Literaturnobelpreisträgerin: Schreiben als letzter Ausweg

Von: Sandra Kinkel
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Vor ihrer Lesung im ausverkauften Haus der Stadt hat Literaturnobelpreisträgerin Herta Müller sich ins goldene Buch der Stadt Düren eingetragen. Foto: Sandra Kinkel

Düren. Irgendwann wollte Herta Müller aus dem Urlaub keine Ansichtskarten mehr schreiben. Sie hat sich Karteikarten gekauft und im Flugzeug und in der Bahn aus Zeitschriften Worte und kleine Bilder ausgeschnitten und auf die Karten geklebt. Das war ihre Ansichtskarte, die sie dann verschickt hat.

Irgendwann hat sich diese Art Ferienpost immer mehr ausgebreitet, Literaturnobelpreisträgerin diese Form von „literarischem Handwerk“ immer mehr perfektioniert. „Collagen“ nennt sie ihre Form von Gedichten. Am Sonntag hat Herta Müller auf Einladung des Kunstfördervereins des Kreises Düren im ausverkauften Haus der Stadt aus ihrem aktuellen Gedichtband „Vater telefoniert mit den Fliegen“ vorgelesen. Und viel über ihr Leben und ihre Arbeit erzählt.

Liebhaberin schöner Worte

Herta Müller ist eine Liebhaberin von Sprache, von schönen Worten. Auch in Baumarkt-Katalogen, in der Werbung, überhaupt im Alltag, so Müller, finde sie Begriffe voller poetischer Bilder. „Wasserhahn“, nennt sie als Beispiel, „Schraubenmutter“ oder „Schwalbenschwanz“. Herta Müller schneidet diese und andere Worte aus, sammelt sie in eigens dafür angeschafften Metallschränkchen und ordnet sie irgendwann zu ihren Collagen an. „Das Schreiben von Prosatexten macht mir immer ein bisschen Angst“, sagt Herta Müller im Gespräch mit Ernest Wichner, Leiter des Berliner Literaturhauses. „Das fordert mich sehr stark, ich habe manchmal das Gefühl, dass ich nicht bis zum Ende durchhalten kann. Vor den Wörtern für meine Collagen habe ich keine Angst.“ Die Wörter, die sie ausgeschnitten habe, seien da. „Die kann mir keiner nehmen, die warten auf mich. Und wenn ich sie aufgeklebt habe, kann ich nichts mehr ändern.“

Sind Herta Müllers Romane und Erzählungen sehr häufig geprägt von einer tiefen Melancholie und Ernsthaftigkeit, kommen die Gedicht-Collagen manchmal heiter, fast schon skurril daher. Teilweise erinnern sie an Kinderreime, nicht immer erschließt sich ihr Sinn auf den ersten Blick. Erst bei genauerem Hinsehen erkennt man, dass manche der Collagen durchaus autobiografisch sind, alles andere als lustig daher kommen, sondern auch von Diktatur, Unterdrückung, Lügen und Gewalt, Heimweh und Entwurzelung erzählen. Wenn sie zum Beispiel schreibt „Vater hat seinen kleinen nichtgefallenen Soldat der er war auf dem Arm“, dann meint Herta Müller tatsächlich ihren eigenen Vater, der „kleine Soldat“ ist die Blutgruppentätowierung, die er als SS-Soldat auf dem Arm hatte. „Man hat nur einen Kopf“, so die 1953 in Rumänien geborene Herta Müller. „Und die Gedanken müssen irgendwie raus.“

So ähnlich war es wohl auch, als Herta Müller angefangen hat zu schreiben. Damals hat sie nach ihrem Germanistikstudium als Übersetzerin von technischen Beschreibungen in einer Maschinenbaufabrik in Rumänien gearbeitet. Irgendwann sollte Herta Müller für den rumänischen Geheimdienst arbeiten, sie hat sich geweigert. „Und an diesem Tag fingen die großen Konflikte an.“

Vom Geheimdienst schikaniert

Jeden Tag musste sie zum Verhör, sie musste ihr Büro abgeben und fortan auf der Treppe sitzen und hier die technischen Beschreibungen übersetzen. Geheimdienst-Leute kamen in ihre Wohnung. „Ich fühlte mich meines Lebens nicht mehr sicher“, sagt Herta Müller. „Und da habe ich angefangen zu schreiben.“ Sie habe versucht, sich mit ihren Texten ihr Leben wieder gegenwärtig zu machen. „Das Schreiben hat mich erwischt, als mir gar nichts anderes übrig blieb.“ Zum Glück möchte man sagen, denn auch, wenn dem ein oder anderen vielleicht der rechte Zugang zu Herta Müllers Collagen fehlt, so ist sie ganz ohne Zweifel eine eindringliche Erzählerin, eine interessante Frau, die viel zu sagen hat, bei der es sich unbedingt lohnt, zuzuhören. Und so ist es vielleicht auch zu erklären, dass die Literaturnobelpreisträgerin und Ernest Wichner für ihre Matinée in Düren durchaus viel Applaus bekommen haben, etliche Menschen aber nachdenklich und still wirkten, als sie nach Hause gegangen sind.

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