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Immer mehr Landwirte geben ihre Höfe auf: Abschied vom Lebenstraum

Von: Ottmar Hansen
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Die Rinder von Silvia Labroier sind sehr zutraulich. Sie sind es auch längst gewohnt, dass regelmäßig Kinder über den Bauernhof tollen. Foto: Ottmar Hansen

Düren/Hürtgenwald. „Alles ausgeräumt!” Wehmütig zeigt Karl Hennes auf die leeren Viehställe, gleich neben dem Wohnhaus. Wo jetzt der Blick auf blanken Steinboden fällt, haben einmal bis zu 60 Kühe gestanden. Sie waren der Lebensinhalt der Familie. In dritter Generation führte Hennes den Hof in Großhau. Fast vier Jahrzehnte lang.

Doch jetzt hat der 55-Jährige aufgegeben. Der Betrieb ist einfach nicht mehr wirtschaftlich. Die 21 Jahre alte Tochter will die Familientradition ohnehin nicht fortsetzen. Sie macht eine Ausbildung zur Rechtsanwaltsgehilfin. So verschwindet auch der letzte bäuerliche Betrieb aus Großhau. In früheren Jahren waren es einmal 30 gewesen.

Das „Höfesterben” im Kreis Düren ist alarmierend. In den letzten drei Jahren haben rund 100 Landwirte ihren Hof aufgegeben, ein Zehntel der Betriebe in der Region. Und eine Besserung sei nicht in Sicht, beklagt Kreis-Landwirt Franz-Josef Kügelgen.

Mit 18 Jahren hatte Karl Hennes den Hof vom Vater übernommen. Neben der Viehwirtschaft bestellte der Landwirt aus Großhau seine Felder mit Getreide. Hunderttausende Euro haben Karl Hennes und seine Frau Ingrid seither in das Unternehmen gesteckt. Zwei PS-starke Traktoren, Mähdrescher, Heuwender und eine Ballenpresse mussten angeschafft werden. Ohne moderne Technik lässt sich Landwirtschaft heute nicht mehr betreiben. „Strom, Diesel, Kraftfutter, Tierarzthonorare” - listet Ingrid Hennes weitere Kosten auf.

Freizeit? Urlaub? Für Familie Hennes in den zurückliegenden Jahrzehnten Fremdworte. „Wer Kühe hat, muss morgens und abends da sein. Und das jeden Tag in der Woche”, blickt Karl Hennes zurück. „Schon mein Vater hat nie Urlaub gemacht. Er war mal drei Tage in Mönchengladbach zu einer Geburtstagsfeier, das war´s.”

Immer neue Vorschriften der Europäischen Union erschwerten die Berufsausübung zusehends, beklagt sich der 55-Jährige: „Da folgt die neue Güllebehälterverordnung auf die neue Verordnung zur Lagerung von Tiermist.” Als jetzt der Milchpreis schon wieder tief in den Keller sackte, zugleich der Dieselpreis kräftig anzog, stand Karl Hennes vor der Entscheidung: „Wenn sich der Hof noch rentieren sollte, hätte er vergrößert werden müssen. Oder man hätte nebenbei eine andere Arbeit annehmen müssen.” Hennes gab auf.

Ähnlich erging es Stephan Eckeberg aus Birgel. Er machte den Meister, wollte den Hof der Eltern übernehmen, so wie sie das Anwesen 1971 ihrerseits von den Eltern übertragen bekommen hatten. Doch geringere Erträge und steigende Kosten zwangen auch ihn zur Aufgabe. Heute betreuen die Eltern Gerd (65) und Maria (60) Eckeberg noch eine Rindermast mit 70 Tieren. Ihr Sohn hat längst eine andere Arbeit während der Woche bei einem Containerdienst gefunden.

Der Betrieb trägt sich nur, weil Tochter Silvia Labroier ein neues Betätigungsfeld erschlossen hat: den Kinder-Bauernhof. Sie führt Schülergruppen über den Hof, veranstaltet Geburtstagsfeiern für den Nachwuchs. Die Nachfrage ist steigend. „Viele Stadtkinder haben ja heute gar keinen Bezug mehr zu Tieren”, weiß die 39-Jährige. Sie richtete eine Spielscheune ein, kann Kindern neben Rindern auch Ponys, Schweine oder Kaninchen zeigen. Mutige Kids machen dann noch den „Traktor-Führerschein”.

„Man schuftet sieben Tage in der Woche und am Ende reicht es gerade, die Rechnungen zu bezahlen”, beklagt Silvia Labroier. Ihre Mutter ist sich sicher: „Wenn nicht die ganze Familie zusammen halten würde, wäre es längst nicht mehr zu schaffen.”

Jedes Jahr 30 Bauernhöfe weniger im Kreis

Jedes Jahr werden drei Prozent der Bauernhöfe im Kreis Düren aufgegeben. Noch sind es rund 1000 Betriebe. Manche Landwirte geben auf, weil sie ihr Land nicht mehr wirtschaftlich beackern können. Andere in höherem Alter, weil der Nachfolger fehlt. Nach Angaben des Rheinischen Landwirtschaftsverbandes können die Vieh haltenden Betriebe in Deutschland längst nicht mehr alle Bundesbürger satt bekommen. Zuviel produziert wird demnach nur bei Rind- und Kalbfleisch sowie Milch, während Schweinefleisch, Geflügel und vor allem Eier eher Mangelware sind.
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