Die Stunde Null: 600 Menschen in der Marienkirche

Von: Sandra Kinkel
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Rund 600 Menschen sind am Montagabend zum DN-Forum „Die Stunde Null“ in die Dürener Marienkirche gekommen. Die beiden Moderatoren Ingo Latotzki (rechts) und Stephan Johnen diskutierten mit Zeitzeugen, Historikern und Schülern aus Düren und Jülich. Foto: Sandra Kinkel

Düren. Plötzlich war es in der Marienkirche mucksmäuschenstill. Rund 600 Menschen schauen auf die große Leinwand und sehen Ausschnitte von Achim Konejungs Film „You enter Germany“, die die Zerstörung Dürens am 16. November 1944 zeigen. Düren und Jülich wurden damals nahezu komplett in Schutt und Asche gelegt, weit über 3000 Menschen kamen allein in Düren ums Leben. Die Stunde Null.

„Die Stunde Null“, so war auch die Veranstaltung der Dürener Nachrichten/Dürener Zeitung und Jülicher Nachrichten/Jülicher Zeitung am Montagabend in der Marienkirche überschrieben, die sich mit den schrecklichen Geschehnissen vom 16.11.1944 in Düren und Jülich auseinandersetzte. Unsere Redakteure Ingo Latotzki, Volker Uerlings und Stephan Johnen diskutierten mit Historikern, Zeitzeugen und Schülern.

Im Luftschutzkeller

„Es brannte rechts, es brannte links, es brannte überall, aber wir haben einen Weg gefunden und überlebt“, berichtete Marga Papewalis, die als junges Mädchen den Angriff in Düren in einem Luftschutzkeller des Kinos „Germania“ in der Wirtelstraße erlebt hat. „Wir haben auf dem Boden gelegen und gebetet. Es war grauenvoll.“ Kurz vorher war Marga Papewalis noch mit Bekannten auf das Dach des Kinos geklettert. „Ich wollte den Leuten Düren zeigen, es war ein wunderschöner Herbsttag. Aber plötzlich wurde der Himmel dunkel.“ Die ersten der 474 britischen Kampfbomber steuerten schon auf Düren zu.

Auch der Jülicher Rudi Schlusche hat den Angriff in Düren erlebt. „Wir wurden von der ersten Druckwelle in einen Splitterschutzgraben geschleudert. „Hunderte Bomben schlugen rund um uns ein. Danach kam noch die Welle der Brandbomben.“ Diese Ereignisse, so Marga Papewalis, könne sie nie vergessen. „Wenn der November kommt, erlebe ich das alles immer noch einmal. Es ist unvorstellbar, dass wir da lebend rausgekommen sind.“

Aber warum haben die Alliierten am 16. November 1944 ausgerechnet Düren und Jülich angegriffen? Der Dürener Historiker Dr. Horst Wallraff, Guido von Büren, Vorsitzender des Geschichtsvereins Jülich und Achim Konejung ordneten die Geschehnisse ein. Der Vormarsch der Alliierten war sechs Monate nach der Landung in der Normandie im Hürtgenwald ins Stocken geraten. Mit der „Operation Queen“, wie der Luftangriff auf Düren, Jülich und Heinsberg hieß, sollte einer neuen Offensive Richtung Rhein der Weg geebnet werden. Es sei Kriegstaktik der Royal Air Force gewesen, die Innenstädte mit einem Bombenteppich zu bedecken.

„Die Amerikaner dagegen“, so Achim Konejung, „haben die Verkehrswege zerstört. Die Alliierten wollten vor Weihnachten den Rhein erreichen.“ In Düren, so Wallraff weiter, habe damals noch fast normales Leben stattgefunden. „Der offizielle Evakuierungsbefehl ist erst am 18. November erteilt worden. Jülich war aber damals schon menschenleer, die meisten hatten sich selbst evakuiert.“ Das erklärt auch, warum die Zahl der Toten in Düren mit über 3000 fast drei Mal so hoch war wie in Jülich.

Rudi Schlusches Vater ist bei dem Angriff auf Jülich ums Leben gekommen. „Ich konnte das meiner Mutter 14 Tage nicht sagen. Ich wollte ihr nicht weh tun.“ Familie Schlusche wurde nach dem Angriff ins Siegerland evakuiert, Marga Papewalis kam nach Thüringen. „Als die Russen kamen, sind wir zurück nach Düren gekommen. Es war damals für mich unvorstellbar, dass es uns gelingen würde, die Stadt wieder aufzubauen.“ „Es war schrecklich“, sagt auch Rudi Schlusche. „Jülich lag komplett in Trümmern.“

„Es ist wichtig, sich mit der lokalen Geschichte auseinanderzusetzen“, so Sebastian Scheidt, Abiturient des Stiftischen Gymnasiums. „Die Geschichte macht uns zu dem, was wir sind.“

„Die Berichte, die wir heute gehört haben, sind sehr ergreifend. Sie hinterlassen ein Gefühl der Beklemmung“, ergänzt Luke Koeppe vom Jülicher Gymnasium Zitadelle. Allein der Gedanke an die Ereignisse vom 16. November lasse einen schaudern. „Was wir heute gehört haben, macht deutlich, dass sich diese Geschehnisse auf keinen Fall wiederholen dürfen.“ Er sei sehr froh, so Luke Koeppe, in Frieden leben zu können. „Das ist auch heute nicht selbstverständlich.“

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