Die Isolation durchbrechen

Von: Andreas Bongartz
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Die menschliche Begegnung im Blick: Rainer Federlin besucht als Ehrenamtler psychisch kranke Patienten der LVR-Klinik. Foto: Andreas Bongartz

Düren. Manchmal hilft es auch schon, wenn Rainer Federlin einfach nur die Hand seines Gegenübers hält. Dann hören die Arme auf zu zittern und der Patient wird ruhiger. Auch wenn dieser vielleicht nicht reden kann, ahnt Federlin, dass seine Anwesenheit gut tut.

„Es sind oft kleine Veränderungen, die eine große Bedeutung bekommen”, sagt Federlin. Kleine Dinge wie Zuhören, Spaziergänge oder eben die Hand des Anderen halten - für psychisch kranke Menschen kann dies ein Stück weit Genesung bedeuten.

„Jede menschliche Begegnung ist therapeutisch wirksam”, sagt auch Dr. Ulrike Beginn-Göbel, kommissarische ärztliche Direktorin der LVR-Klinik Düren. Weil dem so ist, gibt es an der LVR-Klinik seit 2006 einen ehrenamtlichen Besuchsdienst für psychisch Kranke. Rainer Federlin ist einer von acht Ehrenamtlern, die im Schnitt einmal pro Woche Patienten in der Gerontopsychiatrie besuchen.

Organisiert wird der Besuchsdienst von der evangelischen und katholischen Klinikseelsorge. „Viele psychisch Kranke werden von ihren Familienangehörigen ins soziale Abseits gestellt”, weiß Beginn-Göbel zu berichten. Dabei sei gerade menschlicher Kontakt wichtig für den Genesungsprozess.

Sich auf die Patienten einlassen und ihren Gefühlen von Trauer oder Abschied, ihren Lebenserwartungen und Träumen noch einmal Raum finden lassen, dafür fehlt im Arbeitsalltag jedoch häufig die Zeit.

Federlin nimmt sich die Zeit: „Ich stelle mich einmal die Woche eine Stunde zur Verfügung, höre und gucke zu.” Dass er dabei auch schon mal die eine oder andere Geschichte gleich mehrmals zu hören bekommt, liegt in der Natur der Dinge.

Manchmal versteht er auch gar nichts: „Ich habe einmal einen Patienten besucht, den habe ich gar nicht verstanden, er hat wie in einer anderen Sprache gesprochen.” Dann versucht der 66-jährige Federlin zu verstehen, was gefühlsmäßig in den Patienten vorgeht, Mimik und Gestik zu entschlüsseln. Häufig gibt es aber interessante Geschichten und Biographien zu hören.

Mit Menschen zusammen zu sein und ihnen zuzuhören, das ist ein Stück weit Federlins Profession und Passion. Bevor er pensioniert wurde, arbeitete er als Psychotherapeut in einem Gefängnis. Von daher hatte er auch keine Berührungsängste, als er 2008 das erste Mal von dem Besuchsdienst in einer Zeitungsannonce las.

„Im Gefängnis gibt es ja auch nicht ganz einfache Biographien”, sagt er. Da Federlin frisch pensioniert nach einer Möglichkeit suchte, seine Freizeit sinnvoll zu nutzen, dachte er sich warum nicht? Die Krankheiten der Patienten belasten ihn eigentlich nicht, nur einmal, da habe ihn eine Sache „eine Zeitlang mitgenommen”.

Federlin: „Eine Frau berichtete mir sehr offen von ihrer Krankheit - Krebs im Endstadium. Sie wusste es geht bald zu Ende, aber sie hatte noch Lebenswillen. Was macht man da?” Um die Ehrenamtler nicht alleine zu lassen, gibt es einmal im Monat Gruppentreffen, bei denen man sich austauscht und die Ehrenamtler Begleitung von den Mitarbeitern der evangelischen und katholischen Seelsorge bekommen. Außerdem werden sie vor Beginn des Besuchsdienstes an vier Abenden geschult. Es geht dann unter anderem um Methoden der Gesprächsführung, um das Kennenlernen von Klinik und Krankheitsbildern und die eigene Psychohygiene, sprich die Teilnehmer am Besuchsdienst müssen eine gewisse psychische Stabilität vorweisen: „Die Themen Tod, Trauer, Krankheit und Abschied nehmen - das müssen die Ehrenamtler aushalten können”, sagt Ulrike Grab von der evangelischen Klinikseelsorge.

Die Begegnungen mit den Patienten sind häufig intensiv, ohne Vorbedingungen finden sich die Ehrenamtler wie Federlin in vertrauensvollen Positionen wieder, der Besuch ist für die Patienten Wertschätzung.

„Wir glauben, dass das etwas ist, was unseren Patienten unmittelbar gut tut und wünschen uns eine Ausdehnung”, meint Dr. Ulrike Beginn-Göbel. Angedacht sind zum Beispiel Patienten der Allgemeinpsychiatrie oder im Heimbereich. Als Zielgruppen nicht in Betracht kommen die Stationen der Forensik, der Suchtabteilung und der allgemein-psychiatrischen Akutstationen.

In Kürze beginnt eine weitere Ausbildungsgruppe für den Besuchsdienst für psychisch Kranke. Für alle, die sich hierfür interessieren, gibt es am Donnerstag, 25. März, 19 bis 21 Uhr, ein Infotreffen im Besprechungsraum des Schwesternwohnheims.

Treffpunkt ist an der Pforte der LVR-Klinik, Meckerstraße 15. Bei weiteren Fragen kann man sich an Pfarrerin Ulrike Grab (02421/402634) oder Nicoline van den Bos-Nicolai (02421/402212) wenden.

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