Düren - Nicht einfach: Alltag für Rollstuhlfahrer

Nicht einfach: Alltag für Rollstuhlfahrer

Von: Margret Vallot
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Thomas Reiche warnt: Wenn Markt ist, wird es eng. Foto: Margret Vallot

Düren. Wer meint, er kennt Düren und besonders die Innenstadt genau, der sollte sich einmal mit einem Behinderten in die Stadt begeben. Schon ein kleiner Rundgang mit einem Rollstuhlfahrer birgt ungeahnte Überraschungen. „Wie sieht Düren aus der Perspektive von Rollstuhlfahrern aus, und wie behindertenfreundlich ist Düren eigentlich?”, wollten die „Nachrichten” wissen.

Wer könnte da besser Auskunft geben als Birgit Kalwitz (38) und Thomas Reiche (38). Die Verwaltungsfachangestellte ist von Kindheit an behindert, der Rechtsanwalt sitzt erst seit 1996 im Rollstuhl.

Beide stellen Düren im Grunde ein gutes Zeugnis aus. Birgit Kalwitz ist Mutter einer sechsjährigen Tochter und arbeitet im Rathaus. Dort und in den Geschäften, sagt sie, gebe es immer Leute, „die springen sofort herbei und helfen mir, wenn ich allein nicht weiterkomme”.

Düren habe „in letzter Zeit einiges gemacht”, das bestätigt Thomas Reiche. Und einen Hang zu Kopfsteinpflaster, wie andere Städte, habe Düren zum Glück nicht.

Gleichwohl sind die beiden in den Rollis stark eingeschränkt. Einkaufen ist möglich, geht es aber in die zweite Etage, wird es schwierig. Oft fehlt ein Aufzug, oder die Tasten vom Aufzug sind unerreichbar hoch angebracht. Geld ziehen am EC-Automaten der Sparkasse? Für Birgit Kalwitz nicht drin, der Schlitz für die Karte ist nicht erreichbar. Im Schuhgeschäft in der Wirtelstraße ist die Kinderabteilung oben, „aber da bringt uns die Verkäuferin zur Not 20 Paar Schuhe nach unten”. In der Post kann Birgit Kalwitz die Briefmarkenautomaten nicht nutzen, zu hoch, „aber da geh ich zum Schalter”. In fast allen Cafs in der Innenstadt sind Toiletten nur über Treppen zu erreichen, „aber es gibt ja jetzt die neue Toilette unter dem Rathaus”.

Als Rollstuhlfahrer mal ins Kino gehen? Lieber nicht. Es gibt sieben Säle, die sind nicht zu erreichen, denn mindestens 20 Stufen müssen überwunden werden. Ein Saal ist über eine Notbrücke zu erreichen, „aber innen klebt man mit der Nase auf der Leinwand”. Rollstühle werden immer vor die erste Reihe positioniert.

Thomas Reiche wagte einmal einen Besuch im Hoeschmuseum, man hat ihn mitsamt Rollstuhl die vielen Stufen hochgetragen, „eine Riesenaktion, das würde ich nie mehr machen”. Birgit Kalwitz ließ sich mal am Bahnhof von sechs Jugendlichen die Treppen hochtragen, sie musste zum Zug. „Das war nicht schön.” Bei der Polizei musste sie ebenfalls Stufen hochgetragen werden. Da fielen hinten die Batterien aus dem Rollstuhl, den Beamten auf die Füße, „die haben geschrieen”.

Nein, meinen die beiden, das Tragen sei zu mühsam. Einen Rollifahrer samt Stuhl zu heben, ist für die Helfer schwer, das geht ins Kreuz. Und wer haftet, „wenn sie mich fallen lassen?” Laut Reiche werden schon mal Rampen abgebaut, weil nicht klar ist, wer bei einem Unfall haftet.

Wer im Rollstuhl sitzt, „muss von morgens bis abends improvisieren”, erzählt Thomas Reiche. Kommen Rollstuhlsportler nach Düren, müssen sie im Schlaflabor vom Birkesdorfer Krankenhaus übernachten. Sie erreichen in den Hotels die Betten nicht. Diesbezüglich schauen die Rollifahrer hoffnungsvoll auf das neue Hotel in der ehemaligen Stadthalle.

Ob ins Caf oder zum Facharzt, man müsse sich eben immer im Vorhinein informieren: „Komme ich da überhaupt rein? Wo ist die Toilette? Gibt es einen Tisch, der unterfahrbar ist? Sind die Gänge zwischen den Tischen breit genug?”

Birgit Kalwitz´ Tochter geht jetzt zur Grüngürtelschule. Doch in die Schule kommt die Mutter nicht rein. Elternsprechtag? Eine Feier besuchen? Fehlanzeige. „Ich bin offenbar die erste behinderte Mutter, die in eine Schule rein will”, wundert sich Frau Kalwitz. Und fährt vor eine Bedarfsampel, die sie nicht betätigen kann, weil sie die Taste nicht erreicht. Da heißt es warten, denn von allein wird die Fußgängerampel nie grün.

So könnte man noch vieles nennen. Wobei die beiden eines nicht wollen: Jammern auf hohem Niveau. Über Kanten und hohe Stufen beispielsweise, die kleine Umwege erforderlich machen. Thomas Reiche ist bewusst, dass man ein Geschäft ruinieren kann, wenn man es wegen des barrierefreien Zugangs zum Umbau zwingt. Und Inhaber von Hotels könne man nicht zwingen, ihre Bäder so umzubauen, dass sie von Rollstuhlfahrern benutzt werden können. Vieles ist zu aufwendig, scheitert am Geld, „es wäre einfach zu teuer”.
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