Düren - Fröhlich in der stillen Einsamkeit der nächtlichen Flure

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Fröhlich in der stillen Einsamkeit der nächtlichen Flure

Von: Maria Pakura
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Alltag für Anja Brauers: Nachts schrillt das Telefon, wenn der Pförtner Frauen anmeldet, die neu mit Wehen ins Krankenhaus kommen. Foto: Guido Jansen

Düren. Um 1 Uhr nachts ist es auch in Gegenwart vieler Hundert Menschen einsam. Im St. Marien Krankenhaus zumindest. Die Gänge sind leer, das Licht gedimmt, Schritte hallen, das „Pling” der Aufzugtür dröhnt in den Ohren.

Dann öffnet sich mit einem Surren die Tür zum Kreißsaal, Anja Brauers streckt mit einem Lächeln die Hand zur Begrüßung aus. So wach, lebendig und fröhlich, als existiere die stille Einsamkeit der nächtlichen Flure nicht.

Die 24-Jährige ist Hebamme und gewöhnt, um diese Zeit konzentriert bei der Sache zu sein. Nicht nur dann, aber eben auch nachts.

Für gewöhnlich ist Rush-Hour im Kreißsaal, wenn der Tag sich zu Ende neigt. Denn mit der typischen Feierabend-Entspannung „beginnen die meisten Wehen”, weiß Brauers. Gerade weil man dann zur Ruhe kommt. „Das heißt aber nicht, dass die Kinder auch in der Nacht geboren werden.” Natürlich könne es vorkommen, dass alles schnell und heftig geht: „Das ist von Frau zu Frau völlig verschieden. Jede Geburt ist völlig individuell”, weiß die frisch Verheiratete, die in Niederzier lebt. „In der Regel kann man aber beim ersten Kind davon ausgehen, dass die Geburt zehn bis zwölf Stunden dauert.”

Eine Bald-Mama in einem der vier freundlich eingerichteten Kreißsaal-Räume hat ihre Wehen schon den ganzen Tag. Jetzt ist sie erschöpft, nickt immer wieder ein. Zu hören ist von ihr nichts. „Auch das ist ganz verschieden. Es gibt Mütter, die ziehen sich bei der Geburt in sich zurück, werden ganz still. Anderen hilft es, sehr laut zu sein.” Beides ist Brauers gleichermaßen lieb.

Es läuft und endet indes nicht immer gut. Zum Alltag einer Hebamme gehören viele zauberhafte Momente, aber auch einige dramatische. Manche Eltern müssen sich mit dem Verlust des Kindes abfinden. Manche zumindest damit, dass ihr Baby medizinisch versorgt, zum Beispiel beatmet werden muss. „Das ist sehr traurig”, sagt Brauers, und ihr ist deutlich anzumerken, dass sie das auch fühlt. „Ich kann mich noch an jedes verstorbene Kind erinnern.”

Und das, obgleich sie - das hat sie in ihrem ersten Jahr als Hebamme nach ihrer Ausbildungszeit in Duisburg mal überschlagen - an die 120 Geburten jährlich begleitet, Kaiserschnitte inklusive.

Zeigen will sie in tragischen Momenten nicht, wie nahe ihr die Situation geht. Das helfe den Eltern nicht. Aber im Austausch mit Kollegen wird das aufgearbeitet, damit die Hebammen solche Erlebnisse nicht in sich hinein fressen. „Wenn im Kreißsaal geweint wird, ist es schwer, nicht auch zu weinen”, gibt Brauers zu.

Fließen die Tränen vor Glück, erlaubt sie es sich allerdings auch mal, ihre eigenen ebenfalls kullern zu lassen. Es ist eben ein Balanceakt zwischen professioneller Distanz und natürlicher Nähe in diesen intimen Momenten. „Vor allem nachts führe ich oft gute Gespräche”, erzählt die junge Frau, die selbst Kinder will. „Dann kann ich mich besser auf das Paar einstellen.”

Nachts ist wenig Organisatorisches zu erledigen. Nachts herrscht auf den Gängen keine Hektik. Und nachts schrillt das Telefon allenfalls, wenn der Pförtner Frauen anmeldet, die neu mit Wehen ins Krankenhaus kommen.

Wie jetzt, um 1.51 Uhr. Und es sind gleich zwei auf einmal. „Typisch”, lächelt Brauers. Dann nimmt sie ihre neuen Patientinnen in Empfang und sondiert mit Fragen die Lage. Die Antworten der Frauen klingen ruhig, fast heiter. Kein Stress also.

Das wäre stressig

„Wäre jetzt eine Frau pustend hier reingekommen, die sich noch nicht vorgestellt hat - das wäre stressig. Oder noch besser: gleich zwei oder drei”, verrät Brauers wenig später. Dann müsste sie die Kollegin anrufen, die Bereitschaft hat. Falls ein Risiko absehbar wäre: auch gleich den Arzt. Der ist ansonsten nur beim letzten Abschnitt dabei. Das ist heute nicht der Fall. Die restliche Nacht verspricht ruhig zu bleiben.

Anja Brauers rechnet nicht damit, dass sie in ihrer Schicht noch erlebt, dass ein Baby seinen ersten Schrei tut. Zu tun hat sie dennoch genug. Das macht ihr nichts aus. Sie wirkt geerdet: „Ich mag Nachtschichten.”
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