Donner von Verdun hallte bis Nideggen

Von: Franz-Josef Brandenburg
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Nideggen. Im kommenden Jahr jährt sich der Beginn des Ersten Weltkrieges zum 100. Mal. Da sich keine Zeitzeugen mehr finden, sind Ereignisse der Chronik der Katholischen Volksschule entnommen.

31. Juli 1914: Erklärung des Kriegszustandes.  Nideggen (die rechte Seite der Rur) gehört zum Festungsbereich der Festung Cöln. Nideggen, das angefüllt war mit Kurgästen, namentlich Holländer, war in einem Tag wie ausgestorben. Die Kurgäste reisten sofort wegen der Grenzsperre ab, so dass bei der Mobilmachung kein Kurgast mehr hier war. Die Mobilmachung selbst wurde von der Behörde durch die Ortsschelle bekanntgegeben und von der Bevölkerung ernst aufgenommen. Die Kirche füllte sich mit Betern, da sofort Buß- und Bittandachten eingerichtet wurden, die fortgesetzt eine rege Beteiligung aufwiesen. In den ersten Mobilmachungstagen stellten sich zu den Waffen aus dem Orte Nideggen 38, aus der Bürgermeisterei etwa 70 Mann.

In der 1. Mobilmachungswoche rückten Teile der 14. Reserve-Division durch Nideggen auf Schmidt zu. Von Westen und Südwesten her konnte man sehr deutlich den Kanonendonner von Lüttich, Antwerpen, Verdun her hören.

Nideggen richtete schon bald nach Kriegsbeginn ein Lazarett für Leichtverwundete ein (Dürener Tor und Kloster der Cellitinnen); zur Bestreitung der Kosten wurde ein Betrag von über 4000 Mark in Nideggen gestiftet und gesammelt. Ende November kamen die ersten (20) an und wurden verpflegt. Auch die Nachbarorte (namentlich Berg u. Abenden) steuerten insbesondere Gemüse, Obst und Kartoffeln zur Verpflegung bei. Zu Weihnachten wurden sämtlichen aus Nideggen zum Heere eingezogenen Soldaten Weihnachtspakete gesandt. Im Januar 1915 wurde auf der Burg die Fliegerwache eingerichtet, um beim Herannahen feindlicher Flieger nach Düren und Köln sofort Nachricht geben zu können. Im Herbst wurde diese Wache aufgehoben; auf dem Kühlenbusch erbaute man einen eigenen Wachtturm, auf dem der Wachtdienst fortan durch Soldaten der Fliegertruppe Versehen wurde. Während des Winters konnte man oft vom westlichen Kriegsschauplatz Kanonendonner hören, am besten bei Nord- und Ostwind. Ende Juni kamen 30 kriegsgefangene Russen nach Nideggen. Sie wurden auf dem Dürener Tor, das mit Stacheldraht gesichert war, einquartiert.

Zu Beginn der deutschen Angriffe bei Verdun am 19. Februar 1916 war der Kanonendonner sehr gut zu vernehmen und die Lufterschütterung so stark, dass an den Fenstern der Oberklasse die Glasscheiben klirrten. In der Zeit vom 8. bis 19. Februar 1917 fiel laut Verordnung der Unterricht aus zwecks Kohlenersparnis. Der Unterrichtsbeginn um 8.30 Uhr wurde bis Ostern ausgedehnt. Während der Herbstferien 1917 verbreitete sich die Trauerkunde vom „Heldentod“ des Hauptlehrers Bohs.

Niemand wollte an die traurige Wirklichkeit glauben. Bohs war am 1. August 1916 zum Infanterie Regiment 161 nach Düren einberufen worden. Wegen einer Operation war er zunächst nur Garnisons dienstfähig und erhielt später seine militärische Ausbildung in Köln. Am 16. Juni 1917 rückte er aus, am 5. Oktober wurde er in Flandern durch eine Fliegerbombe getötet.

Wie wir bereits gesehen haben, war die Kriegszeit eine schwere Zeit. Es herrschte großer Mangel. Man hatte anfänglich geglaubt, „dass innerhalb von ein paar Monaten der Krieg gewonnen und vorbei sein würde.“ Da man im Deutschen Reich wirtschaftlich nicht auf den Krieg vorbereitet war und Großbritannien eine Seeblockade eingerichtet hatte, die fast alle Einfuhren über See nach Deutschland unterband, verschlechterte sich die Situation in den folgenden Kriegsmonaten zunehmend. Nahrungsmittel und Rohstoffe wurden knapp. Das wirkte sich auch auf die Schulen aus. Die Material- und Rohstoffsammlungen nahmen einen breiten Raum ein. So konnte man den ausfallenden Unterricht wenigstens rein zeitmäßig ausgleichen. „Im Sommer und Herbst des Jahres sammelten die Schulkinder 14 ½ Zentner Kastanien, 72 kg Weißdornfrüchte und 7 kg Obstkerne, die im Dezember an die betreffenden Sammelstellen geschickt wurden.“ Das gesammelte Material diente der Armee als Pferdefutter.

Es folgt für 1918 ein mit Bleistift gemachter Eintrag, der durchgestrichen ist. Er war wohl zu krass; die darin enthaltene Ironie ist nämlich deutlich herauszulesen: „Parole Heimat! Am 11./11.1918 wurde der Waffenstillstand mit den Ententetruppen geschlossen. Die Truppen befinden sich auf dem Rückmarsch. Am 22.11.1918 haben sich hier in dieser Schule 150 tapfere deutsche Helden, die hier einquartiert waren, entlaust. Dabei wurden sehr große Resultate erzielt auf einer Stelle 30 Stück. Der Rekord wurde von einem Musketier bis auf 55 Stück Läuse gebracht. Doch gebrochen wurde derselbe von einem Soldaten, der 85 Stück erbeutete.“

Die Materialsammlungen gingen auch im 4. Kriegsjahr weiter. Die Kinder erhielten für jedes abgegebene Pfund Frischlaub 4 Pfennig. „Gesammelt wurden außer Laubheu 103 Pfund Knochen und 2 Centner Kastanien.“ Nach diesem Bericht geht der Chronist erneut auf das Geschehen nach Kriegsende ein. „Nach Abschluss des Waffenstillstandes mit den Ententetruppen am 11. November begann der Rückmarsch unserer Truppen von der Front. Ein großer Teil der 6. Armee nahm von Schmidt her den Weg durch unseren Ort. Vom 13. bis 30. November hatte Nideggen täglich Einquartierung. Auch die Schule wurde belegt. Nach dem Wegzug der letzten Soldaten lieferte das Aussehen der Schule und der Lehrerwohnung einen Beweis für das rücksichtslose Vorgehen mancher Soldaten. In Privathäusern hörte man ähnliche Klagen, und vielfach wurde die Frage laut: Wie mögen die sich erst in Feindesland betragen haben?!“

Franz-Josef Brandenburg ist Heimatforscher in Nideggen.

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