Sehkraft verloren: Das Leben von Nicole Z. änderte sich schnell

Von: Ingo Latotzki
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Nicole Z. im Berufsförderungswerk, das Blinde und stark Sehbehinderte unterstützt, etwa eine Ausbildung ermöglicht. Für die 35-Jährige änderte sich nach einer Erkrankung das ganze Leben. Foto: Ingo Latotzki

Düren. Nicole Z. war schwanger, als sich ihr Leben fast „Knall auf Fall“, wie sie sagt, änderte. Für immer änderte. Bis dahin war sie eine selbstständige Frau, berufstätig, aktiv, zupackend. Dann ließ ihre Sehkraft nach, schnell und heftig, bis sie rechts gar nichts mehr sah. Alles dunkel. Auf dem linken Auge beträgt ihre Sehkraft noch 15 Prozent. Eine Zahl nur. 15 Prozent.

Nicole Z. kann nur Konturen sehen, wenn man ihr auf zwei Meter gegenüber sitzt, erkennt sie ein helles Hemd als helle Fläche, eine dunkle Hose als dunkle Fläche. Gesichter sieht sie nicht.

Seit anderthalb Jahren macht sie im Berufsförderungswerk an der Karl Arnold-Straße im Dürener Süden eine Ausbildung zur Kaufrau für Bürokommunikation. Sie ist aus Brandenburg an die Rur gezogen, „ein mehr als mutiger Schritt“, sagt Karl-Albert Eßer, im BFW für Kommunikation und Geschäftspolitik zuständig. Sie kannte niemanden in Düren, war auch sich allein gestellt – zu dem Zeitpunkt war ihre Tochter gerade drei, natürlich kam sie mit. Seitdem lebt Nicole Z. mit ihrem Kind alleine in einer kleinen Zwei-Zimmerwohnung in der Nähe der Dürener Feuerwehr. Sie lebt von wenig Geld, „viel mehr als der Hartz IV-Satz ist es leider nicht“, sagt sie.

Nichts ist mehr, wie es einmal war. Aufgrund ihrer Diabetischen Retinopathie, eine Krankheit, die unter anderem die Netzhaut beeinträchtigt, musste sie Vieles neu lernen. All die alltäglichen Dinge, die ihr vorher einfach von der Hand gingen. Das alles mit einem kleinen Kind. Junge Eltern wissen, wovon die Rede ist – auch wenn sie im Vollbesitz ihrer Sehkraft sind. „Gott sei Dank konnten wir helfen“, sagt Christoph Granrath, Ausbildungsleiter beim BFW. Nicole Z. wird im Alltag von einer Sozialarbeiterin unterstützt. Eine Stiftung finanziert die Hilfe, „die für mich äußerst wertvoll ist“.

Die Mitarbeiterin des Kinderschutzbundes kommt derzeit einmal in der Woche, abends, damit Nicole Z., 35, ein wenig Zeit hat für sich. „Sie hat mir schon geholfen, meine Tochter ins Bett zu bringen“, sagte sie. Sie helfe auch in Erziehungsfragen oder dabei, den Alltag besser zu organisieren. Einkaufen, kochen, putzen, all diese Dinge, die vor ihrer Erkrankung kaum der Rede wert waren, nun aber zum Problem werden können. Ihre Tochter, erzählt sie, helfe „so gut sie es in ihrem Alter könne“. Sie zeige ihr schon mal Sachen, die sie verlegt habe und wenn im Kindergarten ein anderen Kind merkt, dass ihre Mutter nicht gut sieht, sagt sie: „Du weißt doch, Mama hat kranke Augen.“

Wenn alles gut geht, wird Nicole Z. nächsten Sommer ihre Ausbildung abschließen und dann hoffen, eine Stelle zu finden. Früher war sie Gärtnerin, das Handwerkliche war ihre Sache. „Das fehlt mir heute sehr.“ Nun könne sie „nicht mal mehr die Zahlen auf einen Lineal erkennen“. Aber immer, wenn ihr etwas gelingt, wenn sie einen Schrank zusammengebaut hat, „bin ich zufrieden“. Es dauert nur alles länger, so sei das jetzt. Seit einiger Zeit macht Nicole Z. einen Tanzkurs im BFW, so kommt sie mal unter Menschen, weil es „schwer ist, Kontakte aufzubauen“. Manchmal rede sie mit anderen Müttern in der Kita, „das ist schön“, sagt sie, es mache ihr Mut, es gebe ihr Kraft. Das Problem sei nur, dass sie die gleichen Mütter Tage später nicht wiedererkennen könne.

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