Düren - Der Weg aus der Schuldenfalle: Hilfe bei der Beratungsstelle

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Der Weg aus der Schuldenfalle: Hilfe bei der Beratungsstelle

Von: Ingo Latotzki
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Karl-Günter Riehn ist ein typischer Fall: Er nahm einen Kredit auf, verlor seine Arbeit und konnte seine Schulden nicht mehr bezahlen. Seit dem ist der Dürener in der privaten Insolvenz. Foto: Ingo Latotzki

Düren. Karl-Günter Riehn hat auf dem Weg zum Briefkasten schon mal Schweißausbrüche gehabt. Sein Puls schoss in die Höhen eines 10.000-Meter-Läufers, das Herz raste. Nur weil es zum Briefkasten ging.

Riehn, 36, hatte Angst vor einer speziellen Sorte Post: Rechnungen, Mahnungen, Pfändungsbescheide oder Drohbriefen von Inkasso-Büros, die seine Schulden eintreiben wollten.

Aber es gab nichts einzutreiben. Riehn, 36, hatte nichts.

Das ist ein paar Jahre her. Heute hat Riehn immer noch nichts, aber er muss nicht mehr diese Angst haben, wenn er zum Briefkasten geht.

Karl-Günter Riehn hat vor drei Jahren einen Antrag auf private Insolvenz gestellt.

Das geht seit 1999. Wenn alles gut läuft, kann man nach sechs Jahren schuldenfrei sein, so sieht es das Gesetz vor, aber es ist ein harter Weg.

Karl-Günter Riehn hat ungefähr die Hälfte hinter sich und scheint wild entschlossen, auch die zweite Hälfte zu schaffen. „Dann geht es mir besser”, sagt er, und auch das: „So etwas passiert mir nicht noch einmal.”

Alles beginnt mit einem Kredit, den der Dürener aufnimmt und nicht zurückzahlen kann, weil er seinen Job verliert. 5000 D-Mark. Davon kaufte er ein gebrauchtes Auto. Und schloss Handy-Verträge ab, nicht einen, mehrere. Dies und das kam dazu, irgendwann platzte die Blase und Rhien war quasi pleite. Konnte seine Raten nicht mehr zahlen, ein Job war nicht in Sicht.

Rechnungen, Mahnungen, schriftliche Drohungen, endlich zu zahlen - jeden Tag wuchs die Angst von Rhien, zum Briefkasten zu gehen. Erst recht, nachdem der Gerichtsvollzieher bei ihm klingelte. Das bekommt die Nachbarschaft mit, „mehr als peinlich”, sagt Rhien.

Dann ein persönlicher Schicksalsschlag, über den er nicht reden will, „etwas Privates”. Rhien bricht zusammen, bekommt Depressionen, wird behandelt. Kein Licht am Ende des Tunnels.

Rhien musste eine eidesstattliche Versicherung leisten, früher nannte man das Offenbarungseid. „Ich musste offiziell erklären, dass ich nichts habe.” Rhien ging zur Schuldenberatung der Evangelischen Gemeinde.

„Ein typischer Fall”, sagt Fachberaterin Dagmar Becker. Trennung, Scheidung, Arbeitslosigkeit: Das seien klassische Voraussetzungen für eine private Insolvenz. „Wenn man einmal eine Rate nicht zahlt, kann man ganz schnell in den Strudel geraten.” Dietlinde Folger-Kastrau, ebenfalls Fachberaterin bei der Evangelischen Gemeinde, weiß, dass es „heutzutage auch relativ einfach ist zu konsumieren”.

Kataloge, im Internet, überall Verlockungen, teils werden vermeintlich günstige Kredite gleich mit angeboten. Dietlinde Folger-Kastrau kennt Jugendliche, die an einem Tag drei Handyverträge abgeschlossen haben. „Die wollten in erster Linie die Geräte, um sie weiter zu verkaufen.”

Karl-Günter Rhien nickt. Solche Geschichten kennt er auch. Sie gehen meist nicht gut aus.

Jetzt, nach seiner Privatinsolvenz, bleiben Rhien 300 Euro zum Leben. Er ist Hartz IV-Empfänger und hat gleichzeitig einen Minijob bei der Caritas. Er arbeitet als Pflegediensthelfer. 100 Euro darf er behalten, der Rest des Verdientes wird auf sein Arbeitslosengeld II-Geld angerechnet.

Dennoch scheint Rhien kein unglücklicher Mensch zu sein. „Der Druck ist weg”, sagt er. Druck, der entsteht, wenn Gläubiger ihr Geld haben wollen. „Das kann sehr unangenehm werden”, sagt Riehn.

Bei einer privaten Insolvenz werde das, was da ist, gleichmäßig verteilt, sagt Dagmar Becker, „nicht der Gläubiger, der am lautesten schreit, wird zuerst bedient, sondern alle zusammen.” Der Schuldner muss jede zumutbare Arbeit annehmen und „einen gewissen Lernprozess durchlaufen”, sagt Becker.

Das sei beim der Fall, sagt Karl-Günter Rhien, „auf jeden Fall”. So weit unten wolle er sich nicht noch einmal sehen. Er kauft in Secondhand-Läden und nimmt heute das gebrauchte Handy seiner Eltern. „Es muss ja nicht immer das Neueste sein.”

Diese Einsichten helfen sicher auch für den Weg zum Briefkasten.

Den legt Karl-Günter Rhien heute entspannter zurück - ohne Herzrasen und Schweißausbrüche.
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