Die Sucht nach Omas Geschichten

Von: cr
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Sie besuchen keine Schulklasse, lernen aber trotzdem viel gemeinsam über Geschichte und ihre jeweiligen Familien: Ahnenforscher, die sich regelmäßig im Stadtmuseum tief in die Vergangenheit begeben. Foto: cr

Düren. Dennis Schmidt ist, wenn man so will, ein Vorzeigeenkel. Er hört seiner Oma immer gerne und in voller Länge zu, er stellt auch viele Fragen. Mehrmals hat der 22-Jährige seine Oma gar interviewt: 25 Seiten Text hat der Enkel über die Vergangenheit der Großmutter und ihre Familie aufgeschrieben.

Dennis Schmidt hat zwei Ziele: Er will so viel es geht über seine Vorfahren herausfinden, und auch soll dieses Wissen bewahrt werden. Dennis Schmidt ist ein Ahnenforscher – er sagt, er hat seinen Stammbaum bis etwa ins Jahr 1800 „flächendeckend bearbeitet“.

Er ist mit dem Hobby nicht alleine. Bis zu 25 weitere Ahnenforscher treffen sich regelmäßig im Dürener Stadtmuseum, dem Ort, an dem aus Namen und Zahlen (Familien-)Geschichten werden. Rosi Plücken, 64, leitet diese Treffen, sie selbst forscht seit 20 Jahren nach ihren Ahnen. Dabei lernt sie auch etwas anderes: Geschichtsunterricht in der Schule, sagt sie, sei „Horror“ gewesen. „Durch die Ahnenforschung habe ich mehr gelernt. Vor allem in der Ortsgeschichte.“

Plücken fand unter anderem heraus, dass 1822 bei einer Hochzeit der väterlichen Familie in Potsdam König Friedrich Wilhelm III. anwesend war. Oder dass sie mit dem Golzheimer Märtyrer Johann Kaspar Kratz (1698-1737) verwandt ist. Plücken sagt, solche Entdeckungen seien das „Fleisch am Datengerippe aus Geburts-, Heirats- und Sterbedatum“. Das Datengerippe, mit denen jeder Ahnenforscher arbeiten muss, setzt sich hauptsächlich aus Infos aus Kirchenbüchern (Taufen, Hochzeiten, Beerdigungen) sowie dem Zivil- beziehungsweise Personenstandsregister zusammen.

Das hatte Napoleon eingeführt und ist heute nichts anderes als das Standesamt. Seit 1798 existieren diese Daten für Düren, die Kirchenbücher seit Anfang des 17. Jahrhunderts. „Das Stadt- und Kreisarchiv Düren ist für Ahnenforscher ein Paradies“, sagt Rosi Plücken.

Das, was Ahnenforscher suchen, steht heutzutage nicht mehr nur auf Papier, es ist auch online zu finden. Für Gisela Pirig, 48, hat sich das als Glücksfall entpuppt, weil sie über die digitalen Kirchenbücher der Stadt Passau die Familie der großmütterlichen Seite erforschen konnte, diese stammt aus Passau. „Das ist die von mir am besten erforschte Familie, obwohl ich so weit weg wohne“, sagt Pirig, die auch herausgefunden hat, dass die Familie ihres Mannes nicht wie angenommen aus Hürtgen stammt, sondern aus Köln.

Kurze Ehen

Auf Widersprüche würde man immer stoßen, ergänzt Leo Neustraßen, 67, auf „unehrenhafte Geschichten“, wie – als klassisches Beispiel – uneheliche Kinder oder kurze Ehen, die gerne verschwiegen wurden. Um auf diese Geheimnisse zu stoßen, brauchen Ahnenforscher „einen kriminalistischen Spürsinn“, sagt Rosi Plücken. Wenn die Ahnenforscher von ihrem Hobby erzählen, sprechen sie von einer „Sucht“, wie Wolfgang Künster es ausdrückt.

Der 91-Jährige ist der Älteste in der Forschergruppe. Von „einem Bazillus, der einen packt“ spricht Leo Neustraßen. Für Dennis Schmidt ist es eine „Never-Ending-Story“, weil sich mit jedem neuen Ahnen weitere Lücken auftun würden. „Das ist ein Anreiz und befriedigt die Neugierde, wenn man wieder einen neuen Ahnen gefunden hat.“ Wie viele Vorfahren oder weitere für die Puzzlearbeit interessante Personen die Hobbyforscher jeweils gefunden haben, kann niemand aus der Gruppe genau sagen.

Dennis Schmidt ist froh, dass er so viele Geschichten seiner Oma notiert hat. Es sei wichtig, möglichst viel zu erfahren, bevor eine mögliche Demenz alle Türen in die Vergangenheit verschließt. „Außerdem kommen manche Geschichten auch nur einmal“, sagt Dennis Schmidt, „vor allem die aus dem Krieg.“

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