Schützen zwischen Tradition und Moderne

Von: Burkhard Giesen
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Ewald Schmidt und Nideggens Schützen-Chef Siegfried Schröder (rechts) versuchen die richtige Balance zwischen Tradition und Moderne in der Bruderschaft hinzubekommen. Zum Stadtjubiläum in Nideggen feiern die Schützen am Wochenende ganz groß. \ Foto: Burkhard Giesen

Nideggen. Eigentlich hätten Nideggens Schützenchef Siegfried Schröder und Ewald Schmidt, der für die Sebastianus-Schützenbruderschaft das Archiv betreut, allen Grund, nervös zu sein. Am Wochenende feiert die Gesellschaft ihr Schützenfest und das aus Anlass der Feierlichkeiten zur Verleihung der Stadtrechte vor 700 Jahren deutlich üppiger, als sonst.

Alles ist vorbereitet, Musikbands verpflichtet, Umzüge und ein großes Feuerwerk geplant – nur der neue Schützenkönig für das nächste Jahr fehlt noch. Um genau zu sein sind es sogar zwei Könige, denn die Nideggener leisten sich seit rund 165 Jahren Doppelkönige.

Dass Siegfried Schröder und Ewald Schmidt ob der fehlenden Könige fürs kommende Jahr alles andere als nervös sind, mag mit der Historie zu tun haben. Um 1430 wurde die Bruderschaft gegründet und existiert bis heute. Und das, obwohl sie ihre eigentliche Bedeutung schon in der Frühphase verloren hat. Im Mittelalter gründeten die freien Bürger der Städte die Schützengesellschaften – zum Schutz ihrer Stadt. In Nideggen gab es neben der weltlichen Schützengesellschaft die katholische Bruderschaft. Im Revolutionsjahr 1848 verschmolzen Schützen und Bruderschaft zu einer Gesellschaft. „Seit dieser Zeit gibt es in Nideggen das Doppelkönigtum“, erläutert Schützenchef Siegfried Schröder.

Ins Hier und Heute gerettet hat sich noch ein anderer Brauch, den es so kaum irgendwo vergleichbar gibt: die Hellebarden-Gruppe. Feierlich gekleidet im schwarzen Anzug, grüner Schärpe, weißen Handschuhen und mit Zylinder ausgestattet, tragen die Mitglieder der Gruppe ihre Hellebarden (Lanzen) im Umzug. „Das beschreibt sehr schön noch die Tradition der Wehrhaftigkeit“, sagt Schmidt.

Wobei Schützen und Tradition ein Thema für sich ist. Frauen bei den Schützen? Schwule Schützenkönige? In Nideggen sieht man das offenbar sehr entspannt. „Es hat einfach noch nicht den Zwang gegeben, bei solchen Themen eine Entscheidung zu treffen“, sagt Siegfried Schröder. „Natürlich gibt es da bei unseren Mitgliedern unterschiedliche Positionen. Aber bei uns wird das nicht fundamentalistisch diskutiert, schließlich wollen wir uns nicht auf Althergebrachtes zurückziehen, sondern uns weiterentwickeln.“ Und Ewald Schmidt ergänzt: „Es gibt auch nicht den 20-köpfigen Trupp von Frauen, die das unbedingt geklärt haben wollen.“ Wohl auch deshalb, weil die Frauen der Schützenmitglieder bei allen Veranstaltungen, vom Ausflug über die Umzüge bis zu Feiern eingebunden werden.

Als „muffigen, verstaubten Verein alter Leute“ betrachten sich die Schützen schon mal gar nicht. Nideggens ältester Verein sieht sich eher als integrative Klammer zwischen den Nideggener Alters- und Bevölkerungsgruppen. Siegfried Schröder: Wir sprechen schon sehr gezielt die Neubürger an und versuchen auch, regelmäßig attraktive Angebote auf die Beine zu stellen.“ Das reicht von der Nikolauswanderung über gemeinsame Ausflüge und Feste bis hin zu Engagement im sozialen Bereich und beim Denkmalschutz. Das übrigens auch unmittelbar nach dem 2. Weltkrieg schon. Ewald Schmidt: „Drei Jahre nach Kriegsende haben sich die Schützen wiedergegründet und als erste die zerstörte Muttergotteskapelle wieder aufgebaut – zu dem Zeitpunkt hatten vermutlich noch nicht mal alle Schützen selbst wieder ein eigenes Dach über dem Kopf.“

Die Belohnung für das soziale Engagement heute: Während andere Vereine teils große Nachwuchssorgen und nur wenig Aktive haben, ist die Mitgliederzahl bei den Schützen konstant und auch die Zahl derjenigen, die aktiv mitarbeiten, vergleichsweise hoch. Siegfried Schröder weiß aber auch, dass „das immer von den Leuten abhängt, die die Weichen stellen“. Zum Beispiel im Jugendbereich, wo man gerade dabei ist, die Schülerschützen noch stärker als bisher zu fördern.

Schröder selbst sieht sich als Chef der Schützen noch in einer besonderen Rolle: „Ich verstehe mich auch als Bindeglied zwischen der Bruderschaft und der Kirche“. Zumal Schröder auch in der Kirchengemeinde aktiv ist. „Die Kirche ist aber nicht für alle unsere Mitglieder die entscheidende Verbindung zu den Schützen.“ Bleibt noch eine Frage offen. Die der neuen Schützenkönige. Die klärt sich hoffentlich beim Schützenfest am Wochenende. Wenn nicht? Kein Grund, nervös zu werden. Dann halt im nächsten Jahr.

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