Die Sucht nach dem Rummel

Von: Sandra Kinkel
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Jakob Schleifer ist seit 1946 ständiger Gast mit seinem historischen Kinderkarussell auf der Dürener Annakirmes. „Wenn Gott will”, sagt er, „bin ich auch nächstes Jahr wieder dabei.” Foto: Sandra Kinkel

Düren. Der Kirmesplatz erwacht so langsam aus seinem frühmorgendlichen Dornröschenschlaf. Nach und nach öffnen die Karussells und Buden, langsam kehrt Leben ein. Mitten drin sitzt Jakob Schleifer (74) in seinem uralten Kinderkarussell und beobachtet das Geschehen.

Ab und zu kommen Lieferanten bei ihm vorbei und fragen nach dem Weg, weil sie bestimmte Kirmesgeschäfte suchen. Jakob Schleifer ist ein echtes Kirmesurgestein. Er kennt den Dürener Annakirmesplatz wie kaum ein anderer.

„Ich bin der einzige”, sagt der Mann mit dem verschmitzten Lächeln nicht ohne Stolz, „der seit 58 Jahren immer mit dem selben Fahrgeschäft auf dem Annakirmesplatz unterwegs ist.”

Jakob Schleifer hat das Schaustellerleben quasi mit der Muttermilch aufgesogen. Er wurde 1935 in Gürzenich geboren - im Wohnwagen auf einem kleinen Volksfest. „Heute bin ich sehr stolz, ein Schausteller zu sein”, sagt er. „Aber als junger Mann wäre ich gerne Autoschlosser geworden. Aber das wollte mein Vater nicht.”

Der hatte vielmehr gesagt „Ich brauche Euch fürs Geschäft.” Und die drei Kinder haben pariert. Bei seinen eigenen Sprösslingen war Jakob Schleifer weniger streng. „Zwei haben studiert, aber mein jüngster Sohn Toni übernimmt mal das Geschäft.”

Gerne erinnert Schleifer sich an die alten Zeiten auf der Annakirmes. „1946 zum Beispiel. Da war ich schon mit meinem Vater hier. Und die Leute hatten so kurz nach dem Krieg eine sehr große Vergnügungssucht.”

Der damalige Platzmeister, weiß Schleifer, hieß Schilling. „Und der wusste, dass mein Vater noch ein Kettenkarussell hatte. Und weil der Kirmesplatz so viele Lücken hatte, sollte mein Vater das kurzerhand noch holen. So einfach war das damals.” Zehn Pfennig hat früher die einfache Fahrt mit dem Kettenkarussell gekostet, zwölf Fahrten gab es für eine Mark. Heute kostet eine Runde schon 1,30 Euro. Jakob Schleifer: „Und das ist eigentlich noch zu wenig. Aber würden wir noch mehr verlangen, kämen überhaupt keine Leute.”

Die Zeiten, so Schleifer, seien härter geworden, der Druck größer. „Früher hatten wir weniger Stress.” Trotzdem kann der Annakirmes-Senior sich von seinem geliebten Rummel nicht trennen.

„Obwohl mein Sohn ja auch immer hier ist, bin ich jeden Abend bis zwei, drei Uhr auf dem Platz.” Er sei, so Jakob Schleifer nach kurzem Überlegen, einfach mit der Kirmes groß geworden. „Mein Herz hängt daran, ich komme davon nicht mehr los.”

So ziemlich das genaue Gegenteil von Jakob Schleifer und dessen äußerst gemütlichem Kinderkarussell ist der Bielefelder Jung-Schausteller Frank Oberschelp (33). Der ist mit seinem schnellen und hochtechnisierten Fahrgeschäft „High Impress”, vom Dürener Kirmesvolk liebevoll „Bratpfanne” getauft, zum ersten Mal auf der Annakirmes - und total begeistert.

„Die Dürener Kirmes hat einfach einen guten Ruf. Und wie ich dieses Jahr feststellen konnte auch zu Recht. Ich bin sehr zufrieden.” Die Mischung stimme einfach auf dem Platz.

„Es gibt nicht zu viele große Fahrgeschäfte. Da kann jeder gut leben.” Genau wie Jakob Schleifer kann sich auch Frank Oberschelp ein Leben ohne Kirmes nicht vorstellen. „Ich bin damit aufgewachsen.”

Auch Oberschelp hat keine abgeschlossene Berufsausbildung, er hat allerdings Kenntnisse in Schleifen und Elektrik. Besucht Jakob Schleifer mit seinem Karussell überwiegend Volksfeste in der Region, ist Frank Oberschelp jedes Jahr auf 25 Rummelplätzen in ganz Europa unterwegs.

„Wenn so eine Kirmes dann acht, neun Tage dauert, werde ich langsam nervös. Dann muss ich weiter.” Es ist das Nomadenleben, dass Oberschelp liebt, auch wenn das für seinen achtjährigen Sohn sicherlich nicht immer einfach ist.

„Wenn meine Schwiegereltern Zeit haben, bleibt der Junge bei ihnen und kann dann da auch zur Schule gehen. Wenn nicht, fährt er mit uns und besucht dann eben jede Woche eine andere Schule. Aber da muss er durch.”
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