Selbsthilfegruppe: „Wir versuchen, uns gegenseitig zu stützen“

Von: Gudrun Klinkhammer
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Die Selbsthilfegruppe „Psychiatrie-Erfahrene“ hilft Menschen, die aus einer psychiatrischen Klinik entlassen worden sind, und deren Angehörigen. Foto: Stock/People
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Jasmin Hamacher leitet die Selbsthilfegruppe „Psychiatrie-Erfahrene“, Henning Gremmels ist Mitglied. Foto: Gudrun Klinkhammer

Düren. „Mein Ziel war, Menschen anzusprechen, die gerade aus einer psychiatrischen Klinik entlassen worden sind“, erinnert sich Jasmin Hamacher. Die 57-Jährige aus Merzenich setzte ihre Idee um und gründete im August 2013 die Selbsthilfegruppe (SHG) „Psychiatrie-Erfahrene“.

Inzwischen besuchen jedoch nicht nur eben diese Menschen die SHG, sondern auch deren Angehörige. Hamacher: „Wir sind derzeit zehn Personen.“ Es nehmen Menschen sämtlicher Altersstufen und Bildungsschichten, vom Priester bis zur Putzfrau, an den Treffen teil. Auslöser für eine psychische Krise ist nicht selten eine völlige Arbeitsüberlastung oder auch das Gegenteil, Arbeitslosigkeit. Ebenso können Schicksalsschläge und erbliche Veranlagungen zu einer seelischen Krankheit führen, die behandelt werden muss. Die Krankheitsbilder lauten etwa „psychosomatische Probleme“, Psychosen, Manie und Depression. Viele Patienten gehen auf Anraten eines Arztes in ein Spezialkrankenhaus, andere wünschen sich auf eigene Bitte hin ambulante Hilfe.

Jasmin Hamacher war selbst betroffen. Nachdem sie aus der Klinik entlassen worden war, machte sie eine einjährige Ausbildung zur Genesungsbegleiterin. Die Fachfrau weiß, dass nicht nur die Krankheit selbst für den Betroffenen ein Problem ist, sondern auch die Umstände in einer psychiatrischen Klinik belastend sein können.

Großes Thema sind beispielsweise Tabletten. Eine Betroffene, die ihren Namen nicht nennen möchte, berichtete, dass sie vollgepumpt wurde mit Tabletten. „Irgendwann sabberte ich nur noch, konnte nicht mehr gerade reden. Dann sagte ich, ich möchte das nicht mehr.“ Die Ärzte gingen darauf ein, reduzierten die Medikamente drastisch. Das Motto in diesem Fall lautete fortan: „So viel wie nötig und so wenig wie möglich.“

Schlimme Erlebnisse

Schlimme Erlebnisse schildern auch Patienten, die einmal auf einer geschlossenen Abteilung eine Zeit verbringen mussten: schreiende Menschen, Gummizellen. Auch empfinden es die Betroffenen als furchtbar, selbst eingeschlossen zu werden. Jasmin Hamacher: „Wichtig ist immer: Man muss den Mund aufmachen.“ Sollte der Fall eintreten, dass dies nicht mehr gehe, dann sei es wichtig, im Vorfeld eine Behandlungsvereinbarung schriftlich niedergelegt und einen Fürsprecher bestimmt zu haben. Hamacher: „Denn ein Mensch, der total in den Bohnen hängt, hat einfach in diesem Moment keine Kraft mehr.“ Weiter wäre es wünschenswert, dass erfahrene Ärzte auf ihre eigene Sensibilität achten und diese bewahren.

Über die Möglichkeiten von Behandlungen, über ihre Erfahrungen und Gefühle sprechen die Mitglieder der SHG „Psychiatrie-Erfahrene“ bei den Gruppentreffen. Zum Beispiel, was Kliniken angeht, gibt es große Unterschiede. Zunächst schildern die Gruppenmitglieder in einem „Blitzlicht“ zu Beginn des Treffens ihre Lage. Daraus entwickeln sich Gespräche. Nicht alle Besucher bleiben der Gruppe treu. Denn es handelt sich eben nicht um eine Kaffeekränzchen-Atmosphäre, sondern es wird gearbeitet.

Anonymität bleibt gewahrt

Die Anonymität bleibt gewahrt, das Gesprochene bleibt im Raum. Ratschläge sind nicht erwünscht. Stattdessen wird Wissenswertes ausgetauscht.

Gruppenmitglied Henning Gremmels, 59 Jahre und aus Vettweiß, war Baubiologe und Buchhalter. Er hat erlebt: „Die Fälle der psychischen Erkrankungen ähneln sich häufig.“ Meist seien es Menschen, die gelernt hätten, zu funktionieren. Erlebtes werde nicht verarbeitet und Signale des Körpers nicht rechtzeitig gehört. Was ihm an der Gruppe besonders gefällt: „Wir lachen oft, keiner wird verurteilt. Stattdessen versuchen wir, uns gegenseitig zu stützen.“

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