Die närrische Geschichte der Stadthalle

Von: Ingo Latotzki
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Fear. Flößt die Stadthalle mittlerweile Furcht ein? Die Furcht vor einem Abriss ist nicht unbegründet. Fotos/Repros: Ingo Latotzki
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1. März, 1954, Rosenmontag: Karnevalisten legen symbolisch den Grundstein für die Stadthalle (links Prinz Heijo I. Schregel). Foto: Ingo Latotzki

Düren. Die Dürener Stadthalle hat eine närrische Geschichte. Es war der 1. März 1954, ein Rosenmontag, an dem der Grundstein für Dürens gute Stube, wie sie später genannt werden sollte, gelegt wurde.

Es war freilich keine normale und offizielle Grundsteinlegung. Sie hatte eher symbolischen Charakter. Dürens Politiker taten sich vor sechs Jahrzehnten schwer, den Bau der Stadthalle auf den Weg zu bringen.

Die politischen Gremien diskutierten häufig Pro und Contra. Zwar gab es Grundsatzbeschlüsse des Rates, aber offenbar verstrich den Karnevalisten damals zu viel Zeit, bis es losging. Weil sie selbst von der Stadthalle als Veranstaltungsort profitieren wollten, nahmen sie das Heft an jenem kalten Rosenmontag selbst in die Hand und riefen zur Grundsteinlegung auf. Anwesend waren Prinz Heijo I. (Schregel), andere hochrangige Karnevalisten, Oberbürgermeister Heinrich Spies und Mitglieder des Bauausschusses. So berichten es die Dürener Nachrichten in ihrer Ausgabe vom 2. März.

Der damalige Präsident des Festausschusses, Arnold Volles, forderte, „endlich einen Mittelpunkt für das gesellige Treiben der Stadt zu schaffen“. Es war ein eher ungemütlicher Rosenmontag. Die Offiziellen wateten laut blumiger Beschreibung der Dürener Zeitung durch „fußtiefen Lehm“, der an den Lackschuhen der Präsidenten und Ehrengäste hängen blieb und sie erdbraun färbte.

Den Tanzmariechen kroch die Gänsehaut aus den roten Stiefeln, „und so erlebte Düren eine Grundsteinlegung, die im langen Leben der Stadt ein- und erstmalig gewesen sein dürfte“. Oberbürgermeister Spies führte eine Initiativabstimmung herbei und ließ den Bauausschuss spontan abstimmen, ob nach Karneval mit dem Bau der Stadthalle begonnen werden sollte. Die Baupolitiker, die der Einladung zur Grundsteinlegung „begeistert“ gefolgt waren, stimmten mit Ja.

Es sei höchste Zeit gewesen, dass „unser Stadtrat durch eine Initiativhandlung wieder das Ruder ergriff“, kommentiert die Dürener Zeitung. Prinz Heijo hatte ihnen Rosenmontag zugerufen: „Ihr zagenden Rabenväter…“ Und Festausschuss-Präsident Volles meinte: „Wir zeigen Ihnen, wie es gemacht wird. Dann sehen und können Sie es auch.“ Ein Beleg dafür, dass die Politik damals offenbar zögerlich mit dem Projekt Stadthallenbau umging.

Was waren die Gründe dafür? Die Politiker stritten, ob in der damaligen Aufbauzeit die oberste Priorität städtischen Handelns nicht im Wohnungsbau liegen müsse. Zudem gab es Kritiker, die die Finanzierung in Frage stellten. Die Kosten wurden in einer Stadtratssitzung vom 12. November 1953 mit einer Million Mark angegeben.

400.000 waren im Haushalt veranschlagt, 150.000 Mark könnten als Zuschuss aus einem Grenzlandfonds kommen, aber nur, wenn das Geld bis zum 31. März 1954 verbaut sei, heißt es in einem im Stadtarchiv Düren vorliegenden Ratsprotokoll. Die Zeit drängte also. Der Rest musste aus weiteren Zuschüssen oder städtischen Geldern aufgebracht werden.

Positive Grundsatzbeschlüsse für den Bau der Stadthalle, die wegen der symbolischen Grundsteinlegung durch Karnevalisten am Rosenmontag 1954 „Narhalla“ genannt wurde, gab es am 12. November 1953 und am 15. Januar 1954.

Gleichzeitig sollte die Halle Aula für das Naturwissenschaftliche Gymnasium werden, dessen Bau ebenfalls diskutiert wurde. Damals schon hieß es aufgrund der zu erwartenden Betriebskosten, dass die finanzielle Unterhaltung „den Nachfolgern der jetzigen Stadtvertretung noch schweren Kummer bereiten dürfte“. Sollte die Halle gebaut werden, sei kein Geld mehr für neue Straßen und ihre Beleuchtungen vorhanden, befürchtete etwa Stadtrat Dr. Alm.

Kritiker wie das Ratsmitglied Hammans gingen davon aus, dass die Stadthalle nicht wirtschaftlich zu betreiben sei. Sie sei zu groß und werde voraussichtlich nur bei fünf Veranstaltungen im Jahr gut gefüllt sein (laut Ratsprotokoll vom 29. Dezember 1952; Stadtarchiv).

Dürens Karnevalisten teilten diese Skepsis nicht. Sie sahen die Möglichkeit, ein Heim für ihre Veranstaltungen zu bekommen. So kam es auch, nachdem die Stadthalle an der Bismarckstraße am 3. Dezember 1955 eingeweiht wurde. Die heutige Ruine wurde von Architekt Professor Hans Mehrtens aus Aachen entworfen. Fortan fanden in der neuen Stadthalle neben Tanz-, Box- oder Betriebsveranstaltungen auch die Prinzenproklamationen statt.

Bis zu Beginn der 2000er Jahre gab es in Dürens guter Stube Veranstaltungen. Heute sieht es so aus, als würde das Gebäude nach 60 Jahren nicht mehr viele Geburtstage feiern können. Dass die Halle abgerissen werden wird, gilt in der Dürener Politik als sehr wahrscheinlich. Damals wie heute ist die Stadthalle ein Politikum.

Damals und heute

Während die Stadtväter vor 60 Jahren unentschlossen und zögerlich waren, als es um den Bau ging, stehen sie heute vor rechtlichen Problemen, die sich aus einem Erbbaupachtvertrag mit einem angeblichen Investor ergeben, der vor Jahren ein Vier-Sterne-Hotel unter Einbeziehung des Stadthalle bauen wollte. Dazu ist es nie gekommen. Hinter vorgehaltener Hand ist im politischen Düren die Rede davon, dass bald eine bekannte Kette ein Hotel betreiben könnte.

Umfragen unter Dürener Unternehmen, inwieweit sie Kontingente für Gäste buchen würden, sollen positiv verlaufen sein. Die alte Stadthalle würde dann nach Aufhebung des Denkmalschutzes und Einigung mit dem derzeitigen Erbbaupachtnehmer, übrigens einem ehemaligen Dürener Karnevalsprinzen, abgerissen.

Damit wäre die närrische Geschichte der Stadthalle, die vor 60 Jahren an einem Rosenmontag begann, beendet.

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