Düren - Selbstversuch: Zu Besuch bei Wahrsagerin „Cassandra”

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Selbstversuch: Zu Besuch bei Wahrsagerin „Cassandra”

Von: Sandra Kinkel
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Wahrsagerin Cassandra liest in
Wahrsagerin Cassandra liest in den Händen von „DN”-Mitarbeiterin Sandra Kinkel. Sie behauptet, anhand der Linie in den Händen das ganze Leben ihrer Kunden bewerten zu können.

Düren. Ganz ehrlich, ich habe ein ziemliches Grummeln im Bauch. Ich stehe vor einem dunkelroten Wohnwagen auf dem Annakirmesplatz. „Wissen ist Macht”, steht in silbernen Buchstaben gleich neben der Tür.

Aber ob ich das Wissen, was mich hier erwartet, auch wirklich haben will, ist eben die große Frage. In dem roten Wohnwagen arbeitet nämlich Wahrsagerin Cassandra. Und die wird mir gleich aus der Hand lesen. „Sie sind skeptisch”, sagt Cassandra als ich ihr gegenüber Platz genommen habe, und damit hat sie den Nagel auf den Kopf getroffen.

Das Interieur von Cassandras Wohnwagen erfüllt alle meine Wahrsagerinnen-Klischees. An den kleinen Fenstern hängen Spitzenvorhänge und Goldfolie, es riecht nach Räucherstäbchen, auf dem Tisch liegen ein dicker Teppich und ein noch dickerer Stapel Karten. Cassandra zündet sich eine Zigarette an und nimmt meine Hände. „Den Tod kann ich nicht sehen”, sagt sie dann und lächelt mich an. Das finde ich ziemlich beruhigend.

„Und negative Dinge sage ich nur dann voraus, wenn die Leute die abstellen können, wenn sie ihr Leben ändern.” Auch nicht schlecht. Hiobs-Botschaften habe ich also nicht zu erwarten. Mein Puls normalisiert sich wieder.

Die Wahrsagerin kann nicht erklären, warum sie glaubt, anhand meiner Hände meine Zukunft voraussagen zu können. Sie ist aber davon überzeugt. „Beim Handlesen kann ich ein ganzes Leben überblicken”, sagt Cassandra. „Beim Kartenlegen sehe ich mehr Einzelheiten, aber der Zeitraum ist überschaubar. Das geht nur für die nächsten zwei Jahre.”

Cassandra ist zum ersten Mal auf der Annakirmes, viele Jahre war hier überhaupt keine Wahrsagerin zu finden. „Ich habe gespürt, dass ich hier mal hinsollte”, sagt Cassandra. Dieses Gespür, denke ich, könnte damit zu tun haben, dass man in Schaustellerkreisen weiß, dass Düren ein gutes Kirmespflaster ist. Geschätzte 900 000 Besucher sprechen eine deutliche Sprache, da klingelt auch Cassan-dras Kasse. Ein einfaches Handlesen kostet 15 Euro, Kartenlegen 25 Euro und Auskünfte über Dritte kosten 35 Euro.

Auf meine Frage, wie sie Personen die Zukunft vorhersagen kann, die sie gar nicht kennt, sagt Cassandra, dass sie nur das Geburtsdatum und das Geschlecht der Leute braucht. „Dann stellen Sie mir Ihre Fragen und bekommen Antworten. Ich kann Ihnen zum Beispiel sagen, ob ein Mann, für den Sie schwärmen, in Sie verliebt ist.” Das kann man auch billiger haben, denke ich. Eine einfache Frage würde genügen... Aber zum Glück habe ich dieses Problem überhaupt nicht. Grundsätzlich nimmt Cassandra sich Zeit für ihre Kunden, sie sieht ihr Geschäft als Lebensberatung. Meine Sitzung dauert eine knappe halbe Stunde, manchmal sind Leute aber auch drei, vier Stunden im Wohnwagen.

Beim Blick in meine Hände (die linke ist übrigens besser geeignet als die rechte), sieht die Wahrsagerin, dass ich viel zu tun habe, dauernd unterwegs bin und selten zur Ruhe komme. „Das”, so Cassandra, „wird sich auch bis ins hohe Alter nicht ändern.” Immerhin, ich werde alt. Und bleibe in Bewegung.

Nicht schlecht eigentlich. In Gesundheitsdingen empfiehlt Cassandra mir, besonders auf meine Bronchien, den Unterleib und den Kopf aufzupassen. Ich verrate nicht, dass ich mit einem Arzt verheiratet bin, und auf ihr medizinisches Urteil keinen Wert lege. Unangenehm ist mir allerdings Cassandras Einschätzung, ich sei stur, rechthaberisch und egoistisch. Das hat mich getroffen. Besonders das mit dem „egoistisch”, ich habe sofort meine Kollegen gefragt, ob sie das auch so sehen.

Zum Schluss der Wahrsagerei geht es um Liebe und Familie. Cassandra sieht in meiner linken Hand (wo genau, hat sie mir nicht verraten) viele Kinder. „Wenn Sie vor 100 Jahren geboren wären, hätten Sie jetzt mindestens schon fünf.” Interessant. Genau wie die Tatsache, dass ich vor einer einschneidenden Veränderung in meinem Leben stehe. „Ich weiß nicht genau, was es ist, aber danach geht es Ihnen besser.” Ich atme auf. Das Grummeln in meinem Bauch ist weg. Und ich bin kaum schlauer als vorher.
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