Nörvenich - Nörvenicher Starfighter: gefährlich, aber trotzdem faszinierend

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Nörvenicher Starfighter: gefährlich, aber trotzdem faszinierend

Von: Ottmar Hansen
Letzte Aktualisierung:
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Nörvenich. Es ist kurz vor 14 Uhr, als Hauptmann Lutz Tyrkowski am 25. Januar 1962 auf dem Fliegerhorst Nörvenich ins Cockpit des Starfighters F 104 steigt. Im Sitz dahinter nimmt Oberleutnant Horst Völter Platz. Der Flugschüler soll in das neue Kampfflugzeug der Bundeswehr eingewiesen werden, von dem in diesem Sommer eine ganze Staffel in Nörvenich stationiert werden soll.

Die Wetterverhältnisse sind gut. Tyrkowski lässt das Triebwerk an. Als sich das schlanke Flugzeug in die Luft erhebt, ahnen die beiden Piloten noch nicht, dass es Sekunden später zur Katastrophe kommen wird. Kurz nach dem Start setzt der Nachbrenner im Triebwerk aus. Der Starfighter streift noch eine Pappel und stürzt auf eine Futtermittelfabrik in Oberbolheim.

Die Maschine bohrt sich durch die 25 Zentimeter dicken Fabrikwände und explodiert in der Halle. Die Stahlteile reißen ein Scheunentor großes Loch in die Wand und verteilen sich im Umkreis von 200 Metern um die Halle. Pilot Lutz Tyrkowski kommt ums Leben, sein Co-Pilot kann sich mit dem Schleudersitz retten. Von den 20 Mitarbeitern der Futtermittelfabrik wird nur einer leicht verletzt.

Am 19. Juni des gleichen Jahres sterben gleich vier Starfighter-Piloten, die bei einer Kunstflugübung am Vortag der offiziellen Indienststellung des Flugzeugtyps auf dem Fliegerhorst in Nörvenich bei Frechen abstürzen.

Kein guter Einstand für ein Flugzeug der Bundeswehr, das bis 1983 von Nörvenich aus geflogen wurde und in diesem Jahr sein 50-jähriges „Jubiläum” feiern könnte. Kein Flugzeug war jemals so umstritten wie der Starfighter F 104. Reihenweise fielen die 2,8 Millionen Euro teuren „Vögel” anfangs vom Himmel.

Allein der Nörvenicher Fliegerhorst hatte 17 Tote zu beklagen, 108 Piloten der Bundeswehr starben insgesamt im Starfighter. Doch zugleich zog das Flugzeug die Piloten magisch an. „Der Starfighter war das schönste Flugzeug, das man als Pilot fliegen konnte”, schwärmt Reinhard Helbig heute noch von „seinem” Flieger.

Für den Dürener CDU-Ratsherren und früheren Major der Luftwaffe steht die F 104 einfach für „die Faszination vom Fliegen”. Er spricht von einem Flugzeug, das aus dem Stand in weniger als fünf Minuten die doppelte Schallgeschwindigkeit erreichte. Die F 104 wirkte elegant, ja grazil. Helbig: „Der Starfighter hatte Power, lag aber trotzdem ruhig in der Luft, ein ideales Flugzeug für den Formationsflug.”

1954 war das Flugzeug in Amerika entwickelt worden. 1956 entschied sich auch die deutsche Luftwaffe für die Anschaffung. Die F 104 war zunächst als reiner Abfangjäger konzipiert worden. Die deutsche Luftwaffe machte dann einen Allwetter-Jagdbomber daraus. Bis 1962 waren schließlich 63 Starfighter beim Jagdbombergeschwader „Boelcke” (früher Luftwaffenschule 10) in Nörvenich stationiert.

Die meisten Starfighter waren als einsitzige Maschinen gebaut worden. „Man musste alles alleine und per Hand machen”, erinnert sich Reinhard Helbig. „Fast nichts ging automatisch.” Der 58-Jährige, der später auch das Nachfolgemodell „Tornado” flog, beschreibt die Anspannung während des Starfighter-Fluges so: „Wenn es tatsächlich einmal kritisch wurde, war der Spielraum, noch irgendwie einzugreifen, minimal. Deshalb musste man immer weit voraus denken.”

Anfangs seien die Triebwerke der F 104 anfällig für Störungen gewesen, sagt Helbig. Selbst ein Vogel konnte da schon eine Bedrohung darstellen. Spätere Maschinen seien diesbezüglich verbessert worden, was auch für den Schleudersitz gelte. Seine Flug-Ausbildung machte Helbig unter anderem in Texas. Jeder Handgriff musste quasi im Schlaf beherrscht werden. Gab es keine Bedenken, ein Flugzeug mit dem viel sagenden Spitznamen „Witwenmacher” zu fliegen? Helbig: „Angst hat im Cockpit keinen Platz. Sie führt nur zu Fehlern. Wer Angst hat, sollte das Fliegen besser bleiben lassen.”

Nach 1983 stieg auch Helbig auf den Tornado mit zwei Triebwerken um (erst mit diesem Flugzeug musste er übrigens nach einem Triebwerksschaden eine Notlandung auf einem holländischen Flugplatz machen). Doch die Erinnerung an seine Stunden im Starfighter will er nicht missen: „Das war einfach eine schöne Zeit.”

Nur ein Triebwerk zur Verfügung

Der Starfighter, F 104, verfügte nur über ein Triebwerk. Gab es damit Probleme oder fiel es komplett aus, war der Absturz fast unvermeidbar.

Ein Grund für die zahlreichen Abstürze von Starfightern der Bundeswehr war auch, dass die deutsche Luftwaffe das Flugzeug, das als Abfangjäger konzipiert war, zu einem allwettertauglichen Jagdbomber umrüstete. Das zusätzliche Gewicht der Bomben machte das Flugzeug schwerer manövrierbar.

Anfangs wurden die Piloten in Gefahrsituationen mit ihrem Schleudersitz nach unten aus dem Starfighter befördert. Beim Tiefflug endete dies oft tödlich.

Der Starfighter wurde in den 80er Jahren in Deutschland durch den Tornado (zwei Triebwerke) ersetzt.

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