Düren - „Dürener Geschichte(n)“: Der Heimatdichter Josef Schregel

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„Dürener Geschichte(n)“: Der Heimatdichter Josef Schregel

Von: Ingo Latotzki
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Diese Tafel hängt heute noch an Josef Schregels Wohnhaus in der gleichnamigen Straße. Fotos/Repro: Ingo Latotzki
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Josef Schregel – das Foto stammt aus dem Buch „Saache zom Laache“ (Koch & Krüger Verlag, 1980) Foto: stammt aus dem Buch „Saache zom Laache“ (Koch & Krüger Verlag, 1980)
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Seit 1947 ist in Düren eine Straße nach Heimatdichter Josef Schregel benannt.

Düren. Wenn Josef Schregel heute über die nach ihm benannte Straße in Düren laufen würde, käme vielleicht ein bisschen Wehmut auf. In den 1960er Jahren gehörte die Straße zu den „Straßen Dürens, in denen das Leben der wiederaufgebauten Stadt am sichtbarsten zwischen modernen Schaufensterlagen und menschenüberströmten Geschäftshäusern pulsiert.“

So formulierte es Balthar Schmitz, langjähriger Chef der Dürener Zeitung, 1966 in einem Beitrag für das Heimatjahrbuch. Und heute? Wie präsentiert sich die Josef Schregel-Straße heute? Wie hätte Josef Schregel, der Heimatdichter, sie beschrieben?

Schregel selbst hat schon den Aufstieg zur gut bevölkerten Geschäftsmeile nicht mehr erlebt. Er starb Heiligabend 1946 in Neumagen an der Mosel. Zu der Zeit hieß die Straße Eisenbahnstraße und wird von Balthar Schmitz als geruhsam beschrieben. Im Dritten Reich war die Straße, wie viele andere, nach dem Mann benannt, der durch sein fanatisches Kriegstreiben letztlich dafür verantwortlich war, dass Düren am 16. November 1944 fast vollständig zerstört wurde: Adolf Hitler.

Die Straße, in der Schregel im Haus Nummer 40 lebte, hat also eine wechselvolle Geschichte hinter sich. Heute noch hängt an der Fassade jenes Bronze-Relief, das Dürens Stadtväter 1956 Schregel zu Ehren anbringen ließen. Hunderte Dürener waren damals dabei, um an den Mann zu denken, der wohl einer der bekanntesten Dichter der Stadt ist. Neben zahlreichen Gedichten und Liedern, ernst und heiter, verfasste er Prosa-Erzählungen, die weniger bekannt sind. Schregel, am 13. März 1865 in Jülich geboren, schrieb in Dürener Mundart und Hochdeutsch. Neun Bücher wurden veröffentlicht, sie sind heute vergriffen, aber im Stadtarchiv Düren (Haus der Stadt) einzusehen.

Tiefe Heimatliebe

Wer war Josef Schregel? In Zeitungsberichten, die nach seinem Tod erschienen, wurde ihm ein dichterisches Schaffen attestiert, das unvergleichlich sei. Ihn prägte eine „tiefe Heimatliebe und Heimattreue“, er „war voll von den herrlichsten Einfällen und ein geborener Poet“, zugleich „von rührender Bescheidenheit“ und „fröhlichem Humor“. Bei so viel wohlwollender Berichterstattung wundert es nicht, dass 1947 die damalige Eisenbahnstraße in Josef Schregel-Straße umbenannt wurde. 17 Jahre zuvor, 1930, war Schregel zum Ehrenbürger Dürens ernannt worden.

Mit acht Jahren kam Josef Schregel, Sohn eines Jülicher Brauerei-Pächters, nach Düren. Nach Volksschule und Gymnasium machte er in Aachen und Wesel eine Ausbildung und gründete eine Weinhandlung (heutige Josef Schregel-Straße 40). Das Geschäft sicherte seinen Lebensunterhalt, von der Schriftstellerei hatte er kaum leben können.

„Sprecher von Millionen“

Und dennoch wurde er mit einigen Veröffentlichungen weit über Düren hinaus bekannt. So wurde sein Lied „Rheintreue“ (1921) nahezu 500 Mal vertont. Die Dürener Zeitung schreibt in ihrer Ausgabe vom 15. Februar 1947, mit dem Lied habe sich Schregel „zum Sprecher von Millionen gemacht“, wenn er sagt:

Sie wollen dich, treuer Vater Rhein, der armen Mutter entreißen, Drum soll uns umkrallen wie Eisen ein Band. Kein Teufel soll es zerspalten. Ein Volk, ein Gott, ein Vaterland. Den Treueschwur wollen wir halten.

1921, als Schregel das Lied verfasste, lag Düren nach dem Ersten Weltkrieg in der französischen Besatzungszone. Die Franzosen wiesen ihn wegen des Textes 1923 aus; ihnen wird es zu nationalistisch gewesen sein; für ein Jahr lebte Schregel in Eitdorf in der Verbannung.

„Krieg“ heißt auch ein um 1916 erschienenes Buch von Schregel, in dem er „ernste und heitere Dichtungen“ veröffentlicht. Im Gedicht „Italienisch“ heißt es: „Wenn nur der Regen nicht wäre,/Der niedergeht, daß es dampft,/Wir hätten die feindlichen Heere/Vernichtet, zermalmt, zerstampft“.

Im gleichen Band leitet Schregel über zu anderen Beiträgen mit den Worten: „Nun legt die ernsten Bilder fort. Der Krieg will auch ein frohes Wort!“

Nach Einschätzung des Dürener Historikers Dr. Horst Wallraff war Schregel „ein Mann seiner Zeit und wäre wohl kaum so populär geworden, wenn er gegen den damaligen Mainstream angeschrieben hätte“. An tausendfachen Formulierungen und Geisteshaltungen von nationalistischen Denkern, Diplomaten und Politikern sei zu erkennen gewesen, wie „nah wilhelminisches und deutschnationales Gedankengut und die spätere nationalsozalistische Ideologie beieinanderlagen“.

Weit in der Überzahl sind aber Schregels heitere Geschichten und Beobachtungen; er ließ die Menschen schmunzeln. Aus seinem Band „Saache zom Laache“ machten die „Dürener Nachrichten“ Anfang der 1990er Jahre eine kleine Serie, in der heitere Kolumnen in Mundart abgedruckt wurden. Drei Jahrzehnte zuvor hatte auch die Dürener Zeitung eine Serie namens „Lieder der Heimat“ publiziert.

Überhaupt hat Schregel auch lange nach seinem Tod 1946 immer noch Raum in der öffentlichen Wahrnehmung eingenommen. Die Dürener hielten die Erinnerung an ihn wach, etwa mit der Gründung des Schregel-Kreises 1951, der fortan Schregelabende veranstaltete. Zum Ersten kamen 1000 Gäste ins große Stadtpark-Festzelt.

1980 schaffte es der Schregel-Kreis bis in die WDR-Reihe „Zu Gast bei Rheinischen Heimatbühnen“. Das Hobbytheater „AktEur Burg Satzvey“ trug in der Aula der Stadt Mechernich Gedichte und Verse von Schregel vor, die der Westdeutsche Rundfunk aufnahm und in der Sendung ausstrahlte.

Erinnerungen der Ur-Enkelin

Seine Ur-Enkelin Ursula Schregel, die heute als Redakteurin für WDR 3 in der Hörspiel-Redaktion arbeitet, stellte 1980 ihre Doktorarbeit fertig, in der sie sich mit Dialektikliteratur beschäftigt; als 1953 Geborene kennt sie ihren Ur-Großvater nur aus Familienerzählungen. „Er war eine beeindruckende Persönlichkeit“, sagt Ursula Schregel und erinnert sich, dass sich ihr Ur-Opa in seiner Weinstube gerne mit Künstlerfreunden traf. Er sei ein kommunikativer Mensch und „großer Genießer“ gewesen. Als sie sich 1991 beim WDR beworben habe, sagte man ihr, sie sei die „ideale Besetzung“ für die damals noch existierende „Rheinische Redaktion“. Ihr Ur-Großvater war im Kölner Funkhaus eine bekannte Persönlichkeit. Eines der Lieblingsgedichte von Ursula Schregel ist „Ne montre Jong von Düre“:

Wohen mich en de ganze Welt/Ooch das Gescheck mag bränge/Han vel ich oder wennig Gäld/Ich bliev goder denge!/Ov dröv et mag/ov sonnig sen/Dat soll mich net scheniere/Ich bliev emme, wat ich ben:/Ne montre Jong von Düre! Und wie hätte Josef Schregel die nach ihm benannte Straße heute beschrieben? Darüber kann nur spekuliert werden. Vermutlich hätte er die im Handlungskonzept für das engere und weitere Bahnhofsumfeld beklagte Sanierungsbedürftigkeit vieler Häuser und den mehrfach kritisierten Geschäftsbesatz mit einer heiteren, aber auch nachdenklichen Note versehen. Sein ehemaliges Wohnhaus mit der Nummer 40 hätte er bestimmt wohlwollend zur Kenntnis genommen. Nicht nur wegen des Zustandes, vor allem, weil für ihn viele Erinnerungen daran hätten hängen müssen.

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