Neuer Barfußpfad: Blinde sehen nicht nur mit ihren Händen

Von: Ottmar Hansen
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Die groben Kieselsteine hat Celina verlassen, jetzt ertasten die Füße der jungen Sehbehinderten feinen Split. Der neue Barfußpfad schult die Wahrnehmungsfähigkeit der Louis-Braille-Schüler. Foto: Ottmar Hansen

Düren. Vorsichtig gräbt sich der nackte Fuß in den losen Kies. Er ist kalt und pikst. Jetzt bloß nicht zu lange stehen bleiben. Beim nächsten Schritt landet Bianca in Sand. Der ist zwar genau so kalt, fühlt sich aber angenehmer an. Was folgt?

„Das sind Holzschnitzel!”, Bianca hat den Inhalt des nächsten, einen Quadratmeter großen Feldes, mit ihren Füßen richtig ertastet.

Neben der 18-Jährigen hatten am Montag zahlreiche Schülerinnen und Schüler der Louis-Braille-Schule in Düren Schuhe und Strümpfe abgestreift, um den neuen Barfußpfad auf dem Schulgelände zu erkunden. Und auch Schulleiter Wolfgang Franz musste beim Testlauf erkennen: Mit nackten Füßen macht man manchmal völlig neue Erfahrungen.

Drei Mädchen und sechs Jungen der Förderklassen 5 bis 7 haben den Barfußpfad in den zurück liegenden Wochen angelegt. Bianca Janssen, Ergotherapeutin und Fachlehreranwärterin an der „Blindenschule”, hatte die Idee zu dem Projekt. Tatkräftige Unterstützung gab es vom Dürener Servicebetrieb, der das Material für den Pfad unentgeltlich anlieferte.

Die Kinder entschieden sich für neun Materialien, die sie mit Elan in die vorbereiteten Fächer schaufelten. Künftig haben alle Schülerinnen und Schüler der Louis-Braille-Schule die Möglichkeit, ihre taktile Wahrnehmung mit Naturmaterialien zu schulen, und zwar mit Händen und Füßen. Selbst die Kinder, die auf den Rollstuhl angewiesen sind, können in bereit gestellten Schüsseln die Materialien auf ihrem Schoß erforschen und auf diese Weise praktisch „mit den Händen sehen”.

Bei vielen Schülerinnen und Schülern der Blindenschule ist nicht nur das Sehvermögen eingeschränkt. Oft handelt es sich um Frühgeborene, bei denen Sehschäden und Wahrnehmungsstörungen kombiniert auftreten. Für sie ist der neue Barfußpfad eine Bereicherung. Barfußlaufen regt alle Sinne an. Mit den Füßen kann man - wie mit den Händen - viele Oberflächenmerkmale wie rau, glatt, kalt, warm, weich oder hart wahrnehmen.

Zugleich schult der Pfad den Gleichgewichtssinn. Die Wärme- und Kältereize regen die Durchblutung an, die Abwehrkräfte werden gestärkt. Nicht von ungefähr riet Sebastian Kneipp schon vor 150 Jahren dazu, öfter einmal ohne Schuhwerk zu laufen.

Die Abtrennung der neun Fächer mit den unterschiedlichen Materialien Holzhäcksel, große Flusskiesel, Feinsplit, Halbrundhölzer, Kieselsteine, Sand, feine Pinienrinde, Perlkies und Baumscheiben wurde sehbehindertengerecht mit gelben Querpfosten gestaltet. Diese Markierung wiederholt sich am Handlauf. Dort sind zusätzlich die Bezeichnungen der Materialien in Punkt- und Schwarzschrift angebracht.

Natürlich können die Schüler die Umgebung mit einer Wiese und Spielgeräten in ihren Parcours mit einbeziehen. Schulleiter Wolfgang Franz, der den Barfußpfad offiziell frei gegeben hatte, indem er das Absperrband per Schere durchtrennte: „Hier ist etwas entstanden, das das Gelände noch interessanter gemacht hat.”

Bianca Janssen ermunterte die Kinder, vom neuen Angebot auch fleißig Gebrauch zu machen. „Der Barfußpfad kann nicht nur im Unterricht, sondern auch in jeder Pause genutzt werden.”
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