Die Erinnerung an die Juden von Embken wach halten

Von: Burkhard Giesen
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Heimathistoriker Franz-Josef Brandenburg - hier vor dem Gedenkstein für die jüdischen Bürger von Embken - hält die Erinnerung an die ehemalige jüdische Gemeinde wach. Foto: Burkhard Giesen

Embken. Der Nideggener Heimathistoriker Franz-Josef Brandenburg kann viele Geschichten erzählen. Zum Beispiel die von Emil Kamp, der im Jahr 1907 in Embken geboren wurde, die Zeit des 2. Weltkrieges in Kolumbien verbrachte, nach Deutschland zurückkehrte und im Jahr 2000 in Düren verstarb. Kamps Lebensweg ist aus vielerlei Hinsicht bemerkenswert.

Er, ein Jude, dessen Vater Schützenkönig in Embken war, der emigrieren muss, eine Frau heiratet, die das Ghetto in Riga überlebt hat, der in seine Heimat zurückkehrt und bis zu seinem Lebensende in Düren am Freitagmittag im Restaurant eines Kaufhauses essen geht, das früher mal einem Juden gehörte und arisiert worden war und wo er 1928 eine Stelle angetreten hatte. Brandenburg hat die Geschichte der Nideggener Juden erforscht und in mehreren Veröffentlichungen beschrieben.

In Embken kann er diese Geschichte beispielhaft veranschaulichen. Dort gibt es den einzig erhaltenen jüdischen Friedhof der Stadt, verborgen am Ortsausgang, unmittelbar an einem Wald, am Mühlenberg. Hinweisschilder gibt es nicht. „Der Friedhof ist mehrfach geschändet worden. Zuletzt im Winter 1988“, erinnert sich Brandenburg. „Jetzt ist Ruhe.“

Schüler aus Vossenack haben im Wald nahe des Friedhofs Grabsteine wiedergefunden, gesichert und auf den Friedhof zurückgebracht. Vor zwei Jahren hat die Jugendfeuerwehr Embken/Muldenau die Pflege übernommen. Die Jugendlichen haben abgesunkene Grabsteine wieder hergestellt und mit einem Betonsockel versehen. „‘Haus der Ewigkeit‘ heißt der Friedhof im Hebräischen“, erläutert Brandenburg.

Das ist mit eine Erklärung dafür, warum sich jüdische Friedhöfe oft weiter außerhalb einer Siedlung befinden – die ewige Totenruhe ist hier ungestört. Aber, so Brandenburg weiter, es gab auch immer profane Gründe: „Den Juden wurden meist nur die Grundstücke angeboten, die sonst niemand gebrauchen konnte.“

Wie groß die jüdische Gemeinde in Embken war, lässt sich heute nur schwer nachvollziehen. Bis 1930 dürften es bis zu 50 Bürger gewesen sein. „Die Juden im Stadtgebiet Nideggen zählten zu den Landjuden, die sich vornehmlich vom Viehhandel ernährten, Handwerken nachgingen, Metzgereien oder Kolonialwarenläden betrieben“, so Brandenburg. Die meisten von ihnen lebten in Embken, das gemeinsam mit Berg und Wollersheim eine jüdische Gemeinde bildete, die um 1867 in Embken ihre eigene Synagoge baute.

„Es war ein einfaches Gebäude, das vorletzte Haus auf der rechten Straßenseite im Bereich ‚Im Kirschland‘“, erzählt Brandenburg. „Unten Bruchstein, oben Fachwerk, war die Synagoge etwa fünf Meter hoch. Frauen und Kinder konnten den Gottesdienst auf einer kleinen Empore mit verfolgen. Der Betraum war etwa sechs mal 15 Meter groß, am Ende stand der Thoraschrein. Leider gibt es weder ein Foto, noch eine Zeichnung der Synagoge“, bedauert Brandenburg.

Zerstört wurde sie von den Nazi-Schergen am 10. November 1938. „Dem Vernehmen nach waren das damals Männer in Uniform aus dem Dürener Raum, einer auch aus Embken selbst“, berichtet Brandenburg.

Heute sieht man keine Spuren der Synagoge mehr. „Schüler des Vossenacker Gymnasiums haben 1988 im Rahmen ihres Unterrichtes hier Grabungen vorgenommen und sind auf Mauerreste gestoßen“, erinnert sich Brandenburg. Das führte allerdings zu Verwicklungen, weil sich das Rheinische Amt für Bodendenkmalpflege einschaltete. Die Grabung wurde damals verboten, sogar ein hohes Bußgeld angedroht.

Drei Jahre zuvor hatten die Embkener sich der Mitbürger erinnert, die zwischen 1933 und 1945 deportiert und in Vernichtungslagern ermordet wurden. Mitten im Ort wurde eine Bronzetafel aufgestellt, durch großzügige Spenden der Embkener Bürger finanziert.

Brandenburg schätzt, dass insgesamt 79 Nideggener Juden deportiert wurden. Nur sieben von ihnen überlebten. So wie Emil Kramp, den Brandenburg bei der Einweihungsfeier zur Embkener Gedenktafel kennenlernte. Kramp hat überlebt, weil er frühzeitig emigrierte. Brandenburg: „Die jungen Leute haben damals schneller kapiert, dass sie abhauen mussten. Die Älteren glaubten, ihnen wird nichts passieren. Sie waren schließlich integriert.“

Ein tragischer Trugschluss.

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