Late-Talker: Wenn Kinder erst spät sprechen lernen

Von: Isabelle Hennes
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Marion Schunck-Zenker weiß je
Marion Schunck-Zenker weiß jetzt, dass sie ihrere Tochter Felicitas beim Betrachten des Bilderbuches die Führung überlassen soll, damit sie eine Chance bekommt, zu Wort zu Foto: Isabelle Hennes

Kreis Düren. Felicitas läuft lachend über den Flur der logopädischen Praxis Ellen Gürtler in Jülich. Sie fühlt sich wohl hier. Ihre Mutter, Marion Schunck-Zenker, steht am Ende des Flurs und wartet auf ihre Tochter. Die Siebenjährige hat gerade ihre Aussprache geübt, denn sie lispelt ein bisschen.

Felicitas gehört zu den so genannten Late-Talkers. Late-Talker - Spät-Sprecher - sprechen ihre ersten Worte viel später als ihre Altersgenossen und verständigen sich mehr durch Gestik und Mimik. „In der Regel sprechen Kinder mit ungefähr einem Jahr die ersten Worte”, sagt Ines Ponten, Diplom Lehr- und Forschungslogopädin. Bei rund zehn bis 20 Prozent der ein- bis dreijährigen Kinder in Deutschland ist hingegen eine verlangsamte Sprachentwicklung zu beobachten.

Felicitas ist ein freundliches Kind. Dass mit ihr etwas nicht stimmte, ist ihrer Mutter aufgefallen, als Felicitas etwas älter als zwei Jahre war. „In der Krabbelgruppe hatte ich den direkten Vergleich. Mit zwei Jahren nannte Felicitas sich selbst immer noch dada”, erinnert sie sich. Für Kinder und Eltern ist das eine schwierige Situation: Eltern suchen die Schuld bei sich, die Kinder merken, dass sie nicht genug Aufmerksamkeit bekommen.

Im Familienkreis seien indirekte Vorwürfe geäußert worden: Bekommt das Kind alles, was es braucht? „Wenn ein Kind merkt, dass es nicht so wahrgenommen wird, wie es sich das wünscht, dann zieht es sich vielleicht ganz zurück oder es reagiert mit Gewalt”, sagt Ines Ponten. Marion Schunck-Zenker suchte mit ihrer Tochter eine Kinderärztin auf. Sie riet ihr, abzuwarten. Als auch dann der erwartete Fortschritt im Kindergarten ausblieb, suchte Felicitas Mutter Rat bei einer logopädischen Praxis in Linnich. Dort wurde Felicitas als „schwerer Fall” eingestuft.

Keiner konnte sich erklären, warum es mit dem Sprechen so haperte. Schließlich gab die Kindergärtnerin den Tipp, die Praxis in Jülich aufzusuchen. Hier wurde festgestellt, dass Felicitas Mundmuskeln zu schwach waren. Sie konnte keinen Kussmund bilden und ihre Zunge lag nicht richtig. Ihre Eltern trainierten die Muskeln und animierten sie zum Sprechen. Das war ein langer Prozess, der viel Geduld erforderte. Aber Felicitas hat ihre Altersgenossen sprachlich eingeholt.

Als Felicitas etwas älter als zwei Jahre war, umfasste ihr Wortschatz 27 Wörter. Normal wäre in diesem Alter ein Wortschatz von 50 Wörtern. Herauszufinden, wie groß der Wortschatz des Kindes ist, gehört zur Diagnostik in der Logopädie. Eltern kreuzen die bereits verwendeten Wörter des Kindes auf einem Fragebogen an. Wichtig für die Eltern ist es dabei, sich das Problem einzugestehen.

„Einigen Eltern ist es unangenehm und sie versuchen, die Tatsache zu verstecken”, berichtet Ines Ponten. Dabei sei es wichtig, das Problem früh zu erkennen. „Hat sich das sprachliche Problem gefestigt, ist es ein langer Prozess, das Problem aufzuarbeiten”, sagt Ponten. Darum hat Marion Schunck-Zenker nicht gezögert, als ihr zweites Kind Julian (4), ähnliche Probleme beim Sprechen hatte. Er hatte Schwierigkeiten bei den einfachsten Worten „Er sagte nie ,ja”, erinnert sich Marion Schunck-Zenker. Auch er wird heute logopädisch betreut.

„Eltern sollten sich selbst zurücknehmen, wenn sie ein Bilderbuch mit dem Kind betrachten”, rät Ines Ponten, „und dem Kind die Führung dabei überlassen.” Damit es eine Chance hat, zu Wort zu kommen. Felicitas besucht eine ganz normale Schule. Das Einzige, was von ihrem sprachlichen Defizit geblieben ist, ist ihre Schüchternheit: Das, was sie sagt, spricht sie sehr leise aus.

Beginnen Kinder spät mit dem Sprechen, sind meist viele Faktoren dafür verantwortlich. Gründe dafür können zum Beispiel das sprachliche Verhalten der Eltern, der Erbfaktor oder organische Gründe sein.

Grundsätzlich gilt: Je früher das sprachliche Defizit erkannt wird, desto besser. Etwa ein Drittel der Late-Talker, die nicht logopädisch betreut werden, holen die Defizite nicht mehr auf.

In der Logopädie gibt es zwei Ansätze, Late-Talker zu behandeln- Das Heidelberger Elterntraining und das Therapiekonzept nach Zollinger.

Am kommenden Mittwoch, 16. November, wird Ines Ponten, Diplom Lehr- und Forschungslogopädin, um 19 Uhr im Pflegebildungszentrum im St. Marien Hospital in Düren-Birkesdorf einen Vortrag zum Thema „Mein Kind spricht noch nicht - was jetzt?” halten. Der Eintritt ist kostenlos.

Auch Marion Schunck-Zenker wird bei der von der örtlichen AOK initiierten Veranstaltung dabei sein und Fragen der Zuhörerinnen und Zuhörer beantworten,
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