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„Es ist kein Stigma, Hilfe anzunehmen”

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„Alles, was mit Menschen zu tun hat, muss Vorrang haben”, fordert Thomas Flossdorf, Vorsitzender des Jugendhilfeausschusses der Stadt Düren. Foto: Ingo Latotzki

Düren. Die Stadt Düren ist pleite. 23 Millionen müssen eingespart werden, deswegen hat die CDU-/FDP-Mehrheit im Stadtrat jetzt entschieden, in allen Haushaltsbudgets eine pauschale Kürzung um 5,24 Prozent vorzunehmen.

Dann, so die Rechnung der Politiker, sei der Dürener Haushalt in vier Jahren ausgeglichen. Knapp 26 Millionen zahlt Düren pro Jahr für den Bereich Jugendhilfe, das ist neben den Personalkosten und der Kreisumlage der größte Kostenpunkt im städtischen Haushalt. Woran liegt das? Und gibt es in Sachen Jugendhilfe überhaupt Einsparpotenzial? Fragen, die „Nachrichten”-Mitarbeiterin Sandra Kinkel Thomas Flossdorf (CDU) gestellt hat. Der 32-Jährige Lehrer für Philosophie, Geschichte Latein ist seit 2004 Vorsitzender des städtischen Jugendhilfeausschusses.

Warum ist der Bereich Jugendhilfe in Düren so teuer?

Thomas Flossdorf: Teuer sind wir nicht. Die Stadt Düren hat 2009 13,5 Millionen Euro für so genannte Hilfen zur Erziehung ausgegeben und 12,35 Millionen Euro für die Kindertagesstätten, wobei davon 6,25 Millionen Euro refinanziert werden. Auch für die Offene Jugendarbeit werden 915.000 Euro benötigt.

Macht also rund 26 Millionen Euro insgesamt. Eine Menge Geld.

Flossdorf: Ohne Zweifel. Das liegt an den Standards, die wir erfüllen müssen. Die Plätze in den Kindergärten sind stark subventioniert. Durch die Elternbeiträge werden nur zehn Prozent der Kosten finanziert, klar, dass da die Stadt dort hohe Kosten hat. Und auch die Hilfen zur Erziehung kosten viel Geld, weil wir sehr individuell helfen müssen. Nehmen Sie nur die Heimunterbringung: Je nach Schwere des Falls kostet ein Heimplatz 120 bis 400 Euro am Tag.

Wie kommt es, dass die Stadt nur im Jahr 2009 drei Millionen mehr für den Bereich Jugendhilfe ausgegeben hat, als veranschlagt war?

Flossdorf: Wir mussten sogar fünf Millionen mehr ausgeben. 2,5 Millionen haben wir für den Ausbau der Unter-Drei-Jährigen-Betreuung in den Kitas ausgegeben. Und 2,7 Millionen Euro haben die Hilfen zur Erziehung mehr gekostet. Das liegt daran, dass die Fallzahlen erheblich gestiegen sind. Die Mitarbeiter des Jugendamtes mussten 2009 189 Mal - insgesamt in 872 Fällen - häufiger tätig werden als im Jahr davor.

Wie erklären Sie sich diese eklatante Steigerung? Gibt es mehr Fälle oder werden nur mehr bekannt, weil das Umfeld der betroffenen Kinder sensibler geworden ist?

Flossdorf: Beides. Familien haben es schwerer, den Alltag zu meistern. Die wirtschaftliche Situation vieler Familien und Alleinerziehenden - hiervon haben wir 2,1 mal mehr als andere Städte - ist sehr schwierig. Fakt ist aber auch, dass die Aufmerksamkeit der Menschen immer größer wird. Und auch in unseren Familienzentren bemerken die Erzieherinnen sehr früh, wenn in die Familien etwas nicht stimmt. Zum Beispiel, weil die Kinder nicht dem Alter entsprechend entwickelt sind. Dann wird das Jugendamt informiert.

Was ja auch richtig ist.

Flossdorf: Natürlich. Es ist kein Stigma, wenn Familien Hilfe zur Erziehung annehmen, aber diese Hilfe ist sehr kostenintensiv. Unser Problem ist, dass wir schwer beziffern können, wie teuer es für die Stadt würde, wenn wir eben diese Hilfe zur Erziehung nicht leisten würden.

Ist die Einsparung von 5,24 Prozent denn möglich?

Flossdorf: Es ist extrem schwierig. Im Bereich des Ausbaus der Unter-Drei-Jährigen-Betreuung in den Kindertagesstätten sind Einsparungen nicht möglich. Der weitere Ausbau wird ca. 2,7 Millionen bis 2013 kosten!

Geht denn die Arbeit von Elke Stöber, die diesen Besuchsdienst macht, überhaupt weit genug? Sie hat keine Kontroll-, sondern übernimmt nur eine beratende Funktion. Und sie schafft es mit ihrer Halbtagsstelle gerade, die Hälfte der Neugeborenen zu besuchen.

Flossdorf: Es stimmt, dass Frau Stöber keine Kontrollfunktion hat. Trotzdem sieht sie viel in den Familien, bringt Informationsmaterial und erreicht, dass die Menschen Ängste gegen das Jugendamt abbauen und wissen, an wen sie sich wenden können.

Sie haben es eben selbst gesagt: Heimunterbringung verursacht hohe Kosten. Warum werden nicht mehr Pflegefamilien gesucht?

Flossdorf: Das versuchen wir ja. Es gibt in Düren viel weniger Pflegefamilien als in anderen vergleichbaren Städten. Wir haben bei der Evangelischen Gemeinde eine Drei-Viertel-Stelle geschaffen, mit dem Ziel, für Düren jedes Jahr 14 zusätzliche Pflegefamilien zu schaffen. Das würde 500.000 Euro einsparen.

Sie sagen, im Bereich Jugendhilfe sind Einsparungen nur extrem schwer möglich. Wo kann die Stadt denn sparen?

Flossdorf: Wir müssen uns fragen, ob wir jeden Sportplatz, jede Bürgerhalle brauchen. Oder ob es nötig ist, dass es im Kreis insgesamt drei Volkshochschulen gibt. Den Schulpsychologischen Dienst gibt es demnächst beispielsweise nur noch beim Kreis. Außerdem müssen wir versuchen, Synergieeffekte zu erzielen, indem Ämter enger zusammenarbeiten. Aber das sind natürlich alles „heilige Kühe”.

Genau wie die Kultur. Kämmerer Harald Sievers hat ausgeführt, dass auch die Zuschüsse für die Kultur sehr hoch sind. Warum traut sich da die Politik nicht ran?

Flossdorf: Das ist ein ganz schwieriges Feld. Natürlich braucht eine Stadt Kultur. Tatsache ist auch, dass nicht nur Dürener Bürger davon profitieren. Ich bin auch der Meinung, dass es Theaterbesuchern zuzumuten ist, drei bis vier Euro mehr für ihre Eintrittskarte auszugeben. Es geht in der Stadt Düren leider ans Eingemachte. Wir müssen Schwerpunkte setzen, und ich bin der Meinung, dass alles was mit Menschen und Lebenschancen für Menschen zu tun hat, Vorrang haben muss.
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