„Der Tarifvertrag ist kein Kunstwerk des Arbeitsrechts”

Von: Mischa Wyboris
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Düren. Ruth Altmeyer und ihre fünf Mitarbeiterinnen sollen ab November endlich mehr Geld bekommen. Eigentlich ein Grund zur Freude, denn auch dafür ist die Leiterin der städtischen Kindertageseinrichtung „Villa Winzig” mit ihrem Personal und den Erzieherinnen vieler anderer städtischer Kitas vor fast fünf Monaten schließlich in den Streik getreten.

Ihre Verärgerung, der sie bei den Demozügen im vergangenen Mai Luft verschafft hat, ist mit der geplanten Gehaltserhöhung von monatlich rund 150 Euro pro Erzieherin jedoch nicht verflogen.

„Die Anforderungen an uns steigen, aber das Gehalt bleibt immer noch dahinter zurück”, habe sich Altmeyer erhofft, dass der Verdienst der Erzieherinnen an den Lohn von Grundschullehrerinnen angeglichen würde.

Mehr Kinder als früher, die zudem auch noch viel jünger sind, aber weniger Personal - das Berufsbild der Erzieherinnen an Kindertagesstätten hat sich stark verändert, weiß auch Altmeyer, die seit 13 Jahren die Winzlinge in der „Villa Winzig” betreut.

Das bekannte Resultat: Viele Kolleginnen klagen über Stresssymptome und Rückenbeschwerden, die Fehlstunden häufen sich. „Und dann sollen wir noch Familienzentrum sein und am Stadtteilprojekt mitarbeiten” - natürlich ohne Aufstockung des Personals, schildert die Pädagogin.

Zumindest in Sachen Gesundheitsschutz kommt etwas ins Rollen: die Erzieherinnenstühle nämlich. Bis Januar 2010 soll - trotz der am 6. Oktober erlassenen Haushaltssperre - jede Kita mit den rund 300 Euro teuren, höhenverstellbaren Sitzen ausgestattet sein, versichert Manfred Savelsberg, Leiter des Jugendamtes, dem die zehn städtischen Kitas untergeordnet sind. Zudem habe die Stadt die im Kinderbildungsgesetz (Kibiz) verfügten Freistellungsanteile umgesetzt und zur Kompensation des Personalausfalls je eine Berufspraktikantin an die Kitas gebracht. „Ich bin dennoch skeptisch, ob sich jenseits der Gesundheitsvorsorge viel verändert”, sagt Savelsberg mit Blick auf die gleich groß gebliebenen Kindergruppen.

„Der Tarifvertrag ist kein Kunstwerk des Arbeitsrechts”, bemängelt Johannes Veith, Kreisvorsitzender der Arbeiterwohlfahrt, deren Kita-Angestellte vom Streikergebnis der städtischen Kita-Belegschaft profitieren werden, denn die AWO ist Rechtsnachfolger von Stadt und Kommunen. Zwar bringe der neue Vertrag „eine Lohnerhöhung, aber keine Ordnung im Tarifrecht”. Noch immer gebe es ungerechte, weil ungleiche Entlohnung; noch immer werde im Vergleich zu den Kolleginnen schlechter bezahlt, wer nach der Ablösung des Bundesangestelltentarifvertrags 2005 in den Erzieherinnenberuf eingestiegen sei.

Bei einem Job, der den Pädagoginnen indes immer mehr abverlangt: „Wir müssen sehr viel individueller mit den immer mehr werdenden Kindern umgehen und führen viele Beratungsgespräche mit den Eltern”, skizziert Altmeyer, die mit ihren Kolleginnen 40 Kinder betreut. Eine kleine Kita mit weniger kleinen Problemen: „Wir bemühen uns, Das nimmt man jeden Tag mit nach Hause.”

„die zusätzliche Belastung, jedes Kind individuell betreuen zu müssen

Auch wenn sich der Verdienst bessert, das Bewusstsein wachsender Belastung in den Kitas bleibt. Hat der Steik überhaupt etwas gebracht? „Er hat sich gelohnt, weil er eine wichtige Entwicklung gebracht hat”, sagt Altmeyer: „In der Öffentlichkeit hat unsere Arbeit endlich Ansehen erlangt.”
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