Düren - Obdachlosen droht im Freien jede Nacht der Kältetod

Obdachlosen droht im Freien jede Nacht der Kältetod

Von: Ottmar Hansen
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Düren. Fröstelnd drückt sich Kerstin an die Schaufensterscheibe in ihrem Rücken. Die 19-Jährige kauert im Freien auf einer Lage Pappkarton, die vor der Kälte des Bodenbelages in der Wirtelstraße schützen soll.

Ihren Mischlingsrüden Spike hält Kerstin fest an sich gedrückt. Vorüber gehende Passanten bittet sie fröstelnd um eine Gabe.

Schnee und Eiseskälte wie lange nicht mehr - der Wintereinbruch stellt die Obdachlosen in der Region derzeit vor große Probleme. Die Übernachtung im Freien kann lebensgefährlich werden.

Ein Dach über dem Kopf bietet die Not-Unterkunft von In Via in der Dechant-Bohnekamp-Straße in Düren. Die Einrichtung ist denn auch zurzeit übervoll. In Via-Geschäftsführer Norbert Schoeller: „Wir sind zu 110 Prozent belegt.”

24 Betten bietet In Via Obdachlosen für die kurzfristige Übernachtung an. Damit niemand auf der Straße erfriere, habe man zusätzlich Feldbetten aufgestellt, berichtet Schoeller. Reicht der Platz dann immer noch nicht aus, sorgt das Ordnungsamt der Stadt für weitere Unterkünfte. Es sei geplant, zwei neue Nachtplätze für Frauen einzurichten (derzeit sind es vier). Es ist erlaubt, Hunde mit ins Asyl zu bringen.

Doch nicht jeder, der auf der Straße zuhause ist, nimmt die Hilfe an. Manch einer schlägt sich weiter auch nachts auf eigene Faust durch. So auch Kerstin. „Ich bin mal da, mal da. Ich habe keinen festen Platz”, sagt die junge Frau in ihrem dünnen Anorak. „Im Augenblick finde ich bei Bekannten Unterschlupf für die Nacht”, versichert sie.

Es gibt Menschen, die halten es eben in Gemeinschaftsunterkünften nicht aus. „Sei es, weil sie eine Zeit ihres Lebens im Gefängnis zugebracht haben, oder auch nur, weil sie nicht für die Gemeinschaft geschaffen sind”, weiß Schoeller. „Immer wieder werden diese Leute von unseren Sozialarbeitern angesprochen. Doch sie übernachten trotz der Gefahren weiter draußen.”

Die Schlafplätze im Freien sind über das Stadtgebiet verteilt. „Die Verstecke werden oft geheim gehalten”, sagt Elisabeth Gottschalk von der Bahnhofsmission. Mit der Deutschen Bahn gebe es die stille Vereinbarung, dass der Bahnhof bei dieser Witterung nachts nicht verschlossen wird. So biete sich den Menschen am Rande der Gesellschaft die Möglichkeit, wenn schon nicht warm, dann aber zumindest in einer geschützten Ecke zu übernachten.

Im Caf Lichtblicke in der Friedrichstraße erhalten Obdachlose, wenn sie möchten, Frühstück und Mittagessen. Hier gibt es eine Dusche und eine Kleiderkammer. Wer sich einmal aufwärmen will, ist auch in der Bahnhofsmission willkommen (das gilt übrigens auch für Bahnreisende, die lange auf ihren Zug warten müssen).

45 Festangestellte und 30 ehrenamtliche Kräfte kümmern sich im Auftrag von In Via um Obdachlose in der Region. Ihre Kundschaft reißt nicht ab. Meist sind es Menschen, die im Kreislauf von Armut und Obdachlosigkeit gefangen sind. Oft sind Alkohol und Drogen im Spiel.

Und der Absturz aus der Gesellschaft kann fast jeden treffen. Schoeller: „Am Anfang steht in der Regel die Arbeitslosigkeit. Dann vielleicht noch die Trennung von der Frau, Schulden”, so Schoeller. Irgendwann fehlt das Geld, die Miete zu bezahlen, die Wohnung wird gekündigt. „Professionelle Hilfe wird in solchen Fällen oft erst zu spät angenommen”, bedauert Schoeller.

Immer häufiger landen auch junge Menschen auf der Straße. Anlass können Differenzen im Elternhaus sein. Der Gesetzgeber hat immer neue Hürden aufgebaut, die verhindern, dass Jugendliche eine eigene Wohnung bezuschusst bekommen.

Sohn oder Tochter machen sich dann irgendwann einfach auf und davon und landen mittellos auf der Straße. Im Caf Lichtblicke haben sie zumindest eine feste Anlaufstelle, die sie im Notfall auch als ihre Post-Adresse angeben können.

Doch Menschen wie Kerstin bleiben weiter auf der Straße. Wohl wissend, dass bei diesen Temperaturen jede Nacht ihre letzte gewesen sein kann.
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