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Mit bloßen Händen Schutt weggeschafft

Von: Ingo Latotzki
Letzte Aktualisierung:
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Diese Schwarz-Weiß-Aufnahme zeigt Männer, die mit der Entschuttung der Dürener City beschäftigt sind. Hans Schwer war damals dabei, allerdings arbeitete er ohne Bagger. Foto: Stadt-und Kreisarchiv
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Düren vor und nach der Zerstörung: Diese Karte brachte der Dürener Wolfgang Künster aus Frankreich mit. Foto: Stadtmuseum Düren
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„Mein Leben“: Hans Schwer mit seinem Fotoalbum. Foto: inla

Düren. An einem Tag im Sommer des Jahres 1946 steht Hans Schwer in einem Krankenhaus in West-Virginia und schaut auf eine Wand. Er glaubt, seinen Augen nicht zu trauen. An der Wand hängt ein Foto, das Düren zeigt, seine Heimatstadt. Düren ist knapp 7000 Kilometer entfernt und zerstört. Völlig zerstört.

Hans Schwer ist damals in US-Kriegsgefangenschaft. Er ist 21 Jahre alt und wurde in Düren geboren. Im Krankenhaus in West-Virginia hat er damals geputzt, gleich nebenan gab es einen Golfplatz, „es war keine schlechte Zeit damals“, sagt Schwer heute in seiner Wohnung in Merzenich. Der Mann ist 91 Jahre alt und blättert in einem Fotoalbum. „Da drin ist mein Leben“, sagt er.

Als er damals das Foto sah, wusste er nicht, dass Düren von britischen Bombern zerstört worden war, er wusste auch nicht, dass seine Eltern beim Angriff im November 1944 ums Leben gekommen waren.

Als Schwer 1947 zurück nach Düren kommt und am Bahnhof aus dem Zug steigt, muss er den Weg zu seinem früheren Elternhaus finden. Das war nicht einfach, „weil es keine Straßen mehr gab“. Überall Trümmer. „Manchmal konnte man so etwas wie einen Trampelpfad sehen“, sagt er. An der heutigen Josef Schregel-Straße haben ein paar Holzbaracken gestanden. Schwer orientiert sich an der Annakirche, die zwar auch zerstört ist, aber nicht weit weg liegt von der Straße „Am Altenteich“, wo er aufgewachsen ist. Die Ruinen der Annakirche helfen ihm auch, die Holzstraße zu finden. Dort stehen die Häuser noch, seine Tante lebt hier. Hans Schwer kommt bei ihr unter.

Überbleibsel einer Stadt

Sein Onkel betreibt einen kleinen Laden, in dem es Stoff und Knöpfe gibt. Das Geschäft läuft ganz gut, deshalb hat Schwer genug zu essen. Er findet bald Arbeit bei einem Ofenbauer in Rölsdorf, bis ihn ein Brief erreicht, der ihn auffordert, bei der Trümmerbeseitigung zu helfen.

Zu dem Zeitpunkt war längst klar, dass Düren wieder aufgebaut wird, auch wenn das nicht jeder geglaubt hat. So notierte der US-amerikanische Reporter Andy Rooney im Winter 1945: „Dieser Ort ist nur noch ein Überbleibsel einer Stadt. Hier lebt keiner mehr. Hier steht kein Gebäude mehr.“ Als die Amerikaner im Februar 1945 die Rur überquerten, sollen sich in der zerbombten Stadt nur noch vier Zivilisten aufgehalten haben. Mehr als 3000 Todesopfer hat der Angriff gefordert.

Möglichst alle geeigneten Dürener Männer sollten bei der Entschuttung helfen, später wurden vor allem die herangezogen, die eine nationalsozialistische Vergangenheit hatten. Hans Schwer erinnert sich, dass er damals Trümmer von der Annakirche aus nach Süddüren brachte. Dazu musste er mit den bloßen Händen Steine und sonstigen Schutt in Loren schmeißen und bis zum Wibbelrusch schieben, mit drei anderen Männern zusammen. “Das ging in die Arme”, sagt er.

An der Nideggener Straße, am nordwestlichen Rand des Burgauer Waldes, liegt heute der im Volksmund sogenannte Trümmerberg, unter dem die alte Stadt gewissermaßen begraben ist. Dorthin brachten damals Hunderte Loren Schutt und Steine und türmten alles zu einem gut zehn Meter hohen Hügel auf, der heute längst bewachsen ist und so unscheinbar daliegt, dass selbst viele Dürener nicht wissen, was es mit dem kleinen Berg auf sich hat.

Hans Schwer weiß das gut. Der heute 91-Jährige kann sich nicht mehr erinnern, wie lange er damals die Loren geschoben hat. Lange sei es nicht gewesen, vielleicht ein paar Tage, dann wären „andere drangekommen”.

Zwei Loren von damals stehen seit September vor dem Dürener Stadtmuseum an der Arnoldsweilerstraße, zudem eine kleine Lok. Später wurde der Schutt auch nicht mehr mit den bloßen Händen bewegt, sondern mit Baggern.

Schwer hat dann wieder bei dem Rölsdorfer Ofenbauer gearbeitet, bevor er krank wurde und umschulte. Später arbeitete er bei der Kreisverwaltung Düren als Bauzeichner, in den 60ern machte er sich selbstständig und plante Häuser. Ließ sie bauen und verkaufte sie. Schwer lässt durchblicken, dass er ganz gut verdient hat. Noch heute leuchten seine Augen, wenn er erzählt, dass er damals in die Architektenkammer aufgenommen wurde, obwohl er nicht studiert hatte. „Das ginge heute gar nicht mehr”, sagt er.

Die Karte, die er 1946 in den USA entdeckt hat und die Düren vor und nach der Zerstörung zeigt, hat Schwer damals heimlich abgehängt und mitgebracht. Warum die Karte vor 70 Jahren in einem Militärkrankenhaus in West-Virginia hing, weiß Schwer nicht.

Karte in Frankreich gefunden

Der Dürener Wolfgang Künster, Jahrgang 1926, war ebenfalls in den USA in Gefangenschaft und hat eine Karte gleichen Inhalts im französischen Fontainebleau gefunden – und nach Düren mitgebracht. Die Karte ist heute im Besitz des Dürener Stadtmuesums.

Hans Schwer war anderthalb Jahre in den USA und wäre im Grunde gerne geblieben. „Ich habe das Land und die Menschen gemocht”, sagt er, obwohl er in Gefangenschaft war. Es sei ein „ganz lockeres Leben” gewesen, er habe ein bisschen Geld verdienen können, „um mal ins Kino zu gehen”. An eine Begebenheit erinnert er sich bis heute. Als er damals ankam, „begrüßte mich ein Farbiger mit: Sir. Mich, einen deutschen Kriegsgefangenen.”

Er sieht ein bisschen so aus, als könne er das heute noch nicht verstehen. Heute, 70 Jahre später und fast 7000 Kilometer entfernt.

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