Im Kinderheim irgendwie auch zu Hause

Von: Sandra Kinkel
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Düren. Es ist sehr gemütlich in dem Wohnzimmer in dem Haus an der Breslauer Straße in Düren. Der Couchtisch ist gedeckt, es gibt Kaffee, Wasser und leckere Süßigkeiten. Der Tannenbaum ist auch schon geschmückt. Alles ist fast so wie in einer ganz normalen Familie. Aber eben nur fast.

Das Haus an der Breslauer Straße gehört zum Kinderheim St. Josef im Dürener Osten. Die neun Jungen und Mädchen, die hier leben, sind hier nicht Zuhause. Oder vielleicht doch? Jenny (12), Laura (15) und Carmen (13, alle Namen geändert) haben einmal erzählt, wie das Leben im Kinderheim im Allgemeinen ist - und eben im Besonderen an Weihnachten.

Rund 150 Kinder und Jugendliche leben im Dürener Kinderheim St. Josef, die allermeisten von ihnen haben noch Kontakt zu ihren Eltern- oder Pflegeeltern. Heimleiter Raymund Schreinemacher erklärt: „Die meisten unserer Kinder gehen auch an Weihnachten irgendwann einmal nach Hause. Aber einige bleiben auch durchgehend alle Tage bei uns.”

So wie Jenny. Sie kann an den Feiertagen nicht nach Hause. „Ihre Eltern wohnen einfach viel zu weit weg”, sagt Erzieherin Britta Münstermann (29). „Deswegen bleibt Jenny bei uns.” Es ist den drei Mädchen unangenehm, genau zu erklären, warum sie schon seit dreieinhalb, acht und zehn Jahren im Kinderheim leben. „Es hat einfach zu Hause nicht geklappt”, sagt Laura, „aber mehr möchte ich dazu eigentlich nicht sagen.” „Das”, ergänzt Erzieherin Britta Münstermann, „trifft natürlich irgendwie auf alle Kinder zu, die bei uns leben. Aber viele haben auch selbst nicht reflektiert, warum sie ganz genau im Kinderheim sind.” Die drei Mädchen sagen übereinstimmend, dass sie sich im Kinderheim ziemlich wohl fühlen. „Eigentlich sehr wohl”, sagt Laura. „Ich bin gerne hier. Und manchmal denke ich auch, dass das hier mein Zuhause ist.”

Die Weihnachtszeit ist für die Mädchen auch eigentlich keine besonders traurige Zeit. „Es gibt immer wieder mal doofe Tage hier im Heim”, sagt Carmen. „Und dann frage ich mich auch, warum ich hier sein muss. Aber die gibt es ab und zu das ganze Jahr über. Carmen und Laura gehen an Heiligabend beziehungsweise am ersten Weihnachtstag zu ihren Familien. Aber auch das ist für die Mädchen völlig normal. Laura: „Wir sind ja auch am Wochenende manchmal zu Hause. Und dann müssen wir ja auch wieder zurück ins Kinderheim. Das ist nichts Außergewöhnliches. Und an Weihnachten auch nicht schlimmer als sonst. Es ist total normal.”

Eins ist den Mädchen aber ganz besonders wichtig: Gestern wollte keine zur Familie. Auf keinen Fall. „Da wir hier in der Gruppe Weihnachten gefeiert”, sagt Carmen. „Und das wollte ich nicht verpassen.” Zuerst sind alle Kinder der Gruppe zum Kegeln gegangen, danach gab es einen kleinen Wortgottesdienst in der Bonifatiuskirche, und anschließend haben die Betreuer für alle ein leckeres Essen gekocht. Klar bekommen die Kinder auch Geschenke. Jenny hat sich eine Digitalkamera gewünscht, bei Laura und Carmen stehen CDs, Bücher und Filme ganz oben auf dem Wunschzettel.

„Die Weihnachtszeit ist auch für uns Betreuer immer etwas ganz Besonderes”, sagt Britta Münstermann. „Und es ist auch überhaupt kein Problem, Kollegen zu finden, die an den Feiertagen Dienst machen wollen.” Britta Münstermann hat zwar an Weihnachten frei, dafür aber in der Silvesternacht wieder Dienst. „Ohne die Kinder würde mir an Silvester echt etwas fehlen”, lacht sie, „das ist für alle ein besonderer Abend.” Gemeinsam mit ihren Schützlingen fährt die junge Frau dann in ein Nudellokal, wo man so viel essen kann, wie man will. „Anschließend”, erzählt Laura, „machen wir Bleigießen oder gucken einen Film.” Und Carmen ergänzt: „Und um Mitternacht gehen wir dann auf die Straße und trinken Kindersekt. Wir haben Spaß. Aber den haben wir eigentlich immer.” Die drei Mädchen gucken sich an. Und lachen. Laura nimmt sich ein großes Stück Schokolade, Jenny schüttet sich ein Glas Mineralwasser ein. „Es ist nicht so schlimm, dass ich an Weihnachten nicht nach Hause kann”, sagt die Zwölfjährige. „Weil es hier auch gut ist.” Und dann beantwortet Laura, die genau wie Jenny die Cornetzhofschule in Rölsdorf besucht, doch die Frage vom Anfang. „Ich bin zehn Jahre hier”, sagt sie. „Hier ist mein Zuhause.”
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