Radarfallen Blitzen Freisteller

Jeder dritte Hausarzt ist älter als 60 Jahre

Von: Burkhard Giesen
Letzte Aktualisierung:
4813533.jpg
Landarzt aus Überzeugung: Dr. Michael Küthen hat sich sehr bewusst für den Standort Nideggen-Embken und gegen eine größere Stadt entschieden. Foto: Burkhard Giesen

Kreis Düren. Das Verhältnis zwischen Hausarzt und Patienten ist meist ein Besonderes. Der Mediziner begleitet einen über viele Jahre, oftmals gar Jahrzehnte. Dass muss vor allem in ländlichen Regionen nicht immer so selbstverständlich bleiben. Das Gesundheitsministerium NRW schätzt, dass im Kreis Düren mehreren Kommunen eine Unterversorgung mit Allgemeinmedizinern droht.

Explizit erwähnt wird Nörvenich, mittelfristig könnten aber auch Gemeinden wie Inden, Kreuzau, Niederzier und Vettweiß betroffen sein. „Es gibt erkennbar einen zunehmend höheren Anteil älterer Kollegen über 60 Jahre. Teilweise haben wir Ärzte, die mit über 70 Jahren noch praktizieren“, erklärt Dr. Wolfgang Deiters, Vorsitzender der Kassenärztlichen Vereinigung Düren. Die drohende Überalterung stellt nach Ansicht von Deiters momentan noch „keine brandgefährliche Situation dar. In wenigen Jahren kann das aber schon sehr dramatische Auswirkungen haben. Deshalb müssen wir auch jetzt reagieren.“

Dabei gibt es durchaus Allgemeinmediziner, die sich kaum etwas anderes als den vielleicht manchmal verklärten Beruf des Landarztes vorstellen können. Dr. Michael Küthen kann da als Beispiel dienen. Der Mediziner hat vor sechs Jahren die Praxis seines Vorgängers im Embken übernommen. Küthen hatte zuvor unter anderem für die Bundeswehr gearbeitet und die Piloten des Nörvenicher Geschwaders in die ganze Welt begleitet. Es folgten zwei Jahre in einer Praxis in Erftstadt. Seine Entscheidung, der Welt den Rücken zu kehren und sich in Embken niederzulassen, war eine sehr bewusste.

„Das ist hier ein sehr ehrliches Arbeiten“, sagt er und ist dankbar dafür, eben nicht nur am Fließband Arbeitsunfähigkeitsbescheinigungen ausstellen zu müssen. „Es ist hier viel mehr, als der städtische Husten-Schnupfen-Heiserkeits-Alltag. Ich betreue hier ganze Familien, da wird man auch in Familienprobleme mit einbezogen und erfährt auch vom Erbstreit mit der Oma, oder wohin es in den nächsten Urlaub geht.“ Küthen arbeitet 60 bis 80 Stunden die Woche, schiebt Notdienste, und wenn er keine Sprechstunde hat, heißt das nicht, dass er frei hat – dann stehen meist Hausbesuche an. Dennoch liebt er seinen Job, vor allem, weil er sich Zeit für seine Patienten nehmen kann.

„Als Stadtarzt hat man 100 Patienten am Tag. Da bleibt nicht genug Zeit für den einzelnen Patienten. Hier in Embken kann ich mir die Zeit nehmen.“ Zumal sich Küthen inzwischen längst auf seine Patienten eingestellt hat. „Wenn ich morgens aus dem Fenster schaue und es ist schönes Wetter, dann weiß ich, dass der Andrang nicht so groß sein wird, weil die Landwirte auf dem Feld sind. Und wenn dann einer in meiner Praxis sitzt, dann weiß ich, dass der auch wirklich etwas hat.“ Ist Küthen mit dieser Einstellung die Ausnahme, oder woran liegt es, dass es Allgemeinmediziner eher in die Großstädte zieht? Für Dr. Gerd Fritzlar aus Nörvenich, also der Kommune, für die das Gesundheitsministerium absehbar eine drohende Unterversorgung prognostiziert, stellt sich die Frage eher anders.

„Ich glaube nicht, dass es für eine bestehende Praxis Probleme gibt, einen Nachfolger zu finden“, sagt Fritzlar, der selbst schon 68 ist und noch nicht ans Aufhören denkt. „Die Attraktivität eines Standortes ist aber entscheidend. Wir sind in Nörvenich zwar eine Landpraxis, aber die Anbindung nach Düren, den Erftkreis oder Köln ist sehr gut.“ Drei Allgemeinmediziner gibt es in der Flächengemeinde, die noch nicht mal unbedingt die ganze Kommune abdecken. „Bürger aus Binsfeld oder Rommelsheim orientieren sich eher nach Düren, die aus Pingsheim nach Erftstadt, Patienten aus Eschweiler über Feld gehen oft nach Merzenich“, weiß Fritzlar.

Probleme sieht der Allgemeinmediziner insbesondere dann, wenn junge Kollegen sich neu niederlassen wollen. „Bei einer bestehenden Praxis übernimmt man den Patientenstamm. Wenn man aber angesichts des demografischen Wandels eine Praxis neu aufbauen muss, nützen auch alle Förderprogramme nichts, wenn die Praxis dauerhaft nicht wachsen kann.“ Die Frage der Wirtschaftlichkeit seiner Praxis stellt sich natürlich auch für Michael Küthen. Er begegnet ihr auf unterschiedlichen Wegen. Küthen hat sich konsequent weitergebildet, ist in der Reisemedizin genau so fit wie in der Flugmedizin, Sportmedizin und der Diabetik. Zudem bietet er Zusatzleistungen wie Akupunktur an. Und: Er betreut zwischen Drove, Vettweiß und Nideggen sieben Altenheime und ein Behindertenheim.

„Ich glaube, dass man gerade auf dem Land wegen des geringeren Ärzteangebotes eine Ausweitung des Portfolios benötigt“, antwortet Küthen auf die nicht ganz ernst gemeinte Frage, ob er für seine Patienten nicht überqualifiziert sei. Dass es trotz größerem Portfolio und zusätzlicher Betreuung der Altenheime finanziell eng werden kann, macht Küthen an einem anderen Punkt deutlich: „Letztlich führe ich ein mittelständisches Unternehmen mit acht Angestellten. Wir sind drei Ärzte und müssten 2400 Patienten haben – wir haben aber nur 1800 Patienten. Wenn davon nicht 20 Prozent Privatpatienten wären, würde es schwierig.“

Auch wenn Küthen vielleicht das Positiv-Beispiel des modernen Landarztes abgibt: Die drohende Überalterung der Hausärzte in den ländlichen Kommunen lässt sich nicht wegdiskutieren. Küthen hat zum Beispiel seinen Vorgänger wieder reaktiviert – der ist inzwischen mit 75 Jahren wieder mit Spaß an der Arbeit. Und auch Wolfgang Deiters von der Kassenärztlichen Vereinigung kann bei dem Thema mitreden: er ist 67, seine Tochter arbeitet bereits bei ihm in der Praxis mit.

„Etwas mehr als ein Drittel der Hausärzte im Kreis Düren sind älter als 60 Jahre“, sagt Deiters, der dem Problem grundsätzlich begegnen will und mit dabei geholfen hat, den „Hausärztlichen Weiterbildungsverbund Düren“ aus der Taufe zu heben. Dem haben sich die fünf Krankenhäuser im Kreis und 18 Hausärzte angeschlossen, um gemeinsam eine fünfjährige Weiterbildung zum Hausarzt für junge Ärzte anbieten zu können. Deiters: „Wer fünf Jahre in unserer Region war und hier alle Kollegen kennengelernt hat, bleibt im Idealfall auch danach im Kreis Düren.“ Als erste Ärztin hat sich Beate Müller für dieses Programm entschieden.

Leserkommentare

Leserkommentare (0)

Sie schreiben unter dem Namen:



Diskutieren Sie mit!

Damit Sie Artikel kommentieren können, müssen Sie sich einmalig registrieren — bereits registrierte Leser müssen zum Schreiben eines Kommentars eingeloggt sein. Beachten Sie unsere Diskussionsregeln, die Netiquette.


Homepage aktualisiert

Finden Sie jetzt neue aktuelle Informationen auf unserer Startseite

Wieder zur Homepage

Die Homepage wurde aktualisiert