen Lebensweisen als Bereicherung für die Kultur einer Gesellschaft.

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