Düren - Seelsorger Herbert Greif wird in den Ruhestand verabschiedet

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Seelsorger Herbert Greif wird in den Ruhestand verabschiedet

Von: Stephan Johnen
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Auf der Suche nach Ausdrucksmitteln: In seiner Arbeit mit gehandicapten Menschen hat Herbert Greif auch auf eine Sprache abseits des gesprochenen Wortes gesetzt: den Tastsinn beispielsweise.
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Herbert Greif aus Düren ist Beauftragter für die Blindenseelsorge im Bistum Aachen. Heute wird er in den Ruhestand verabschiedet.

Düren. Wer sein Büro schon einmal in einer Zelle hatte, kann etwas über Orte erzählen, die viele Leute nicht gleich auf dem Radarschirm haben. Es sind Orte, die zwar irgendwie zum Leben dazugehören – aber an die vermutlich nur wenige Menschen im Alltag denken möchten. Herbert Greif hat dort gearbeitet: in Gefängnissen, in der Psychiatrie, in der Dürener Forensik.

Zuletzt war der 61 Jahre alte Theologe Beauftragter für die Blindenseelsorge im Bistum Aachen. Heute wird Herbert Greif in den Ruhestand verabschiedet. Im Gespräch blickt er noch einmal auf die Stationen seines Arbeitslebens zurück. Eine roten Faden hat er schnell ausgemacht: „Ich habe mich für das Leben der anderen interessiert“, sagt er. „Die anderen“: Das war nie die Mehrheitsfraktion der Gesellschaft. Seine Arbeit fand dort statt, wo oft zunächst Sprach- und Ratlosigkeit herrschten.

„Es ist wichtig, immer wieder neu eine Sprache zu finden, die Gehör findet“, sagt Herbert Greif. Es müsse nicht das gesprochene Wort sein, das habe er gerade beim Umgang mit mehrfachbehinderten Menschen erfahren. „Ein Theologe ohne Worte ist zunächst ein Stück ausgehebelt“, sagt er und lacht. Aber es gibt andere Sprachen: ein Lächeln, Musik, eine auf die Schulter gelegte Hand. Auch für Gefühle und die Seele gebe es eigene Ausdrucksformen.

Im Gefängnis waren es auch schon einmal etwas Gebäck und eine Kanne Tee, die ein Insasse mitbrachte, um langsam ein Gespräch zu eröffnen. „Es war eine freie Entscheidung. Niemand musste mit mir sprechen“, sagt Herbert Greif.

Seine Bürotür stand aber immer offen. Auch dann, wenn ihm als Zuhörer manches aus dem Leben der anderen verschlossen blieb. „Akten habe ich irgendwann nicht mehr gelesen“, blickt der Seelsorger zurück. „Weil mein Gegenüber trotz seiner Taten auch ein Mensch ist.“ Er sei nicht als Missionar gekommen – sondern als Gesprächspartner. Oftmals als einziger Gesprächspartner, der außerhalb des Systems stand. „Insgeheim sind wir froh, dass wir mit den Gefängnissen alles unter Kontrolle haben, dass wir die Bösen isoliert haben“, sagt Greif. Doch während seiner vielen Jahre als Seelsorger habe er erfahren, wie schnell ein Schicksalsschlag, ein Kurzschluss diese vermeintlich festbetonierte Grenze verwischen kann. Vorschnelle Urteile wolle er daher nicht sprechen. Kein Mensch habe das eigene Leben unter Kontrolle – egal, wie sehr die Menschen auch glaubten, sie könnten alles kontrollieren.

Die gesellschaftlichen Entwicklungen der vergangenen Jahre betrachtet Greif daher mit Sorge. „Als Gesellschaft brauchen wir eine neue Kultur der Menschlichkeit“, zieht er nach mehr als drei Jahrzehnten im Beruf eine Bilanz. Die Gesellschaft laufe Gefahr, gespalten zu werden: Hier die Leistungsträger, dort die Lahmen, die Kranken, die vom rechten Weg Abgekommenen und die Menschen mit Handicap.

„Menschen werden wie Maschinen eingeordnet. Was nicht funktioniert, muss repariert werden“, sagt Greif betont zugespitzt. „Doch was geschieht mit denen, für die es keine Ersatzteile gibt? Was ist, wenn eine Reparatur nicht mehr die alte Leistungsfähigkeit komplett wiederherstellt?“ Hoffnung setzt Herbert Greif vor allem in junge Menschen. „Sie sind offen. Kinder stellen Fragen, wenn Erwachsene wegschauen“, sagt Greif.

Er hofft, dass trotz des Leistungsdrucks in Schulen auch Zeit für soziale Themen, für ein Praktikum beispielsweise in einer Pflegeeinrichtung bleibt. Auch von der Kirche erhofft sich Herbert Greif Antworten, ein Umdenken. Sie laufe Gefahr, bedeutungslos zu werden. „Das Leben der Menschen, ihre Sorgen und Nöte kommen nicht mehr vor. Die Leute honorieren es mit den Füßen“, befürchtet Greif. Es wird Zeit, dass sich Menschen wieder mit dem Leben der anderen befassen, findet der Seelsorger. Möglichkeiten zur Begegnung gebe es genug.

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