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Goldrute bietet Migrantinnen Hilfe vor häuslicher Gewalt

Von: Annika Thee
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Frauenhäuser bieten den Frauen auch Schutz vor gewalttätigen Männern. Foto: Maja Hitij
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Die ehrenamtlichen Mitarbeiterinnen des Dürener Vereins Goldrute. Foto: Annika Thee

Düren. Nelly ist 26 Jahre alt. Sie flüchtete mit ihrem Ehemann von der Elfenbeinküste nach Deutschland. In Düren änderte sich plötzlich das Verhalten des Mannes. Er fing an, sie zu misshandeln und massiver psychischer und physischer Gewalt auszusetzen.

Zweimal verlor Nelly dadurch ein ungeborenes Kind. Die Geschichte, die Nelly erzählt, ist einzigartig. Dennoch ähnelt sie den Geschichten, die die zwölf ehrenamtlichen Mitarbeiterinnen des Dürener Vereins Goldrute immer wieder hören.

14 Sprachen sprechen die Mitarbeiterinnen. Sie bieten Migrantinnen und geflüchteten Frauen, die von häuslicher Gewalt betroffen sind, vertrauliche Hilfe, wenn möglich in ihrer Muttersprache oder auf Deutsch. Betroffene Frauen erhalten bei Goldrute Informationen über ihre Rechte und mögliche Anlaufstellen wie Frauenhäuser, sie werden zu Ämtern und Gerichten begleitet und bekommen Unterstützung dabei, Perspektiven für sich und ihre Kinder zu entwickeln.

„Wir sind wie Taxifahrer“, beschreibt Koordinatorin Nermin Ermi die Arbeit des Vereins. „Die Frauen kommen zu uns und sagen, was sie sich wünschen und aus welcher Situation sie einen Ausweg benötigen, und wir kennen den Weg dorthin.“ Die 26-jährige Nelly ist eine der Frauen, die Dank der Arbeit von Goldrute im vergangenen Jahr ein neues Leben in einer eigenen Wohnung beginnen konnten.

„Gewalt in Familie und Partnerschaften gibt es in allen gesellschaftlichen Schichten und Kulturen. Sie trifft Frauen und Kinder unabhängig von Alter, Bildung, Religion und nationaler Herkunft“, erklärt Hava Zaimi, Mitgründerin und zweite Vorsitzende des Vereins. Seit 2012 verfolgt Goldrute das Ziel, ein Migrantinnen-Netzwerk gegen häusliche Gewalt in Düren aufzubauen.

Was die von Goldrute unterstützen Frauen von Deutschen unterscheidet, sei lediglich, dass ihr Aufenthaltsstatus manchmal unsicher oder an die Ehe gebunden sein kann, sie teilweise keine Arbeitserlaubnis oder finanzielle Probleme hätten. Aber: „Im Schmerz der Frauen ist kein Unterschied“, stellt Hava Zaimi klar.

2016 hat Goldrute 50 Migrantinnen aus 18 Ländern betreut, die Beraterinnen waren 470 Mal im Einsatz und haben 960 Beratungsstunden geleistet. Die meisten betreuten Frauen kamen aus der Türkei (14), aus Marokko (7), dem Irak (5) und Serbien (4). „Die Zahlen spiegeln nur wieder, aus welchen Ländern die meisten Migrantinnen kommen, und nicht, in welchen Ländern Frauen besonders schlecht behandelt werden“, erklärt Nermin Ermi, die Koordinatorin der ehrenamtlichen Helferinnen. „Es gibt genauso viel Gewalt in deutschen Haushalten, bloß redet man bei Vorfällen mit Türken eher von ‚Ehrenmorden‘, bei Deutschen von einem ‚Familiendrama‘“, sagt sie weiter.

Die Klientinnen sind für den Verein nicht nur Überlebende, denen es zu helfen gilt, sie sind gleichzeitig Schlüsselfiguren in ihren eigenen Communities. Über sie erreichen die Mitarbeiterinnen die Familien, Nachbarn und weitere Gemeindemitglieder. „Die Frauen, die sich aus Situationen häuslicher Gewalt befreien, nehmen in ihren Communities eine Vorbildrolle ein. Nur so kann es dort zu einem langfristigen Bewusstseinswandel kommen“, erklärt Hava Zaimi. „Wir versuchen, Verbündete für unsere Arbeit zu gewinnen. Das können Kinder, Nachbarn, Onkel oder Tanten sein“, sagt Zaimi weiter. Diese Unterstützer seien für die Frauen notwendig, denn „die Trennung von einem gewalttätigen Partner ist der schwierigste Prozess, die Frauen benötigen Verbündete.“

Bei Migrantinnen sei der Trennungsprozess schwieriger, weil sie häufig von der eigenen Familie unter Druck gesetzt würden und soziale Ächtung befürchteten.

Eine besondere Form der häuslichen Gewalt ist die Zwangsehe, die vorliegt, wenn einer der Eheleute – in 88 Prozent der Fälle betrifft dies die Frau – durch die Ausübung von Gewalt oder deren Androhung zum Eingehen einer Ehe gezwungen wird. „Arrangierte Ehen sind aber viel häufiger. Das bedeutet, dass Frauen einwilligen, einen Mann zu heiraten und sich dem Wunsch ihrer Familie beugen“, sagt Nermin Ermi. In den meisten Fällen akzeptierten die Frauen zunächst ihr Schicksal und würden es erst Jahre später schaffen, sich von dem Mann zu trennen. Auf arrangierte Ehen stoßen die Mitarbeiterinnen von Goldrute immer wieder. Meist erwähnen die Frauen nur in einem Nebensatz, dass sie ihren Mann ursprünglich nicht heiraten wollten.

Häufig betreuen die Mitarbeiterinnen auch sogenannte Hochzeitsmigrantinnen, also Frauen, die aus den Heimatländern nach der Hochzeit nach Deutschland gebracht werden. In einigen Fällen würden sie hier von der Außenwelt abgeschnitten und dürften die Sprache nicht lernen, während ihre Kinder einen deutschen Pass haben und gut integriert sind. „Manchmal bringen die Männer die Frauen zurück ins Heimatland und kehren mit den Kindern zurück“, erklärt Ermi. „In diesen Fällen haben sich auf unser Drängen hin bereits Dürener Politiker an die deutschen Konsulate gewandt, damit diese Frauen schnellstmöglich wieder nach Deutschland zu ihren Kindern zurückkehren können“, erläutert Ermi weiter.

Der Verein „Frauen helfen Frauen“ betreibt in Düren ein Frauenhaus, in dem Frauen und ihre Kinder Schutz finden vor häuslicher Gewalt. „Wir greifen sofort ein, wenn eine Frau befürchtet, im nächsten Urlaub im Heimatland verheiratet zu werden. Wir unterstützen die Frau beim Wohnortwechsel und dabei, den Kontakt zur Familie abzubrechen, wenn dies der einzige Weg ist“, sagt Sonja Waltl, die seit acht Jahren im Frauenhaus arbeitet. „Meist sind es nicht nur die Eltern, sondern die ganze Familie, die die überwiegend muslimischen Mädchen unter massiven psychischen Druck stellen“, erläutert sie weiter.

Verbote und Gesetze helfen den betroffenen Frauen in Deutschland allerdings kaum. Gerade deshalb ist es so wichtig, in den Gemeinschaften der Migranten einen Bewusstseinswandel anzustoßen und genau darum ist die Arbeit der Frauenorganisationen in Düren von großer Bedeutung.

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